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Karlsruhe: Stadtteile

Mais und Weizen

Hügellandschaft bei Hohenwettersbach

Hügellandschaft bei Hohenwettersbach



Mais - so weit das Auge reicht ...

Warum haben wir denn seit einigen Jahren überall so viel Mais? Die Antwort ist einfach: Der Anbau von Mais ist eine pure wirtschaft­li­che Notwen­dig­keit, ohne die viele landwirt­schaft­li­che Betriebe ihre Existenz verlieren würden.

In der südlichen Rheinebene links und rechts des Rheins wird, außer Spezi­al­kul­tu­ren, fast nur noch Mais angebaut. Das ist deshalb möglich, weil Mais mit sich selbst verträg­lich ist. Ein Wechsel mit anderen Feldfrüch­ten ist nicht unbedingt erfor­der­lich. Zugegeben, nur Mais ist landwirt­schaft­lich gesehen nicht besonders schön und es muss schon einiges getan werden, wie zum Beispiel die Einsaat von Senf oder Bienen­weide (blüht gelb bzw. blau), um etwas Abwechs­lung in die Landschaft zu bringen. Selbst­ver­ständ­lich hat der Zwischen­fruchtan­bau in erster Linie einen acker­bau­li­chen Aspekt. Auch durch den Anbau von Quali­täts­wei­zen wird für etwas Abwechs­lung gesorgt.

Was ist Mais und wozu wird er verwendet? Das Wort Mais war vielen Menschen vor dem letzten Krieg überhaupt nicht bekannt. Die gängige Bezeich­nung dieser Frucht war "Welsch­korn". Die Welschen – das waren Italiener und Franzosen. "Der welscht was daher" war eine übliche Redensart für "er spricht unver­ständ­lich". Die Heimat des Mais war in der Poebene, im Elsaß und in Burgund. Klimatisch bedingt konnte Welschkorn nur im südlichen Teil von Baden angebaut werden. In der Vergan­gen­heit wurde diese Frucht vorwiegend zum Mästen (Stopfen) von Gänsen verwendet. Bis heute ist die Gänse­le­ber­pas­tete eine beliebte elsäs­si­sche Spezia­li­tät. Da Mais einen hohen Feuch­tig­keits­ge­halt hat, muss er getrock­net werden. Daher auch die landes­ty­pi­schen Vordächer auf der Giebel­seite der Häuser im Hunauer­land oder im Elsaß.

Nach dem Krieg brachten uns die Amerikaner den "Pferds­zahn", die Körner sehen aus wie der Zahn eines Pferdes. Diese Maissorten werden vorwiegend für die Schwei­ne­mast verwendet. Durch züchte­ri­sche Fortschrit­te wurde die Reifezeit des Mais immer weiter verkürzt, so dass Körner­mai­s­an­bau heute überall südlich des Mains möglich ist. Im Norden und Osten unseres Landes wird Silomais für Maissilage zur Rinder­füt­te­rung angebaut. Körnermais wird neben der Schwei­ne­mast auch zur Herstel­lung von Zucker und Stärke verwendet. Nicht so bei uns! Der Maisanbau in Hohen­wet­ters­bach und auf dem Lamprechts­hof stellt eine Spezia­li­tät dar. Es handelt sich nämlich um Süß- oder Zuckermais, wie er heute überall in den Obst- und Gemüse­ab­tei­lun­gen angeboten wird. Mais für den mensch­li­chen Verzehr war bei uns früher nicht bekannt. Erst die Vertrie­be­nen brachten diese Gewohnheit mit zu uns.

Herr Rudolf Bletscher, der Seniorchef des Lamprechts­hofs, nahm die Idee auf und erreichte in langjäh­ri­ger mühevol­ler Klein­ar­beit von Markt zu Markt und mit Unter­stüt­zung seines Sohnes – dem heutigen Besitzer des Lamprechts­ho­fes Ullrich Bletscher - die Durch­drin­gung der Gemüse­märkte. Heute wird Süßmais vom Lamprechts­hof und Hohen­wet­ters­bach (das Hofgut ist seit 2004 an Herrn Bletscher verpach­tet) über den Großmarkt Bruchsal in ganz Deutsch­land und über weitere Großhänd­ler in ganz Europa verkauft. Der Lamprechts­hof ist bei diesem Produkt in Deutsch­land absolut führend. Der Markt muss selbst­ver­ständ­lich konti­nu­ier­lich beschickt werden. Deshalb hat Herr Bletscher auch Flächen im südlichen Ausland gepachtet, dort wird der Mais früher reif. Danach geht es in der Rheinebene weiter. Eine frühere Reife erzielt man vor allem auch durch Anbau unter Folie. Auch durch Züchtung spezieller Zucker­mais­sor­ten mit unter­schied­li­cher Reifezeit wird die Ernte über einen langen Zeitraum, bei uns bis weit in den Herbst hinein, ausgedehnt. Die Folie verwit­tert übrigens in kurzer Zeit von selbst. Zuckermais bedeutet viel Handarbeit, die bereits mit dem Aufschlit­zen der Folie beginnt. Mit einer Art Lanze wird die Folie geöffnet, damit die Pflanze durch­wach­sen kann. Die Ernte erfolgt maschinell mit einem Maispflücker. Danach wird der Mais zu Hause entliescht und in Klarsicht­fo­lie verpackt. Ein großer Aufwand, der seit vielen Jahren von osteu­ro­päi­schen Saison­ar­beits­kräf­ten zur großen Zufrie­den­heit der Familie Bletscher bewältigt wird. Die Saison­ar­bei­ter wohnen in der Zeit auf dem Lamprechts­hof und werden dort auch verpflegt.

Der fertig verpackte Zuckermais geht danach von Hohen­wet­ters­bach und dem Lamprechts­hof auf alle deutschen Märkte und darüber hinaus in viele europäi­sche Länder. Hätten Sie's gewußt? Auch ein Stück aus unserer "kleinen Schweiz".

R.G.
 

Felder bei Hohenwettersbach

Felder bei Hohenwettersbach


Ein Weizen geht in die Welt!

Es war tatsäch­lich eine Weizen­sorte, durch die die Welt erfuhr, dass es einen Ort namens Hohen­wet­ters­bach gibt.

Natürlich kannte man in der näheren Umgebung den Ort, durch die Weizen­sorte "Hohen­wet­ters­ba­cher Braun­wei­zen" wurde der Name jedoch im ganzen damaligen Deutschen Reich bekannt. Das ist vor allem damit zu begründen, dass die Ernährung im "Dritten Reich" und danach absolut Priorität hatte. Geld war nichts oder wenig wert, Weizen war "Gold".

Aber von vorne, im März 1914 kam Heinrich Eckardt mit seiner Frau Lydia und mit seinem Freund Hans Hege von Heilbronn nach Hohen­wet­ters­bach. Er pachtete von Freiherr Victor Schilling von Canstatt das Hofgut. Danach war er 52 Jahre in Hohen­wet­ters­bach tätig, war ein begnadeter Landwirt und ein ganz hervor­ra­gen­der Saatgut­züch­ter. Sein größter züchte­ri­scher Erfolg war der "Hohen­wet­ters­ba­cher Braun­wei­zen". Warum war der Weizen so wichtig? Das Deutsche Reich war zur Ernährung der Bevöl­ke­rung auf Einfuhren angewiesen. Devisen aber waren knapp, so dass es ein vorran­gi­ges Interesse an der Steigerung der landwirt­schaft­li­chen Erträge gab. Deutsch­land sollte, was die Ernährung anging, autark werden. Um das zu erreichen, mussten die Erträge insbe­son­dere durch Züchtung und neuartige Düngung, gesteigert werden. Der durch­schnitt­li­che Weizen­er­trag lag vor dem Krieg bei etwa 15 kg pro Ar, heute werden 80 kg, ja sogar 100 kg pro Ar geerntet. In den sechziger Jahren bekam der Landwirt ca. DM 48,-- für einen dz. Weizen, heute gerade mal 10 Euro. In einer Brezel für 50 Cent sind gerade noch für 1 Cent Weizen, alles andere ist für den Müller, den Bäcker, die Verkäu­fe­rin, die Laden­ein­rich­tung und die Werbung. Kein Wunder, dass landwirt­schaft­li­che Produkte heute so wenig Beachtung finden.

Anfang des Zweiten Weltkrie­ges – Brot gab es nur noch auf Lebens­mit­tel­kar­ten – gelang Heinrich Eckhardt der große Wurf. Sein Hohen­wet­ters­ba­cher Braun­wei­zen brachte nicht nur hohe Erträge, er war auch von bester Backqua­li­tät. Im Krieg ganz wichtig: Er hatte lange Halme und brachte somit viel Stroh, das zu Zellulose verar­bei­tet wurde. Heute ist Stroh fast wertlos, daher züchtet man Weizen­sor­ten mit möglichst kurzen Halmen. Mit seiner Weizen­sorte, aber auch als Ackerbauer war Heinrich Eckhardt absolut Spitze. Sicher haben Sie im Neubau­ge­biet schon einmal in eine Baugrube geschaut und dabei gesehen, dass oft bis in 3 Meter Tiefe kein Stein zu finden ist. Unsere Böden sind tiefgrün­dig und somit landwirt­schaft­lich besonders wertvoll.

Da man mit Pferden und Ochsen­ge­span­nen nur flach pflügen konnte, wurden zwei riesige Dampf­ma­schi­nen angeschafft. Diese zogen mit Seilwinden den mehrs­cha­ri­gen Kipppflug, zum Beispiel vom Alten Weinberg über das Köpfle zur Ochsen­stra­ße und wieder zurück. Ein Mann saß auf dem Pflug und sorgte für die Feinsteue­rung. Mit diesem System wurde die Boden­kru­me verbessert und die Erträge deutlich gesteigert. Auch die ersten, von einem Lanz-Bulldog gezogenen Claas-Mähdre­scher fuhren in den Fünfziger Jahren in Hohen­wet­ters­bach. Das Hofgut war ein begehrter Lehrbe­trieb. Wer hier einen Ausbil­dungs­platz bekam, hatte die besten Chancen im Beruf. Anfang der Zwanziger Jahre hatte die Familie Eckardt die Villa am Palmba­cher­weg, heute das Zuhause für Menschen mit Behin­de­rung. Hier wohnte die Familie bis 1966. Für seine Lebens­leis­tung erhielt Heinrich Eckardt 1956! das Bundes­ver­dienst­kreuz. Über zwei Kriege und die schwie­ri­ge Nachkriegs­zeit hat die Familie Eckardt Hervor­ra­gen­des geleistet. Bei den alten Hohen­wet­ters­ba­chern sind beide unver­ges­sen.

Weizen für Brot aber wird man immer brauchen. Daran sollten wir denken, wenn wir bei einem Spazier­gang durch "unsere kleine Schweiz" an einem Weizenfeld vorbei­kom­men.

R.G.