Noch prangt deutlich sichtbar der Schriftzug "Rathaus West" über dem Haupteingang des Komplexes an der Ecke Kaiserallee / Hildapromenade. Doch die Zeit städtischer Nutzung neigt sich für den denkmalgeschützten Prachtbau aus der Kaiserzeit wohl ihrem Ende zu. Mit großer Mehrheit beschloss der Gemeinderat jetzt, das Gebäude zu veräußern.
Grund für diese Entscheidung sind vor allem die hohen Sanierungskosten, die bei weiterer Nutzung durch die Verwaltung erforderlich wären. Die Erneuerung etwa von Brandschutz und Haustechnik würde ersten Berechnungen zufolge Investitionskosten in Höhe von mindestens 34 Millionen Euro erfordern. Geld, das die Stadt in der momentanen Haushaltssituation nicht aufbringen kann, so die Einschätzung der Verwaltung. Daher soll der Weg nun über eine Konzeptvergabe führen, bei der Interessenten bereits konkrete Nutzungsvorschläge vorweisen müssen. Hierdurch „wollen wir die weitere Entwicklung mitbestimmen“, betonte Oberbürgermeister Dr. Frank Mentrup. Zugleich nehme die Stadt ihre Verantwortung dem Stadtbild und dem Denkmal gegenüber ernst, so Mentrup, „wir haben die Verpflichtung, Immobilien auch zu nutzen“.
Vorhaben ist "alternativlos"
Von einer "Vorlage, die niemandem eine Freude bereitet", sprach Aljoscha Löffler (Grüne), "bei einer anderen finanziellen Lage, wäre das überhaupt keine Diskussion". Doch die Zeiten seien nunmal so, dass kein Weg am Verkauf von Immobilien vorbeiführe, die nicht der Daseinsvorsorge dienten. Ähnlich äußerte sich Tilman Pfannkuch (CDU). 34 Millionen Euro für die Sanierung seien viel Geld, „das kann man nicht ernsthaft in Frage stellen“. Auch Dr. Raphael Fechler (SPD) bezeichnete die Konzeptvergabe als „ein Stück weit alternativlos“, während Oliver Schnell (AfD) anmerkte, dass Immobilienverkäufe „kein nachhaltiger Ansatz zur Sanierung des Haushalts“ seien. Dr. Stefan Noé (FDP/FW) verwies auf Veränderungen in der Arbeitswelt, was weniger Büroflächen erfordere: „Tempus fugit – und das ist auch gut so“. Stadtentwicklung lebe vom Wandel. Gegen die Konzeptvergabe votierte die Linke. „Wir brauchen kein weiteres Einkaufszentrum und Hotelbetten hat die Stadt genug“, begründete Anne Berghoff das Votum ihrer Fraktion. Stattdessen könne sie sich eine kulturelle Nutzung des Gebäudes vorstellen.
Begleitung durch externes Büro geplant
Kritisch bewertete Lüppo Cramer (KAL) die in der Vorlage erwähnte Begleitung des Verfahren durch ein externes Büro. Auch Tilam Pfannkuch sprach sich dafür aus, dass die Verwaltung dies in Eigenregie betreuen solle. Dem widersprach Bürgermeister Daniel Fluhrer. Die Zusammenarbeit mit professionellen externen Partnern könnte seiner Ansicht das Feld der potenziellen Bewerber vergrößern. Ein Ergänzungsantrag der KAL, wonach Erlöse aus Immobilienverkäufen zweckgebunden in einen kommunalen Bauerhaltungsfonds fließen sollen, wurde zur weiteren Beratung in die Fachausschüsse verwiesen.
Von der Versicherung zur Stadtverwaltung
Das Rathaus West war von 1895 bis 1898 für die Karlsruher Lebensversicherung errichtet worden. 1912 und 1930 erfolgten zwei Erweiterungen Richtung Norden, so dass der Komplex seither das komplette Areal zwischen Kaiserallee, Hildapromenade und Grashofstraße einnimmt. Nach dem Zweiten Weltkrieg nutzten zunächst die französischen und amerikanischen Besatzungsbehörden das Gebäude, ehe die Stadt es 1954 erwarb. Viele Jahre diente das Rathaus West als Sitz der Sozial- und Jugendbehörde. Nach deren Umzug in das "Rathaus an der Alb" in der Emil-Frey-Straße waren vorübergehend Geflüchtete aus der Ukraine in dem Räumlichkeiten am Mühlburger Tor untergebracht. Aktuell nutzen noch übergangsweise das Stadtplanungs- und Tiefbauamt den Verwaltungsbau. Wenn diese Dienststellen in das dann fertig sanierte Technische Rathaus am Marktplatz zurück ziehen, wird das Rathaus West aller Voraussicht nach leer stehen. -eck-