Mitte Mai kamen die drei Städtepartner Karlsruhe, Winnyzja und Nancy in der Ukraine zusammen, um der starken Verbundenheit als Partner Ausdruck zu verleihen und um der kriegsgebeutelten Ukraine Solidarität zu zeigen.
Gerade in schweren Zeiten braucht man Freunde, die einem zur Seite stehen, Mut machen und Kraft schenken. Das gilt auch für neue Freundschaften und besonders für den Ring zwischen der ältesten und der jüngsten Partnerstadt Karlsruhes. Direkt zu Beginn des russischen Angriffskrieges auf das unabhängige Nachbarland machte sich die Stadt Karlsruhe auf die Suche nach einer ukrainischen Partnerstadt. Das Ziel, europäische Solidarität mit Leben zu erfüllen, brachte dem als angestaubt geltenden Modell der Städtepartnerschaften eine ungeahnte Renaissance ein und mündete im Dezember 2023 in der trilateralen Verbindung zwischen Karlsruhe, Nancy und Winnyzja.
Delegationen aus Karlsruhe und Nancy stärken Winnyzja den Rücken
Der anhaltende Kriegszustand hielt Oberbürgermeister Dr. Frank Mentrup auch im dritten Jahr der neuen Städtepartnerschaft nicht davon ab, eine Delegationsreise nach Winnyzja zu unternehmen. Die Fraktionsvertretungen Benjamin Bauer (Die GRÜNEN), Lüppo Cramer (KAL), Fabian Gaukel (VOLT) sowie zwei Mitarbeitenden des Hauptamts begleiteten das Stadtoberhaupt. Auf dem Weg, der über die Republik Moldau führte, traf man sich mit der Delegation rund um Nancys Oberbürgermeister Matthieu Klein. Nach einem gemeinsamen Gesprächstermin mit den deutschen und französischen Botschafterinnen Margret Uebber und Dominique Waag, in der moldawischen Hauptstadt Chişinău, bahnte sich der abendliche Bustransfer zum Grenzposten am Fluss Dnister mit Einreise über die ukrainische Stadt Mohyliw-Podilskyj und auf wenig frequentierten Landstraßen nach Winnyzja. Die Eindrücke einer Region, die von den Schatten eines Angriffskrieges überlagert wird, im Kontrast zu den lebensfrohen Menschen, welche weiterhin unbeirrt und mutig ihren Alltag bestreiten, lassen sich kaum beschreiben:
Beide Delegationen waren in der Stadtmitte Winnyzjas, der „Perle Podoliens“, untergebracht. Das freundliche und geschäftige Straßenbild ist dort geprägt durch einen deutlich höheren Frauenanteil, man sieht zudem etliche Kriegsversehrte. Während einer Sitzung des Stadtrats von Winnyzja überreichen die Karlsruher Auxerrois-Weinreben, in der Variante „Durlacher Klon“, ein lebendiges Zeichen der Freundschaft zwischen den drei Städten. Oberbürgermeister Dr. Mentrup fordert eine stärkere europäische Integration unter Einbeziehung der Ukraine und hebt hervor, dass Städtepartnerschaften wie diese das Rückgrat eines vereinten, friedlichen Europas bilden. „Lassen Sie uns zusammen Pläne schmieden“, versinnbildlicht er abschließend. „Gemeinsam Stück für Stück – werden wir diese schwierigen Zeiten überstehen und wie unser trilateraler Weinberg das nächste Jahrhundert zusammenwachsen und -gedeihen.“
Auch der Jugendgemeinderat ist dezimiert
Im Gespräch mit dem Jugendgemeinderat wird den Delegationen deutlich, das auch dessen Vertretungen minimiert sind, da sich ein Teil im Fronteinsatz befindet. Danach besuchen die Gäste aus Karlsruhe und Nancy einer der vielen „VINSmart Kinder- und Jugend-Clubs“ besichtigt. Diese bieten Betreuung außerhalb der Kindergarten- und Schulzeiten an, um Familien, insbesondere Frauen, zu unterstützen, falls Engpässe durch die kriegsbedingte Situation entstehen. Ausgehend von diesen Zentren wurde im vergangenen Jahr der Verkauf von ukrainischem Kunsthandwerk, am letzten Adventwochenende vor Weihnachten, auf dem Karlsruher Christkindlesmarkt initiiert, um deren Ausstattung mit Spielsachen und Bastelmaterialien zu ermöglichen.
Die Besucher legen in der „Schule 33“ Blumen an der Gedenktafel für gefallene Absolventen nieder. Dort treffen die Gäste auf Kinder und Jugendliche, deren Elternteile im Krieg verwundet oder getötet wurden beziehungsweise als vermisst gelten. Die ukrainischen Schülerinnen und Schüler haben an den SommerCamps in Karlsruhe und Nancy teilgenommen, der sechzehnjährige Anton ist auch wieder dabei. Er sammelt online Unterschriften, damit sein gefallener Vater als Held ausgezeichnet wird. Die Aula ist gut gefühlt, jeweils hälftig mit Kindern, die Deutsch oder Französisch lernen und vorbereitete Fragen an die Oberbürgermeister richten. „Wohin hat Sie ihre erste Reise als Jugendlicher geführt? War es schön dort?“ „Nach Frankreich“, antwortet Oberbürgermeister Dr. Mentrup, „und es hat mir sehr gut gefallen“. Die Jugendlichen wirken aufgekratzt und glücklich. Schon Ende August wird der nächste Besuch in der deutschen Partnerstadt geplant sein, den Stadtjugendausschuss Karlsruhe organisiert.
Spenden zur Finanzierung des Aufenthalts sind unter dem Stichwort „SommerCamp 2025“ über das Konto Karlsruhe hilft (IBAN DE10 6605 0101 0108 0777 77, BIC KARSDE66XXX) möglich.
"Schule 33" hat eigenen Bunker
Später wird auch die neue schuleigene Bunkeranlage, unter dem Pausenhof, besichtigt. Während der Luftangriffe sind die Schülerinnen und Schüler hier besser geschützt, als zu Hause. Über ein Engagement von verschiedenen Partnern hat die Stadt Karlsruhe drei leistungsstarke Stromaggregate beschafft und geliefert, die hier die Versorgung sichern. Selbst unterirdische Klassenzimmer kann man liebevoll gestalten, bemerken die Delegationen und entdecken Möbel aus Karlsruher Schulen. Frisch lackiert und abgeschliffen, wirken diese wie neu. Bei länger andauernden Alarmen gibt es hier auch eine psychologische Betreuung.
In die Rehabilitationseinrichtung des „Städtischen Klinikums Nr. 1“ kommen die Stadtoberhäupter Dr. Frank Mentrup und Matthieu Klein mit verwundeten Soldatinnen und Soldaten sowie verwundeten Zivilisten in Kontakt. Die fünfzehn Therapieliegen aus Karlsruhe, hergestellt durch die Hagsfelder Werkstätten (HWK) und finanziert über deren großzügigen Kreis von Spenderinnen und Spendern befinden sich dabei in permanentem Gebrauch. Der folgende Besuch eigens geschaffenen Kunst-Spaces – als sanfte Wiedereingliederungshilfe für seelisch verwundete Menschen sowie die medienträchtige Eröffnung des topmodernen Innovations- und Technologieparks „Crystal II“, der als weitere Plattform für Start-up-Unternehmen der Region dienen soll, vervollständigen das Bild des Besuches in der Ukraine: Resilienz und Kreativität in Kriegszeiten als Zeichen des Wiederaufbaus.