Es gibt Zeiten, in denen bei der "großen Politik" die Pflege internationaler Beziehungen schwierig ist und die Kommunen Vorreiterfunktion übernehmen. Das war 1955 so, als die Städtepartnerschaft zwischen Nancy und Karlsruhe gegründet wurde – und es ist nach Ansicht von Oberbürgermeister Dr. Frank Mentrup auch 70 Jahre später wieder so.
Dass die beiden Partnerstädte weiterhin als "Keimzelle für Miteinander und Gemeinsamkeit" funktionieren, wurde bei der Jubiläumsfeier am vergangenen Wochenende eindrucksvoll unterstrichen. So standen neben dem Festakt im Bürgersaal eine Reihe weiterer Veranstaltungen auf dem Programm und zudem dokumentierte die Teilnahme von Vertretern aus der gemeinsamen ukrainischen Partnerstadt Winnyzja, dass sich die einstige Zweierbeziehung inzwischen zu einer funktionierenden trilateralen Partnerschaft weiterentwickelt hat.
Anfänge vor 70 Jahren
"Alles begann mit dem mutigen Schritt einer Lehrerin und ihrer Schülerinnen", erinnerte Mentrup an die Anfänge vor 70 Jahren. Die aus einer deutsch-französischen Ehe stammende Lehrerin Elisabeth Teichmann hatte die Bande zwischen dem hiesigen Lessing-Gymnasium und dem Lycée Jeanne d‘Arc aus Lothringens Hauptstadt geknüpft. Einige Wochen später folgte dann eine offizielle Delegation aus der Fächerstadt, ohne große Feierlichkeiten. "Eine bescheidene Geste, deren Tragweite sich jedoch als immens erwies", sagte Nancys Oberbürgermeister Mathieu Klein in seinem Grußwort, "eine Geste, die ich im edelsten Sinne des Wortes als 'heroisch' bezeichnen würde: die Hand ausstrecken, ohne zu wissen, ob sie ergriffen wird".
OB Mentrup wiederum verwies darauf, dass der Elysée-Vertrag zur deutsch-französischen Aussöhnung erst 1963 unterzeichnet wurde. "Hätte es nicht so viele mutige Städte gegeben", wäre dieses Abkommen vielleicht noch später zustande gekommen. Denn Karlsruhe und Nancy waren als sechste deutsch-französische Partnerschaft damals echte Vorreiter.