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Die Reinhold-Frank-Gedächtnisvorlesung wird seit dem Jahr 2000 in Erinnerung an den Widerstandskämpfer Reinhold Frank jährlich im Juli gehalten. Das Beispiel des politisch engagierten Rechtsanwalts soll den Blick auf freiheitliche Bestrebungen in Geschichte und Gegenwart lenken, wobei der Schwerpunkt auf Aspekten der Menschen- und Bürgerrechte liegt: Widerstand im Nationalsozialismus und Kommunismus, Freiheit in Diktaturen, Zivilcourage im öffentlichen Raum.
Die frühere DDR-Bürgerrechtlerin und langjährige Bundesbeauftragte für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik Marianne Birthler spricht anlässlich von 65 Jahren Mauerbau.
Reinhold Frank, aus Oberschwaben gebürtig, lebte seit 1923 in Karlsruhe als Rechtsanwalt. Während der Zeit des Nationalsozialismus verteidigte er zahlreiche NS-Gegner bis zum Volksgerichtshof. Nach mehreren Treffen mit Carl Friedrich Goerdeler, einem der führenden Köpfe des politisch-konservativen Widerstandes in Berlin, stellte sich Frank als politischer Beauftragter für Baden im Falle eines gelungenen Umsturzes zur Verfügung. Einen Tag nach dem misslungenen Attentat vom 20. Juli 1944 wurde er in Karlsruhe verhaftet, da die Gestapo in Berlin eine Liste mit den Namen Beteiligter gefunden hatte. Am 23. Januar 1945 wurde Reinhold Frank in Berlin-Plötzensee hingerichtet.
Das Beispiel des politisch engagierten Rechtsanwalts Reinhold Frank soll den Blick auf freiheitliche Bestrebungen in Geschichte und Gegenwart lenken, wobei der Schwerpunkt auf Aspekten der Menschen- und Bürgerrechte liegt: Widerstand im Nationalsozialismus und Kommunismus, Freiheit in Diktaturen, Zivilcourage im öffentlichen Raum. Alljährlich berichten interessante und zum Teil auch sehr prominente Persönlichkeiten der Zeitgeschichte von ihrem Einsatz für Freiheit und Demokratie.
Die ersten Veranstaltungen fanden wechselweise in Rastatt und Karlsruhe statt und wurden von den Städten Rastatt und Karlsruhe sowie dem Bundesarchiv (Erinnerungsstätte für die Freiheitsbewegungen in der deutschen Geschichte in Rastatt) und der Forschungsstelle Widerstand gegen den Nationalsozialismus im deutschen Südwesten an der Universität Karlsruhe durchgeführt. Veranstalterin der Reinhold-Frank-Gedächtnisvorlesung ist die Stadt Karlsruhe; als Mitveranstalter fungieren das Bundesverfassungsgericht, der Bundesgerichtshof, die Bundesanwaltschaft, die Rechtsanwaltskammer beim BGH, das Oberlandesgericht Karlsruhe, die Rechtsanwaltskammer Karlsruhe, das Landgericht Karlsruhe und das Amtsgericht Karlsruhe.
Prof. Dr. Dr. h. c. mult. Susanne Baer
Susanne Baer ist Professorin für Öffentliches Recht und Geschlechterstudien an der Humboldt-Universität zu Berlin, Global Law Professor der University of Michigan Law School und Centennial Professor an der LSE London. Von 2011 bis 2023 war sie Richterin des Bundesverfassungsgerichts im Ersten Senat.
Redemanuskript der Reinhold-Frank-Gedächtnisvorlesung 2025 770 KB (PDF)
Die Historikerin und Germanistin Dr. Irina Scherbakowa war Ende der 1980er Jahre Mitbegründerin der Organisation Memorial, der bis zu ihrem Verbot 2021 grössten Menschenrechtsorganisation Russlands. Für ihr Engagement erhielt sie 2022 den Friedensnobelpreis. Seit dem russischen Überfall auf die Ukraine lebt Dr. Irina Scherbakowa im Exil in Berlin und Israel.
Der nachfolgende Text stellt die Rede dar, die im Rahmen der Reinhold-Frank-Gedächtnisvorlesung gehalten wurde. Der mündliche Sprachstil wurde auf Anregung der Rednerin durch das Kulturamt/Kulturbüro der Stadt Karlsruhe behutsam an eine lesefreundliche Form angepasst. Der Inhalt repräsentiert die Meinung der Rednerin und soll zur Information und Diskussion anregen.
19. Juli 2023, 18 Uhr
Karlsruhe, Bürgersaal
Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Andreas Voßkuhle
Lehrstuhl für Öffentliches Recht an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg i. Br. und Direktor des Instituts für Staatswissenschaft und Rechtsphilosophie, Abteilung 1 (Staatswissenschaft)
Präsident des Bundesverfassungsgerichts a. D.
19. Juli 2022
Karlsruhe, Bürgersaal
Joanna Maria Stolarek
Leiterin des Warschauer Büros der Heinrich-Böll-Stiftung
22. Juli 2021
Karlsruhe, Bürgersaal
Siegbert Schefke
18. Juli 2019
Karlsruhe, Bürgersaal
Professor Dr. Heribert Prantl
20. Juli 2018
Karlsruhe, Bürgersaal
Professorin Dr. Malgorzata Gersdorf
Präsidentin des Obersten Gerichts der Republik Polen
Polen ist noch eine junge Demokratie. Als eines der schwächsten Glieder in der Kette der europäischen Nationen dient das Land heute zugleich als ein Lackmustest für den Zustand der ganzen Europäischen Union. Ich könnte einen ausführlichen Exkurs in die vergangenen 200 Jahre polnischer Geschichte machen, die einen Schatten auf den gegenwärtigen Streit in meinem Land wirft. Jedoch glaube ich, dass derlei Ausführungen wenig Sinn ergeben, weil es in der Seele eines jeden Landes düstere Winkel gibt.
Der Demokratisierungsprozess wurde in Polen weder genügend debattiert noch von einer breiten Bildungskampagne begleitet. Niemand hat den Bürgern erklärt, wie die Gesetze funktionieren und warum sie befolgt werden müssen. Im Gegenteil: Das Recht galt in Polen oft als ein Hindernis auf dem Weg einer schnelleren Modernisierung des Staates, ein Hindernis, über welches man sich nicht allzu viele Gedanken machen müsse. Denn es zähle einzig das Endergebnis: der gestiegene Wohlstand des Staates und der Bürger. Es galt bereits als eine große und nachhaltige Errungenschaft, Polen mit den politischen Strukturen des Westens bekannt zu machen. Dabei galt die oberflächliche Aufmerksamkeit nicht den grundlegenden Strukturen, sondern eher verschiedenen Kennziffern, die sich langfristig unweigerlich verändern würden.
Vielleicht fragt jemand an dieser Stelle – und solche Fragen hat es tatsächlich gegeben – ob es nicht ein Fehler gewesen sei, Polen in die Europäische Union aufzunehmen. Ganz und gar nicht! Die vergangenen 14 Jahre der polnischen Mitgliedschaft in der EU waren eine enorm lehrreiche und positive Erfahrung. Lehrreich sind für uns auch die jetzigen Umstände in Polen. Wir haben begriffen, dass ein Rechtsstaat kein Zustand ist, den man erreicht, sondern ein Ideal, das man kontinuierlich anstreben muss.
Wir sollten uns nichts vormachen lassen: Auch in einigen augenscheinlich stabilen Ländern mit altehrwürdigen Demokratien beobachtet man heute nihilistische Einstellungen, politischen Extremismus und die Missachtung von Gesetzen. Der einzige Unterschied ist vielleicht nur das Ausmaß solcher Phänomene. Sie treten verstärkt hervor in Zeiten der sozialen und wirtschaftlichen Krise, die wir seit dem Beginn des 21. Jahrhunderts erlebt haben.
Die Juristen in Polen können kein Stillschweigen bewahren über den immensen Schaden, der durch die Gesetzgebung der vergangenen zwei Jahre dem Rechtssystem des Landes zugefügt worden ist. Dieser Schaden ist leider gewaltig, die Hoffnung auf eine Besserung in der nächsten Zukunft ist gering. Die Unabhängigkeit des polnischen Verfassungsgerichts ist vernichtet, seine Richtergremien wurden manipuliert als Reaktion auf die Erwartungen der regierenden Partei. Der Justizminister übt zugleich auch die Funktion des Generalstaatsanwalts aus.
In seinen Händen hält er nun alle notwendigen Instrumente zur Beeinflussung jeglicher juristischer Vorgänge im Land, insbesondere im Bereich des Strafrechts. Die Präsidenten des Gerichts sind ihm gegenüber auskunftspflichtig. Und als wäre dies nicht schon schlimm genug, hat der Justizminister noch mehr als die Hälfte der Sitze im Landesjustizrat mit Personen ohne konstitutionelle Mandate besetzt, die ihm persönlich zu Dank verpflichtet sind. Die Parteimaschine kann je nach Lust und Laune der Regierenden jeden in Polen auf den Thron heben wie auch jeden vernichten. Im Obersten Gericht hat eine Säuberung stattgefunden, die als eine nachträgliche Änderung der Regelung zum Pensionsalter maskiert ist. Der Inhalt der wesentlichen Gesetzgebung über die Rechtsstaatlichkeit wird fortwährend verändert, oft in einem Zeitraum von nur wenigen Tagen bis zu den Entscheidungen und ohne dass dabei jemand zur Beratung und fachlichen Bewertung hinzugezogen wird.
Was kann die Präsidentin einer obersten rechtlichen Instanz tun, wenn jemand versucht, ihre verfassungsmäßige Amtszeit illegal zu beenden? Das Einzige, was ihr bleibt, ist es, die Dinge beim Namen zu nennen. Sie kann nicht unpolitisch sein, wenn die Einhaltung der Verfassung zu einer politischen Angelegenheit schlechthin geworden ist. So sind die Bedingungen heute in Polen, und ich hoffe, dass es nicht morgen in Deutschland so aussehen wird!
Als polnische Richterin möchte ich diese Gelegenheit für einen Appell für mehr Europa in Europa nutzen. Wir sind der EU-Kommission und insbesondere deren Ersten Vize-Präsidenten Frans Timmermans sehr dankbar dafür, dass er die Prinzipien der Rechtsstaatlichkeit so leidenschaftlich verteidigt. Und dennoch ist das Mandat der Europäischen Institutionen heute entschieden zu schwach, besonders in Anbetracht der autoritären und nationalistischen Entwicklungen, die wir leider erleben, auf dem Gebiet der Europäischen Union, aber auch jenseits ihrer Grenzen.
Mir ist wohl bewusst, dass einige Regierungen der EU-Mitgliedsstaaten – zu denen ich Deutschland nicht zähle – offensichtlich dazu geneigt sind, die sogenannte Reform der polnischen Justiz als eine interne Angelegenheit zu sehen, in die man sich von außen nicht zu exzessiv einmischen sollte. Dennoch hat sie für uns eine hohe Priorität, die auch für unsere gemeinsame Zukunft bedeutsam ist! Sollten die Europäische Union und ihre Mitgliedsstaaten die getroffene Regelung in diesem Konflikt so durchgehen lassen, könnte von dem Markenzeichen der Union – nämlich, der Achtung von Grund- und Menschenrechten – bald nur noch eine traurige Erinnerung zurückbleiben.
Wir brauchen einander. Darum möchte ich diese Chance auch dazu nutzen, um die Organisation eines paneuropäischen Juristenkongresses vorzuschlagen, bei dem wir mehr übereinander erfahren und die Zukunft der Gesetzgebung in einem auf den Prinzipien der Rechtsstaatlichkeit basierenden Europa diskutieren könnten. Die Europäische Union gründet auf der Stärke ihrer Bürger, sie sollte nicht den Politikern alleine überlassen werden.
Der frühere Bundeskanzler Konrad Adenauer sagte einmal einen Satz, der für mich eine ganz besondere Bedeutung hat: „Die Weltgeschichte ist auch die Summe dessen, was vermeidbar gewesen wäre“. An dieser schwierigen geschichtlichen Wegscheide tragen wir, die europäischen Richter und Anwälte, eine einzigartige Verantwortung. Lassen wir es nicht dazu kommen, dass die üblen populistischen Kräfte die wunderbare europäische Idee zerstören. Wenn wir uns geschlagen geben, werden unsere Kinder und Enkelkinder es uns vielleicht niemals vergeben. Lassen Sie uns alle zu Anwälten des Rechtsstaats werden: So lautet meine Botschaft an meine deutschen Freunde, eine Botschaft aus dem Nachbarland.
Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung der Badischen Neuesten Nachrichten.
Es handelt sich um die von den Badischen Neuesten Nachrichten gemachte Übersetzung der englischen Originalfassung.
18. Juli 2017
Karlsruhe, Bürgersaal
Gül Pinar
Daniel-Dylan Böhmer
13. Juli 2016
Karlsruhe, Bürgersaal
Ágnes Heller
17. Juli 2015
Karlsruhe, Bürgersaal
Professor Dr. Dr. Norbert Gross
25. Juli 2014
Karlsruhe, Bürgersaal
Jörg Armbruster
ARD-Korrespondent
14. Juni 2013
Karlsruhe, Bürgersaal
Professorin Dr. Dr. h.c. Angelika Nußberger
Richterin am Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte
19. Juli 2011
Karlsruhe, Bürgersaal
Dr. Günter Kröber
21. Juli 2010
Karlsruhe, Bürgersaal
Richard Wagner und Helmuth Fraundorfer
22. Juli 2009
Karlsruhe, Bürgersaal
Christian Führer
Ehemaliger Pfarrer der Nikolaikirche Leipzig
10. September 2008
Karlsruhe, Bürgersaal
Professor Dr. Michael Kißener
Johannes Gutenberg Universität Mainz
16. Juli 2007
Rastatt, Ahnensaal des Rastatter Schlosses
Professor Hans Maier
Bayrischer Kultursminister (1970 bis 1986)
17. Juli 2006
Karlsruhe, Bürgersaal
Professorin Gesine Schwan
Universität Viadrina, Frankfurt/Oder
19. Juli 2005
Rastatt, Ahnensaal des Rastatter Schlosses
Erwin Teufel
Ministerpräsident Baden-Württembergs (1991 bis 2005)
19. Juli 2004
Karlsruhe, Bürgersaal
Wolfgang Schäuble
Bundesinnenminister (1980 bis 1991 und seit 2005)
17. Juli 2003
Rastatt, Ahnensaal des Rastatter Schlosses
Pfarrer Joachim Gauck
Leiter der „Gauck-Behörde“ 1990 bis 2000
17. Juli 2002
Karlsruhe, Bürgersaal
Klaus von Dohnanyi
Erster Bürgermeister der Freien und Hansestadt Hamburg (1981 bis 1988)
23. Juli 2001
Rastatt, Ahnensaal des Rastatter Schlosses
Professor Dr. Klemens von Klemperer
Smith-Colege, Northampton
24. Juli 2000
Karlsruhe, Ständehaus
Professor Peter Hoffmann
Historiker, McGill
University Montreal
Kulturamt
Kulturbüro Fachbereich 3