„Ihr seid alle so schön!“, habe der damalige Grünen-Politiker Udo Knapp vor 36 Jahren als Sitznachbar im Flugzeug über die Menschen aus der ehemaligen DDR gesagt. Am äußeren könne es kollektiv nicht gelegen haben, meint Marianne Birthler augenzwinkernd – vielmehr müsse es ihm um die Ausstrahlung gegangen sein, sich nun frei zu fühlen. Die Anekdote blieb hängen.
Unter dem Titel „Über die Schönheit freier Menschen“ setzte sich Birthler mit Gedanken zu Freiheit und dem Umgang mit Bedrohungen durch autoritäre Bestrebungen bei der 26. Reinhold-Frank-Gedächtnisvorlesung am 22. Juli im Bürgersaal des Rathauses auseinander. Birthler war Bürgerrechtlerin in der DDR und von 2000 bis 2011 Bundesbeauftragte für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der DDR.
Mit der Reinhold-Frank-Gedächtnisvorlesung erinnert die Stadt an den Karlsruher Rechtsanwalt Reinhold Frank, der während der NS-Diktatur politische Gefangene vertrat und nach dem Attentat auf Hitler 1945 hingerichtet wurde. Die Veranstaltung soll den Blick auf Menschen- und Bürgerrechte richten. Unter den Rednern waren bislang Friedensnobelpreisträgerin Dr. Irina Scherbakowa, Prof. Dr. Andreas Voßkuhle, Prof. Dr. Susanne Baer oder Joachim Gauck. Im Vorfeld erklärte Oberbürgermeister Dr. Frank Mentrup, Reinhold Frank sei ein Beispiel dafür, wie es einem einzelnen Menschen gelingen könne, sich gegen ein übermächtiges Regime zu stellen. Mentrup betonte die Dankbarkeit für Freiheit und Demokratie der Gesellschaft.
Freiheit sei nicht immer eindeutig positiv besetzt, betonte Birthler in ihrem Vortrag – stattdessen sei es ein schillernder, mehrdeutiger Begriff. In Diskussionen hätten Gesprächspartner unter anderem an Maßlosigkeit gedacht, an die „Gier der Überreichen“ oder etwa „an hemmungslose Autofahrer“. Sie erinnerte an den Slogan „freie Fahrt für freie Bürger“, mit Verweis auf die FDP – „die einst ehrwürdige Partei, die ihre liberalen Wurzeln zugunsten ungehemmten Profits verkümmern ließ“.
Wer in einem Straflager Putins, in Belarus oder in Nordkorea sitze, kenne nur eine Antwort – jenseits von Mauern und Stacheldraht gehen zu können, wohin man wolle. Es gebe so viel Sehnsucht nach Freiheit, wie es Menschen gebe, die eingesperrt, unterdrückt oder geängstigt würden – etwa aus politischen Gründen, aufgrund überlebter Traditionen, als Frau eines gewalttätigen Mannes oder in ausbeuterischen Arbeitsverhältnissen. Das Leben mit und in der Lüge stehe zu oft im Hintergrund, wenn heute die Rede von Diktaturen sei. „Weder der Verlust der Freiheit, noch die Einschränkung von Bürgerrechten, weder ein autoritäres Machtsystem noch eine Mauer sind geeignet, politische oder gesellschaftliche Probleme zu lösen und ein besseres und gerechteres Leben zu ermöglichen“, erklärte Birthler.
Völkische Zukunftsentwürfe lehne sie ab. Nicht nur die AfD, sondern auch die, die vor ihr warnten, verbreiteten schlechte Stimmung. Sie bemühe sich seit der Erkenntnis, zu sehen und davon zu sprechen, was gelinge und worauf man zu Recht stolz sein könne. -nke-
Weitere Informationen zur Reinhold-Frank-Gedächtnisvorlesung finden sich hier.