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Karlsruhe: Stadtteile

Geschichte der Waldstadt

Spatenstich und Präsentation der Waldstadt durch Oberbürgermeister Günther Klotz

Spatenstich und Präsentation der Waldstadt durch Oberbürgermeister Günther Klotz


Eines der Volkswohnungsgebäude an der Königsberger Straße nach der Modernisierung

Eines der Volkswohnungsgebäude an der Königsberger Straße nach der Modernisierung


 

Die Waldstadt – ein Stadtteil in den besten Jahren

Erster Spatenstich für das neue Wohnviertel vor 50 Jahren am 10. September 1957

Karlsruhe in den 1950er Jahren.
Relativ schnell erholt sich die Stadt von den Zerstö­run­gen des 2. Weltkrie­ges. Doch auf Jahre hinaus ist der Neubau von Wohnungen eine der größten Aufgaben von Stadt­ver­wal­tung und Volks­woh­nung. Am 10. September 1957 kann Oberbür­ger­meis­ter Günther Klotz den ersten Spaten­stich für das größte Karlsruher Bauprojekt jener "Wirt­schafts­wun­der­jah­re" vornehmen. Im Nordosten, mitten im Hardtwald, entsteht ein komplett neues Wohnquar­tier: die Waldstadt. In der Nachkriegs­zeit wächst Karlsruhe rasant, pro Jahr nimmt die Einwohner­zahl um 5.000 bis 6.000 Menschen zu: Flücht­linge aus den früheren deutschen Ostge­bie­ten, Übersied­ler aus der DDR und junge Leute aus den ländlichen Regionen Badens und Württem­bergs. 12.000 Familien sind als wohnungs­su­chend regis­triert.

Führende Rolle der Volks­woh­nung
1953 startet die Stadt eigene soziale Baupro­gramme, bei denen die Volks­woh­nung, soeben mit der Wohnungs­ge­sell­schaft Ettlinger Tor und der Neubür­ger­sied­lung GmbH vereint, eine führende Rolle einnimmt. Vor dem Krieg hatten die Gesell­schaf­ten gerade einmal 442 Wohnein­hei­ten im Bestand. Bis 1957 errichtet die Volks­woh­nung über 3.000 neue Mietwoh­nun­gen, beispiels­weise auf dem Mühlburger und Rinthei­mer Feld.

Günther Klotz setzt sich durch

Das Haupthin­der­nis für weitere Wohnungen sind fehlende Flächen. Immer wieder hatten Planer mit dem Gedanken gespielt, im Hardtwald zu bauen. Doch dagegen formiert sich Widerstand aus der altein­ge­ses­se­nen Bürger­schaft. Beim Richtfest für das Mühlburger Feld spricht Oberbür­ger­meis­ter Klotz das Problem an: "Lässt sich die Waldgrenze auf Dauer halten?" Angesichts der Wohnungs­not sieht er keine realis­ti­sche Alter­na­tive.

Mit einem Trick bringt Klotz den Gemein­de­rat auf seine Seite. Er fordert die Landes­re­gie­rung auf, den Hardtwald unter Landschafts­schutz zu stellen. Ausge­nom­men freilich den nordöst­li­chen Teil, den er für eine neue Traban­ten­stadt ausersehen hat. Da der Forst nicht der Stadt, sondern dem Land gehört, müssen 170 Hektar Wald an die Stadt übertragen werden.
Das Land stimmt zu. Klotz bringt als oberster Baumschüt­zer die Kritik zum Verstummen und hat letzt­end­lich ein 216 Hektar großes Areal zur Verfügung. Der Name Waldstadt ist Programm. Den Planungs­wett­be­werb gewinnt der Architekt und spätere Professor an der Karls­ru­her Hochschule Dr.-Ing. Karl Selg. Er konzipiert 4.500 Wohnungen (3.500 Mietwoh­nun­gen sowie 1.000 Einfa­mi­lien- bzw. Reihen­häu­ser) für 20.000 Menschen - eine Einwohner­zahl, die nie erreicht wird. Selg sieht vielfäl­tige Bauformen in aufge­lo­cker­ter
Zeilen­bau­weise vor. Kein Dach soll die Bäume überragen, von denen so wenige wie möglich gefällt werden.

Bauen im indus­tri­el­len Takt

Beim Bau erprobt die Volks­woh­nung modernste Organi­sa­ti­ons- und Manage­ment­me­tho­den. Erstmals in der Stadt­ge­schichte werden Straßen und Entwäs­se­rungs­kanäle vor Beginn der Hochbauten gebaut und Versor­gungs­lei­tun­gen gelegt. Darüber hinaus ist die Waldstadt ein "Demons­tra­tiv-Bauvor­ha­ben" des Bundes­bau­mi­nis­te­ri­ums. Es geht um Ratio­na­li­sie­rung, Beschleu­ni­gung, Control­ling und Kosten­ein­spa­rung. Die Arbeiten werden spezia­li­sier­ten Bautrupps zugeteilt, was eine nahezu indus­tri­elle Fertigung ermöglicht. Beim Bau eines Wohnblockes errichtet ein Trupp ausschließ­lich die Schalungen, ein zweiter Trupp betoniert, ein dritter Trupp mauert Geschosse. Leistungs­prä­mien spornen die Arbeiter zusätzlich an.

Der Stadtteil wächst stetig
Umzugs­wa­gen sind den Bauar­bei­tern dicht auf den Fersen. Im Oktober 1958 ziehen die ersten Bewohner in der Königs­ber­ger Straße 6a ein. 1963, sechs Jahre nach dem ersten Spaten­stich, sind 2.374 Mietwoh­nun­gen und Eigenheime fertig. Ab 1964 wird auch die östliche Hälfte des Stadtteils, die so genannte Feldlage bebaut. In den 1970er Jahren folgt als letzte große Wohnbau­maß­nahme im Norden das Europa­vier­tel mit der Europäi­schen Schule. 1988 erhält der Stadtteil mit dem Waldstadt-Zentrum den lange entbehrten Einkaufs- und Dienst­leis­tungs­mit­tel­punkt.
 

Waldstadt-Bürger der ersten Stunde

Im Frühjahr 1957 erreicht die junge Familie von Emmi und Helmut Nehme eine gute Nachricht: Gemeinsam mit ihren drei Kindern können sie ab Juli 1959 eine neue 3-Zimmer-Wohnung in der Königs­ber­ger Straße in der Waldstadt beziehen. Endlich raus aus dem Wohnheim, wo die Übersied­ler aus der DDR mit ihren drei Kindern in nur einem Zimmer wohnen! Die Familie lebt bescheiden, ist aber sehr stolz auf ihr neues Heim. Ein Kredit von Helmut Nehmes Arbeit­ge­ber ermög­licht den Kauf des nötigsten Mobiliars. Holz für die Ofenhei­zung sammeln die Kinder im Wald.

Gravie­ren­der Mangel der ersten Jahre: Einkaufs­mög­lich­kei­ten und Schulen fehlen. Ein mobiler Kaufmann fährt das Viertel im Liefer­wa­gen an, der Betreiber einer Bauar­bei­ter-Kantine verkauft Grund­nah­rungs­mit­tel. Erst später entsteht die Ladenzeile mit diversen Geschäften. Bis 1961 gibt es keine Schule im Viertel. Das bedeutet für die Kinder mindes­tens ein halbe Stunde Fußwegnach Rintheim, Hagsfeld oder in die Südwest­stadt. Die Verkehrs­an­bin­dung per Bus und später mit der Straßen­bahn ist nicht schlecht, aber sie kostet Geld – Geld, das Familie Nehme erst einmal sparen muss, selbst wenn Emmi Nehme der Fußweg durch den Wald abends manchmal ein wenig unheimlich ist.

Heute ist das Ehepaar Nehme 86 und 84 Jahre alt, letztes Jahr feierten sie Diamantene Hochzeit. An den Wegzug aus der Waldstadt haben sie nie gedacht:"Wir hoffen, noch sehr lange hier zu wohnen", sagen die beiden rüstigen Senioren.


Aus "Daheim Journal", Ausgabe 2/2007 der Volks­woh­nung
 

Emmi und Helmut Nehme

Emmi und Helmut Nehme