Sprung zur Navigation. Sprung zum Inhalt.

Karlsruhe: Leben und Arbeiten

Was bedeutet Vollzeitpflege

Das Pflegekind lebt wie alle Famili­en­mit­glie­der für kurze oder längere Zeit oder auf Dauer in der Pflege­fa­mi­lie. In der Regel bestehen die Kontakte des Kindes zu seinen Eltern im Rahmen eines grund­sätz­li­chen Umgangs­rech­tes weiter. Die Eltern waren meist die ersten Bezugs­per­so­nen im Leben des Kindes. Es ist bekannt, dass sich plötzliche Bezie­hungs­ab­brü­che verun­si­chernd und nachteilig auf die seelische Entwick­lung von Kindern auswirken und daher vermieden werden sollen.

Die Häufigkeit und die Gestaltung der Besuchs­kon­tak­te werden vom Pflege­kin­der­dienst gemeinsam mit Eltern und Pflege­el­tern im Hinblick auf die Lebens­si­tua­tion der Eltern, das Alter und den Entwick­lungs­stand des Kindes unter Berück­sich­ti­gung der beste­hen­den Bezie­hun­gen und der geplanten Zeitdauer des Pflege­ver­hält­nis­ses vereinbart. Im Interesse des Kindes sollten Pflege­el­tern und Eltern die Beziehung des Kindes zu beiden Seiten akzep­tie­ren lernen.

Die Rückkehr des Kindes in seine Ursprungs­fa­mi­lie wird dann angestrebt, wenn es den Eltern im Hinblick auf das Alter und den Entwick­lungs­stand des Kindes in einem vertret­ba­ren Zeitraum gelingt, ihre Erzie­hungs­fä­hig­keit wieder herzu­stel­len. Bedeutsam ist dabei auch die Frage, wie sich die Bezie­hun­gen des Kindes zu seinen Eltern und der Pflege­fa­mi­lie weiter­ent­wi­ckelt haben.

Verän­de­run­gen für das Pflege­kind

Die Aufnahme in der Pflege­fa­mi­lie bedeutet für das Pflegekind zunächst einmal die Trennung von seinem bisherigen Umfeld, seinen bisherigen Bezugs­per­so­nen und gleich­zei­tig das Hinzu­kom­men anderer Menschen, die mit ihm in Beziehung treten wollen. Diese Verän­de­run­gen können Unsicher­heit, Angst und Schuld­ge­fühle beim Kind auslösen.

Es fühlt sich vielleicht bestraft und wegge­schickt und glaubt, schuld an den Problemen seiner Familie und selbst schlecht oder unbeliebt zu sein. Die hinzu­kom­men­de Ausein­an­der­set­zung mit einer neuen Umwelt, mit neuen Famili­en­re­geln und Verhal­tens­wei­sen verun­si­chern zusätzlich. Dies alles führt dazu, dass das Pflege­kind sich anfangs sehr angepasst verhält und versucht, es allen recht zu machen. Pflege­el­tern erleben diese Phase sehr positiv, als hätte das Kind schon immer zur Familie gehört.

Erst wenn das Pflegekind an Selbst­si­cher­heit gewinnt, stellt es die neuen Werte und Regeln gegenüber zuvor erlernten Verhal­tens­wei­sen und unver­ar­bei­te­ten Erleb­nis­sen in Frage. Es zeigt ein Verhalten, das ihm in früheren Situa­tio­nen half, zurecht­zu­kom­men, was aber jetzt im Alltag der Pflege­fa­mi­lie unange­mes­sen und unver­ständ­lich erscheint und deshalb im Zusam­men­le­ben innerhalb und außerhalb der Pflege­fa­mi­lie belastend sein kann. Das Pflegekind hat dann seine Sicher­heit gefunden, wenn es sowohl seine früheren Erfah­run­gen als auch seine jetzigen Erfah­run­gen mit der Pflege­fa­mi­lie in Einklang bringen kann, ohne die eine oder andere Seite leugnen zu müssen.

Verän­de­run­gen für die Eltern

Unabhängig davon, ob Eltern sich entschie­den haben, ihr Kind einer anderen Familie in Vollzeit­pfle­ge anzuver­trauen oder ob die Trennung vom Kind unfrei­wil­lig, durch eine gericht­li­che Einschrän­kung des Sorge­rech­tes zustande kam, entstehen Gefühle von Verlust, Angst, Trauer und Konkurrenz. Es stellen sich dabei meist folgende Fragen: Wird sich unser Kind von uns entfrem­den? Wird die Pflege­fa­mi­lie im Laufe der Zeit die wichtigere Rolle im Leben unseres Kindes spielen? Sind die Pflege­el­tern die "besseren" Eltern und werden sie uns dies spüren lassen?

Begleitet von diesen Gefühlen ist es für Eltern nicht immer leicht, die Pflege­fa­mi­lie als Hilfe zu empfinden und die doppelte Eltern­schaft zu akzep­tie­ren.

Hinzu kommt die Notwen­dig­keit, einerseits Absprachen und Verein­ba­run­gen mit den Pflege­el­tern treffen zu müssen, anderer­seits aber den Pflege­el­tern auch einen Handlungs­spiel­raum in der Erziehung des Kindes zuzuge­ste­hen und Vertrauen in ihren Umgang mit dem Kind zu entwickeln.

Verän­de­run­gen für die Pflege­fa­mi­lie

Auch auf die Pflege­fa­mi­lie kommen mit der Aufnahme eines Pflege­kin­des wesent­li­che Verän­de­run­gen in den Bezie­hun­gen und Rollen innerhalb der Familie zu. Durch das Einfügen eines neuen Famili­en­mit­glie­des müssen die anderen einen neuen Platz einnehmen, damit das Gleich­ge­wicht erhalten bleibt oder wieder herge­stellt werden kann.

Die Angehö­ri­gen müssen einen Weg finden, um mit Eifer­suchts­re­ak­tio­nen der eigenen Kinder oder des Partners, mit verän­der­ten Alltags­ab­läu­fen und in Frage gestellten Famili­en­re­geln oder ungewohn­ten Verhal­tens­wei­sen des Pflege­kin­des umgehen zu können.
Für die Pflege­fa­mi­lie findet eine Öffnung des privaten Bereiches nach außen durch die Kontakte mit dem Jugendamt und die gemeinsame Eltern­schaft mit der Herkunfts­fa­mi­lie statt.

Das Zusam­men­le­ben mit einem Kind aus einer anderen Familie und die sich daraus ergebenden Verän­de­run­gen für das eigene Famili­en­le­ben beinhalten aber auch ein Wachsen an einer Aufgabe, das durchaus eine Berei­che­rung und Erwei­te­rung von Erfah­run­gen sein kann.