Er habe an diesem Tag zwei Leben gerettet, ist Antonino La Mela überzeugt. Der Italiener hatte abends Waren bei einem Karlsruher Café angeliefert und wartete draußen auf einem Stuhl, am Nebentisch saß ein Pärchen. Ein junger Mann näherte sich, zog unvermittelt einen Baseballschläger unter der Jacke hervor und schlug auf den Hinterkopf des Mannes am Nebentisch ein. La Mela sprang auf, ergriff den Arm des Täters und konnte den zweiten Schlag auf die Schulter des Opfers ablenken. Beim dritten Schlag hatte er den Baseballschläger in seine Gewalt gebracht. Anschließend drückte er den Täter auf den Boden, bis die Polizei kam. Es sei eine Eifersuchtstat gewesen. Mehrere Schläge auf den Hinterkopf – das wäre nicht gut ausgegangen. Wenn er nicht eingegriffen hätte, wäre der Junge tot, ist sich La Mela sicher. Und der Täter hätte sich sein Leben ruiniert, erklärt er im Gespräch. „Mädchen gibt es viele auf der Welt, habe ich zu ihm gesagt. Ihm schien in dem Moment alles egal zu sein.“
La Mela wurde vorige Woche im Polizeipräsidium geehrt, als eine von 15 Personen, die in Karlsruhe Zivilcourage geleistet hatten. Die Ehrung übernimmt der Verein Sicheres Karlsruhe e.V., der sich um Kriminalitätsprävention bemüht, alle zwei Jahre, zusammen mit dem Polizeipräsidium. Polizeipräsidentin Caren Denner verwies darauf, dass es nicht um die Schwere der Tat gehe, sondern darum, dass Menschen nicht weggesehen hätten. Zivilcourage sei unabhängig von Alter und Geschlecht – die Geehrten sind zwischen 11 und 81 Jahren alt.
Auch im Alltag gefragt
Laut Jürgen Gremmelmaier, Leiter der Generalstaatsanwaltschaft, lasse sich Zivilcourage mit „Bürgermut“ übersetzen – das „mutige Verhalten einer Person, die einem anderen Menschen in einer bedrohlichen Lage zu Hilfe kommt“, etwa bei einem körperlichen Angriff oder bei einer Betrugsmasche. Personen, die wegschauten, vergäßen, dass dies unterlassene Hilfeleistung sei, soweit sie sich durch Hilfe nicht selbst in Gefahr brächten. Viele Menschen wollten helfen, wüssten aber nicht wie – verbunden mit der Angst, selbst Schaden zu erleiden. In einer Notsituation sei es wichtig, andere als Mitstreiter anzusprechen und Aufgaben zu verteilen – etwa den Notruf bei der Polizei.
Zivilcourage sei auch bei Anzeichen häuslicher Gewalt oder bei mutwilligen Beschädigungen in Bus und Bahn gefragt, erklärte Gremmelmaier. Couragiertes Verhalten bewahre Opfer vor schlimmeren Folgen. Die 15 Geehrten hatten insgesamt elf Straftaten verhindert. Sie erhielten jeweils ein Präsent des Vereins sowie 100 Euro. Neben La Mela wurde beispielsweise Samba Sabally ausgezeichnet. Er hatte in seiner Wohnung nachts Geräusche aus dem Innenhof gehört – zwei Menschen wollten eine Skulptur per Schubkarre stehlen. Sabally stellte sie zur Rede, woraufhin die Täter flüchteten. Er verfolgte sie kurzerhand und hielt einen der beiden fest. Und die jüngsten in der Runde? Zwei elf- und zwölfjährige Mädchen hatten in der Straßenbahn zwei Frauen beobachtet, die einer älteren Dame mit Rollator die Geldbörse gestohlen hatten. Sie informierten die Frau, den Straßenbahnfahrer und alarmierten die Polizei – was schließlich zum Ermittlungserfolg führte. Die älteste Geehrte, eine 81-jährige Frau, erhielt einen sogenannten „Schockanruf“, bei dem Betrüger behaupteten, ein Familienmitglied habe einen tödlichen Unfall verursacht, sie müsse eine Kaution übergeben. Die Frau suchte den Treffpunkt ohne Geld auf und fotografierte den Verdächtigen mit ihrem Handy, woraufhin dieser flüchtete. In einem anderen Fall hatten zwei Frauen bei einem Brand eine gehbehinderte Frau aus einer höheren Etagen nach unten geholfen. Zivilcourage, fasste Bürgermeister Dr. Albert Käuflein zusammen, zeige sich nicht immer laut, aber sie sei immer stark. -nke-