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Ein Jahr "Stillfreundliche Orte"

Kampagne will Vorurteile abbauen und Familien im öffentlichen Raum willkommen heißen

Eine Postkarte mit der Aufschrift "Stillen Willkommen" auf einem Tisch © Stadt Karlsruhe, Boris Burghardt

Für ein hungriges Baby gibt es keinen falschen Ort zum Essen - für Erwachsene hingegen schon: Während das Füttern mit der Flasche in der Öffentlichkeit kaum auffällt, wird Stillen bis heute zuweilen kritisch beäugt oder als unangemessen empfunden. Die Initiative „Stillfreundliche Orte“ möchte das ändern: Sie zeigt, dass die Bedürfnisse von Babys und ihren Eltern selbstverständlich zum öffentlichen Leben dazugehören – und dass Stillen ebenso wie Füttern mit der Flasche überall Platz haben sollte.

Der blaue Aufkleber am Eingang des Café Palaver fällt ins Auge. Darauf das Piktogramm einer stillenden Person mit Kind, darüber der Schriftzug: „Stillen willkommen“. Selbstverständlich seien damit auch Fläschcheneltern gemeint, betont Verena Meister. Die städtische Gleichstellungsbeauftragte hat hier zum Pressegespräch geladen, der Ort ist nicht zufällig gewählt. „Ich hoffe, dass das Café Palaver schon vor der Kampagne ein stillfreundlicher Ort war“, erklärt Co-Inhaberin Annabelle Saur. „Ich freue mich aber über den Aufkleber, weil das nun ein sichtbares Zeichen ist: Hier ist ein Wohlfühlort für alle, auch für Eltern und ihre Babys.“

Ein Jahr lang haben Gleichstellungsbeauftragte, Kinderbüro und der Hebammenverband Baden-Württemberg e. V. für die Kampagne geworben, Informationsgespräche geführt sowie Sticker und weiteres Informationsmaterial an Geschäfte und öffentliche Einrichtungen verteilt. 41 Orte verzeichnet das Geoportal inzwischen, wenn der entsprechende Filter aktiviert wird.

Teilhabe statt Rückzug

Was macht einen stillfreundlichen Ort aus? Drei Kriterien seien wesentlich, erklärt Verena Meister. Er müsse eine Sitzgelegenheit bieten, Mitarbeitende müssten stillfreundlich eingestellt sein und bei unhöflichem Verhalten Dritter Unterstützung bieten. Zusätzlich seien Angebote wie eine abgeschirmte Stillmöglichkeit, ein Wickeltisch, der freie Zugang zu Sanitäranlagen, Kinderwagenfreundlichkeit und die Möglichkeit, Babynahrung zu erwärmen, wünschenswert. „Stillen sollte überall selbstverständlich sein, aber einige Frauen fühlen sich dabei unwohl. Da setzt unsere Initiative an: Alle sollen sich frei im öffentlichen Raum bewegen können“, so Meister.

Ähnlich äußert sich auch Oberbürgermeister Dr. Frank Mentrup: „Die Geburtenrate sinkt, was dazu führt, dass immer weniger Kinder in der Öffentlichkeit sichtbar sind“, bedauert er. „Dabei sollte es doch normal sein, dass überall dort, wo sich eine Gruppe Erwachsener trifft, auch Kinder und Säuglinge dabei sind.“ Eltern sollten sich nicht als Ausnahme fühlen. „Karlsruhe möchte eine familienfreundliche Stadt sein“, betont der Oberbürgermeister.

Oberbürgermeister Dr. Frank Mentrup, Gleichstellungsbeauftrage Verena Meister und die Hebammen Judith Kuhnt und Anne Binder beim Pressegespräch.
Ein Aufkleber mit der Aufschrift "Stillen Willkommen" an einer Glasscheibe

Die Gleichstellungsbeauftragte verwies auch auf einen weiteren Aspekt, der das Thema Stillen von der Fläschchenernährung unterscheidet: Bis heute wird das Stillen in der Öffentlichkeit von der Sexualisierung der weiblichen Brust überschattet. Nicht das Stillen selbst löst dabei Irritationen aus, sondern die gesellschaftliche Wahrnehmung der Brust. Hebamme und Stillberaterin Anne Binder vom Hebammenverband Baden-Württemberg berichtete, dass sich Frauen deshalb häufig ins Auto oder auf Toiletten zurückziehen – dies sei gerade bei sommerlichen Temperaturen weder gesund noch hygienisch. Dass Frauen ihr Kind nicht überall selbstverständlich stillen können, wo es Hunger hat, macht das Thema auch zu einer Frage der Gleichstellung. „Es ist uns ein großes Anliegen, dass Frauen nicht zu Hause bleiben, weil sie sich unwohl fühlen“, sagte Binder. Ihr Wunsch sei, dass sich noch mehr Orte beteiligen, auch solche, an denen kein Konsumzwang herrscht.

So kann man als Ort teilnehmen

  1. Online-Fragebogen ausfüllen
  2. Team beziehungsweise Mitarbeitende über die Teilnahme informieren
  3. Rückmeldung wird im Geoportal eingetragen
  4. Bestätigung wird mit Aufkleber für Eingangstür oder Fenster versandt
  5. Hebammen besuchen den Ort in den folgenden Monaten, um sich einen Eindruck von den Örtlichkeiten zu verschaffen

Darüber hinaus erhofft sie sich eine Lösung für Stillende im Winter, etwa bei Veranstaltungen wie dem Christkindlesmarkt.

Stillfreundliche Orte sind nur ein Baustein für die Unterstützung junger Familien, darin waren sich die Beteiligten einig. Zwar sei Stillen die natürliche Ernährungsform für Säuglinge und biete zahlreiche gesundheitliche Vorteile für Mutter und Kind; zugleich sei es praktisch, jederzeit verfügbar und kostengünstig. „Unkompliziert ist Stillen aber vor allem dann, wenn die Mutter gute Begleitung erfährt“, erklärt Hebamme und Stillberaterin Judith Kuhnt. Entscheidend seien deshalb eine qualifizierte Beratung und Unterstützung – insbesondere in den ersten Tagen und Wochen nach der Geburt, wenn viele Fragen aufkommen. Ziel sei es nicht, Eltern unter Druck zu setzen, sondern diejenigen zu stärken, die stillen möchten – auch indem sie sich an stillfreundlichen Orten willkommen fühlen.

Dies ist ein Beitrag der StadtZeitung, die auch in gedruckter Form erscheint. Alle Ausgaben des ePapers sind digital verfügbar.

Mehr zu städtischen Themen und den Aktivitäten der Stadtverwaltung Karlsruhe unter www.karlsruhe.de/stadtzeitung.

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