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Ein Dichterfürst der Kaiserzeit

Joseph Victor von Scheffel vor 200 Jahren geboren / Fast kultische Verehrung

Das Portrait zeigt den Schriftsteller Joseph Victor von Scheffel. Das Portrait zeigt den Schriftsteller Joseph Victor von Scheffel. © Stadtarchiv Karlsruhe

War Joseph Victor von Scheffel der „Lieblingsdichter der Deutschen“, wozu ihn sein Freund Julius Braun in einem Nachruf erklärte? Tatsächlich wurde dem vor 200 Jahren geborenen Scheffel im Kaiserreich eine fast kultische Verehrung zuteil. Sein 1853 erschienenes Versepos „Der Trompeter von Säkkingen“ soll das seinerzeit meistgelesene Buch gewesen sein und der Roman „Ekkehard“ von 1855 zählte allein zu des Dichters Lebzeiten stolze 90 Auflagen.

Scheffels national überhöhte Mythen entsprachen dem Zeitgeist des so bildungsbeflissenen wie nationalkonservativen deutschen Bürgertums der Kaiserzeit. Es liebte seine weinseligen und humorvollen Studenten- und Trinklieder, 1868 teilweise als Sammlung „Gaudeamus!“ publiziert. Zum 50. Geburtstag wurde der Bürger Scheffel sogar in den Adelsstand erhoben, doch nach dem Kaiserreich verblasste sein Ruhm, die Literaturwissenschaft bewertete ihn ohnehin als trivial. Bis dahin waren unzählige Straßen, Plätze, Schulen in Deutschland nach ihm benannt und viele Denkmäler aufgestellt, auch seiner Geburtsstadt. Der 1924 gegründete Scheffelbund versuchte den Kult zunächst fortzusetzen, die heutige Literarische Gesellschaft in der Nachfolge führt den Namen nur noch im Untertitel. Sie bewahrt das Scheffelarchiv, inzwischen neu geordnet und erschlossen. Wenn auch der Dichter heute aus der Zeit gefallen wirkt, wird dennoch alljährlich der Scheffelpreis an die besten Deutsch-Abiturleistungen vergeben.

Geboren wurde Scheffel am 16. Februar 1826 in Karlsruhe. Dem väterlichen Willen entsprechend studierte er Jura. 1848 abgeschlossen, arbeitete er als Sekretär für den Vormärzliberalen Carl Theodor Welcker, wirkte in der Revolutionszeit entschieden konstitutionell-liberal, dabei energisch gegen die radikalen Demokraten. Anstelle des Staatsdienstes widmete er sich ab 1852 der Dichtkunst und der Malerei. Der schriftstellerische Erfolg verschaffte ihm eigenes Vermögen. Davon erwarb er die Bodenseehalbinsel Mettnau, errichtete sich darauf zwei repräsentative Villen. Scheffel war im Umgang mit seiner Umgebung kein einfacher Mensch, machte verschiedene Lebenskrisen durch. Er starb am 9. April 1886 in Karlsruhe. An ihn erinnert unter ­anderem das Denkmal auf dem ­Scheffelplatz.  -jsk-

Dieser Artikel ist in der StadtZeitung Nr. 7 am 13. Februar 2026 erschienen.

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