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Karlsruhe: Städtepartnerschaften

Höchste EU-Auszeichnung "Goldenen Sternen der Städtepartnerschaft" für Karlsruhe

Mit den "Goldenen Sternen der Städtepartnerschaft" wurde im Jahr 2006 das Theaterprojekt der Städt Karlsruhe, Nancy und Lublin "Vorurteile und Realitäten. Die jungen Europäer" ausgezeichnet

Überreichung der Goldenen Sterne


Unter­schied­li­cher können die Gegensätze nicht sein. Drei Nationen und zwei Gruppen von jungen Menschen, die nur selten die Möglich­keit haben, einander zu begegnen. "Vorur­teile und Reali­tä­ten", so das Thema, das die jungen Deutschen, Franzosen und Polen mitein­an­der im Rahmen eines europäi­schen Theater­work­shops gestalten wollten. Keine leichte Aufgabe, wenn man bedenkt, dass jeder eine andere Sprache spricht und sie sich gegen­sei­tig fremd sind. Schwer nicht nur wegen der Vorurteile und der schmerz­li­chen Geschichte, die die Generation ihrer Großeltern vielleicht am eigenen Leib erfahren mussten, sondern vor allem auch deshalb, weil sie nicht wissen, wie sie mitein­an­der kommu­ni­zie­ren können. Aber die Schwie­rig­kei­ten mit der Sprache des anderen ist nur die eine Seite. Die andere Seite sind die Berüh­rungs­ängste. Jede Gruppe kommt aus einem anderen Land, und die jungen Leute haben keine Ahnung davon, wie man als "Normal­bür­ger" mit geistig und körper­lich behin­der­ten Menschen umgehen soll. So steht am Anfang nicht nur das "Vorur­teil", sondern auch die Frage, wie man die eine in die andere Gruppe integrie­ren kann. Ihre Aufgabe ist klar umrissen. Gemeinsam wollen sie das Spiel von den "Vorur­tei­len und von den Reali­tä­ten" darstellen. Eine schier unlösbare Aufgabe in Lebens­wel­ten, wie sie unter­schied­li­cher nicht sein können. Um es gleich vorweg­zu­neh­men, das trila­te­rale Projekt im Rahmen der europäi­schen Städte­part­ner­schaf­ten, das zum Ziel hatte, die europäi­sche Vielfalt nicht nur gemeinsam zu leben, sondern auch gemeinsam etwas Neues kreativ zu gestalten, ist geglückt.

Die Darbie­tun­gen in Nancy und Karlsruhe waren so beein­dru­ckend, dass die EU-Kommission in Brüssel dem schwie­ri­gen Theater­pro­jekt die höchste Auszeich­nung verlieh. "Das war eine richtig europäi­sche Euphorie", erinnert sich der Leiter des Hauptamtes der Stadt Karlsruhe, Helmut Augenstein, der in Brüssel die Auszeich­nung "Goldene Sterne der Partner­schaft" entge­gen­neh­men konnte. "Was die Theater­gruppe aus Karlsruhe, das Theâtre Univer­si­taire aus Nancy, das Teatr Eventual aus Lublin und die jungen Menschen mit geistiger Behin­de­rung auf die Beine gestellt haben, hat alle beein­druckt", begeistert sich Augenstein. Die Darbietung im Juni 2006 im Studen­ten­haus Karlsruhe, die Steffi Lackner gemeinsam mit 36 Mitspie­lern aus drei Ländern und unter Mitwirkung geistig Behin­der­ter auf die Beine stellte, überzeugte auch die europäi­sche Jury. "Es war die zweite Begegnung des trila­te­ra­len Workshops unter der Betei­li­gung von fünf Menschen mit geistiger Behin­de­rung und einer Mitar­bei­te­rin der Hagsfelder Werkstät­ten, die als Betreuerin fungierte", berichtet Steffi Lackner, die als Regis­seu­rin am Sandkorn-Theater tätig ist. Wie aber soll man einen Workshop mit jungen Menschen aus drei Ländern davon überzeugen, was Behinderte alles können?"­Meine Theater­grup­pe "Die Spinner" zeigte, was sie alles leisten kann, und das überzeugte Franzosen, Deutsche und Polen." In Nancy hatte sich der Workshop des Univer­si­täts­thea­ters bereits ein Jahr zuvor mit "Vorur­tei­len" ausein­an­der­ge­setzt. In Karlsruhe ging es der Regis­seu­rin vor allem darum, die "Reali­tä­ten" in ihr Konzept einzu­be­zie­hen. "Es war ziemlich mühsam, eine Marsch­route zu erarbeiten, denn es ist nicht leicht, in einer Gruppe die vielfäl­ti­gen Vorstel­lun­gen unter einen Hut zu bringen." Drei Sprachen, 36 Köpfe und hundert Ideen. Dass es dennoch gelang, in drei so unter­schied­li­che Gruppen auf die Themen""­Spra­che als Barriere", "Tanz und Kommu­ni­ka­tion" und "Gemein­sam­kei­ten in der EU" festzu­le­gen, war für alle Teilnehmer der erste Schritt zum Erfolg.

"Die Proben am Vormittag waren noch unkon­zen­triert und chaotisch, aber kurzfris­tige szenische Änderungen lehnte ich ab, weil ich vor allem die behin­der­ten Teilnehmer nicht verun­si­chern durfte", erzählt die Regis­seu­rin. Und dann geschah so eine Art "kleines Wunder", denn der Abend im Studen­ten­haus war ein voller Erfolg. "Wir hatten zwei tolle Trommler aus Nancy, die auch ausge­zeich­nete Schau­spie­ler waren, und ich glaube, dass auch mein typisch deutsches Pochen auf Disziplin doch noch gefruchtet hat", sagt Steffi Lackner. Ihre große Heraus­for­de­rung nach vier Tagen Zusam­men­ar­beit mit dem "Weimarer Dreieck", so der Name der Begegnung von Polen, Franzosen und Deutschen, und einer mit viel Anerken­nung bedachten Abschluss­prä­sen­ta­tion war geglückt. Ihre Leistungen und die Unter­stüt­zung durch das Team der polnischen, franzö­si­schen und deutschen Mitar­bei­ter haben es geschafft, die "Sterne vom europäi­schen Himmel zu holen." Sie bleibt dennoch bescheiden: "Für mich war es wichtig, dass das "Machen" und das "Vonein­an­der lernen" im Vorder­grund standen, und so konnten wir in dieser kurzen Woche bleibende mensch­li­che und künst­le­ri­sche Erfah­run­gen machen." Kein Wunder also, dass diese Begeis­te­rung auch die Jury in Brüssel überzeugte. Das Ziel des Projekts war, neugierig zu machen auf den anderen.

Auch wenn Karlsruhe heute keine offizielle Partner­schaft mit Lublin hat, die Polen waren begeistert von Karlsruhe und der Gastfreund­schaft der Stadt. Europa aus der Perspek­ti­ve hinter den Kulissen . Ein Abenteuer mit Happyend trotz aller Schwie­rig­kei­ten und Barrieren, ein Glücksfall auch für Karlsruhe, das einen weiteren Stern an seinem "euro­päi­schen Horizont" aufleuch­ten sieht. Vorhang auf für ein neues Kapitel in der Geschichte der Städte­part­ner­schaft.

Doris Lott