Für ein hungriges Baby gibt es keinen falschen Ort zum Essen - für Erwachsene hingegen schon: Während das Füttern mit der Flasche in der Öffentlichkeit kaum auffällt, wird Stillen bis heute zuweilen kritisch beäugt oder als unangemessen empfunden. Die Initiative „Stillfreundliche Orte“ möchte das ändern: Sie zeigt, dass die Bedürfnisse von Babys und ihren Eltern selbstverständlich zum öffentlichen Leben dazugehören – und dass Stillen ebenso wie Füttern mit der Flasche überall Platz haben sollte.
Der blaue Aufkleber am Eingang des Café Palaver fällt ins Auge. Darauf das Piktogramm einer stillenden Person mit Kind, darüber der Schriftzug: „Stillen willkommen“. Selbstverständlich seien damit auch Fläschcheneltern gemeint, betont Verena Meister. Die städtische Gleichstellungsbeauftragte hat hier zum Pressegespräch geladen, der Ort ist nicht zufällig gewählt. „Ich hoffe, dass das Café Palaver schon vor der Kampagne ein stillfreundlicher Ort war“, erklärt Co-Inhaberin Annabelle Saur. „Ich freue mich aber über den Aufkleber, weil das nun ein sichtbares Zeichen ist: Hier ist ein Wohlfühlort für alle, auch für Eltern und ihre Babys.“
Ein Jahr lang haben Gleichstellungsbeauftragte, Kinderbüro und der Hebammenverband Baden-Württemberg e. V. für die Kampagne geworben, Informationsgespräche geführt sowie Sticker und weiteres Informationsmaterial an Geschäfte und öffentliche Einrichtungen verteilt. 41 Orte verzeichnet das Geoportal inzwischen, wenn der entsprechende Filter aktiviert wird.
Teilhabe statt Rückzug
Was macht einen stillfreundlichen Ort aus? Drei Kriterien seien wesentlich, erklärt Verena Meister. Er müsse eine Sitzgelegenheit bieten, Mitarbeitende müssten stillfreundlich eingestellt sein und bei unhöflichem Verhalten Dritter Unterstützung bieten. Zusätzlich seien Angebote wie eine abgeschirmte Stillmöglichkeit, ein Wickeltisch, der freie Zugang zu Sanitäranlagen, Kinderwagenfreundlichkeit und die Möglichkeit, Babynahrung zu erwärmen, wünschenswert. „Stillen sollte überall selbstverständlich sein, aber einige Frauen fühlen sich dabei unwohl. Da setzt unsere Initiative an: Alle sollen sich frei im öffentlichen Raum bewegen können“, so Meister.
Ähnlich äußert sich auch Oberbürgermeister Dr. Frank Mentrup: „Die Geburtenrate sinkt, was dazu führt, dass immer weniger Kinder in der Öffentlichkeit sichtbar sind“, bedauert er. „Dabei sollte es doch normal sein, dass überall dort, wo sich eine Gruppe Erwachsener trifft, auch Kinder und Säuglinge dabei sind.“ Eltern sollten sich nicht als Ausnahme fühlen. „Karlsruhe möchte eine familienfreundliche Stadt sein“, betont der Oberbürgermeister.