Für einige Stunden ist die Tilsiter Straße kaum wiederzuerkennen: Wo sonst Autos fahren und am Straßenrand parken, schweben Seifenblasen über den Asphalt. Gefiederte Indiaca-Bälle fliegen durch die Luft, ein buntes Zirkustuch wird aufgespannt, Kinder probieren sich beim Kegeln oder auf der Slackline aus. Was hier vor der Ernst-Reuter-Schule zu beobachten ist, geschieht rund um den Weltkindertag an vielen Orten in der Fächerstadt, denn wenn Karlsruhe spielt, werden Straßen zeitweise gesperrt, um Platz zu schaffen zum Rennen, Werfen, Fußballspielen, Gestalten – und dafür, einander kennenzulernen.
Ins Leben gerufen hat die Aktion das städtische Kinderbüro, die Koordination ist aufwendig und erfordert die Unterstützung weiterer Fachämter der Stadtverwaltung, darunter Ordnungs- und Bürgeramt, Tiefbauamt und Liegenschaftsamt. Ohne die Unterstützung von engagierten Menschen, die als Patinnen und Paten die Flächen während des Aktionszeitraums betreuen, würde es jedoch nicht gehen. Neben Privatpersonen betreuen auch Institutionen wie Bürgervereine, Kindergärten oder Familienzentren die temporären Spielstraßen, oder, wie hier in der Waldstadt, auch Schulen. Meist beginnt die Planung bereits direkt nach dem letzten Aktionstag. 2025 hatte „Karlsruhe spielt!“ mit schlechtem Wetter zu kämpfen, daher hatte sich das Kinderbüro in diesem Jahr Ideen für Regentage zurechtgelegt, berichtet Mitarbeiterin Christina Schulze. Für die Ernst-Reuter-Schule ist es bei Weitem nicht die erste Teilnahme an „Karlsruhe spielt!“, aber in diesem Jahr eine ganz besondere, wie Dominik König-Kurowski betont. Nach einem plötzlichen Todesfall im Kollegium sei die gesamte Schulgemeinschaft noch tief erschüttert. An diesem Nachmittag sei aber nun „das Lachen zurückgekehrt“, freut sich der Konrektor.
Ideen für eine lebenswerte Stadt
Gelacht wird an diesem Nachmittag viel auf der temporären Spielstraße. Kinder spielen, auf einer Picknickdecke treffen sich beim Elterncafé Eltern mit ihren Babys. Anwohnende schauen zu oder machen mit. „Wir sind eine Schule, die sich ins Quartier öffnet“, erzählt Raphael Prüfer, Lehrer an der Ernst-Reuter-Schule. Ganz im Sinne von „Es braucht ein Dorf, um ein Kind großzuziehen“ binde man die Nachbarschaft ins Schulleben ein. Dementsprechend wurden am Aktionstag auch Elterncafé und Altenhilfezentrum zum Mitmachen eingeladen. Genau dieses Miteinander über Altersgrenzen hinweg ist für Bürgermeisterin Yvette Melchien ein wichtiger Aspekt, wenn es um eine kinderfreundliche und zugleich lebenswerte Stadt geht. „Zuallererst wollen wir Kindern mit ‚Karlsruhe spielt!‘ eine Freude machen. Aber durch solche Aktionen werden wir auch angeregt, Stadtplanung anders zu denken“, erklärte die Sozialdezernentin. „Eine kinderfreundliche Stadt kommt uns allen zugute, sie bietet mehr Aufenthaltsqualität und gibt uns Ideen für die Zukunft.“ Froh zeigte sich Bürgermeisterin Melchien vor allem angesichts des hervorragenden Zusammenwirkens von Haupt- und Ehrenamt, dankte auch den Anwohnenden und all jenen, die an diesen Tagen die Straßen nicht zur Durchfahrt oder zum Parken nutzen können, für ihr Verständnis.
55.000 Menschen hat „Karlsruhe spielt!“ in den vergangenen sechs Jahren erreicht, insgesamt entstanden über 270 temporäre Spielflächen. Künftig wünsche man sich noch mehr Kooperationen mit Vereinen und Institutionen in der direkten Nachbarschaft zu den Spielflächen, sodass die Aktion in die Quartiere hineinwachse, so Jessica Schöllhorn. „Spielen ist eine Superkraft“, betont die Leiterin des Kinderbüros, „es bringt uns friedlich zusammen und ich finde, genau das können wir alle gut gebrauchen.“