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Aufklärung als Aufgabe

Der Historiker Wolfgang Benz sprach beim Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus über Erinnerungskultur

Der Historiker Wolfgang Benz referiert beim Gedenktag für die Opfer des Holocaust am 27. Januar im Badischen Staatstheater. Wolfgang Benz bei seinem Vortrag im Badischen Staatstheater. © Thomas Riedel

Wenn sich eine Persönlichkeit wie Wolfgang Benz "ungemein besorgt über die Entwicklung unserer Demokratie" zeigt, dann sollte dies ein Weckruf sein. Denn die Stimme des 84-jährigen Historikers hat Gewicht. Seit vielen Jahrzehnten forscht der gebürtige Ellwangener zu Antisemitismus, Vorurteile und Nationalsozialismus. Über die dabei gewonnenen Erkenntnisse referierte Benz auf Einladung der Stadtverwaltung bei der Veranstaltung zum Holocaust-Gedenktag am 27. Januar im Badischen Staatstheater.

"Für Schuld und Scham gibt es kein Ende"

Dabei stellte sich der frühere Leiter des Zentrums für Antisemitismusforschung an der TU Berlin einmal mehr in den Dienst der Aufklärung, die für ihn "eine Haltung und kein schnell wirkendes Wundermittel ist". Erinnerung sei "das Fundament aller Zivilisiertheit nach der nationalsozialistischen Barbarei". In seinem Vortrag zeigte Benz zunächst in fünf Stufen auf, wie die jüdische Bevölkerung Deutschlands erst gedemütigt, dann drangsaliert, entrechtet, ihrer ökonomischen Grundlage und schließlich ihrer physischen Existenz beraubt wurde. Dabei "ging es um Menschen wie wir; Menschen die gleiches Recht und gleiche Würde hatten". Die Erinnerungskultur der Nachkriegszeit habe zunächst "Jahrzehnte der Amnesie, in denen vor allem der Schlussstrich gefordert wurde", hervorgebracht. Erst mit der Fernsehserie "Holocaust" und dem Film "Schindlers Liste" habe Hollywood die Erkenntnis über beispiellose Verbrechen der Nationalsozialisten in breite Bevölkerungsschichten getragen. "Für diese Schuld und Scham gibt es kein Ende", unterstrich Benz, "die Empathie für Israel und die Juden ist die angemessene Haltung aus historischem und moralischen Bewusstsein". Dies gelte auch für Deutsche mit Migrationshintergrund.

Der Historiker Wolfgang Benz referiert beim Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus am 27. Januar im Badischen Staatstheater.

Aufruf zur Wachsamkeit

Zwar sei Antisemitismus inzwischen in keinem anderen Land so sehr geächtet wie in Deutschland, doch "die Lehre aus der Vergangenheit ist erst dann gezogen, wenn keine neuen Opfergruppen ins Visier genommen werden", betonte Benz und rief zu Wachsamkeit auf. Auch heute werde wieder Politik betrieben, "die Argumente verweigert, um Affekte zu nutzen". Dem gelte es einen Riegel vorzuschieben: "Die Verweigerung von Regeln führt nicht nur im Sport zum Ausschluss vom Spiel". Wer die Demokratie in Frage stellle, dürfe sich nicht aktiv in der Politik betätigen, lautete die unmissverständliche Ansage an extreme Gruppierungen. Die Zerstörung der Weimarer Republik nannte Benz ein "ein Menetekel, das wir sehen müssen". Vor allem deshalb, weil "Extremisten vor dem Machterhalt als Biedermänner in Erscheinung treten". "Ist die Brandmauer gegen die Demokratiefeinde erst zerbröckelt", so die eindringliche Warnung des Historikers, "dann ist es zu spät".

Bedeutung der Gedenkultur

Die große Bedeutung der Gedenkkultur betonte Oberbürgermeister Dr. Frank Mentrup in seinem Redebeitrag. Karlsruhe habe sich schon den 1950er-Jahren mit der Pflege des Deportiertenfriedhofs in Gurs engagiert. Daraus habe sich in der Fächerstadt "eine Gedenkkultur entwickelt, die nicht nur von der Stadtverwaltung, sondern auch von verschiedenen zivilgesellschaftlichen Gruppen und Einzelpersonen getragen wird". Hierfür dankte das Stadtoberhaupt allen daran Beteiligten ausdrücklich und beschrieb die Erinnerungsarbeit ­als "einem stetigen Wandel unter­worfen". Vom Gedenken an die Jüdinnen und Juden habe sich die Erinnerung auch auf andere Opfergruppen der nationalsozialisitischen Verfolgung erweitert, wie Sinti und Roma, Menschen mit körperlichen und geistigen Behinderungen, Zeugen Jehovas oder die damals so genannten "Asozialen". All dies habe zu einer Ausweitung der Gedenkarbeit geführt. Als "drängende Aufgabe" betrachtet der OB daher, jüngere Menschen mit einzubinden und das ehrenamtliche Engagement auf eine breitere Basis zu stellen. 

Christina Niessen und Wolfgang Wiechert tragen Lieder der in Auschwitz ermordeten Komponistin Ilse Weber vor

Musik aus dunklen Zeiten

Für einen besonders eindringlichen Moment sorgten bei der Veranstaltung die musikalischen Beiträge von Sängerin Christina Niessen und Pianist Wolfang Wiechert. Die beiden Ensemble-Mitglieder des Badischen Staatstheaters trugen Lieder der Komponistin Ilse Weber vor, die im Konzentrationslager Theresienstadt entstanden. Ilse Werner wurde im zusammen mit ihrem Sohn Tomáš im Oktober 1944 von den Nationalsozislisten in Auschwitz ermordert. Die Lieder "sind Ausdruck ihres geistigen Widerstandes und erinnern uns daran, dass Musik selbst in den dunkelsten Zeiten Licht spenden kann", hob OB Mentrup hervor. -eck- 

Dieser Artikel erscheint in der StadtZeitung Nr. 06 am 6. Februar 2026.

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