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Karlsruhe: Leben und Arbeiten

Rückschau: Stadtansichten 2 am 24. Oktober 2013

Lachs­häpp­chen oder Butter­brot?

Zum Ausstel­lungs­fi­nale läutete ein anregender Diskus­si­ons­abend zur Identität der Stadt und den Gestal­tungs­auf­ga­ben der Zukunft die nächste Phase der Leitbil­d­ent­wick­lung ein.


Die Türen des Veran­stal­tungs­saals im Stadt­mu­se­um mussten am Abend des 24. Oktobers geöffnet bleiben - so voll war der Raum. Mehr als 80 Gäste waren zum Abschluss des Begleit­pro­gramms der Ausstel­lung "Die Stadt neu sehen. Zehn Fragen an Karls­ru­he!" ins Prinz­Max­Pa­lais gekommen, um über das Räumliche Leitbild und seine Themenschwer­punkte mit den fünf Referenten des Abends zu disku­tie­ren und "Stadt­an­sich­ten" auszut­au­schen. Das Verhältnis der Stadt zum Wasser und zum Grünraum, zukünftige räumliche Entwick­lungs­po­ten­ziale und die Frage der baukul­tu­rel­len Identität standen im Mittel­punkt der Veran­stal­tung. Darüber hinaus gab die neue Leiterin des Stadt­pla­nungs­am­tes, Prof. Dr. Anke Karmann-Woessner, einen Ausblick auf den weiteren Leitbild­pro­zess.

Visionen konkre­ti­sie­ren

Nach der Ausstel­lung gilt es nun, die Visionen für Karlsruhe zu konkre­ti­sie­ren. Dafür schreibt die Stadt einen Ideen­wett­be­werb aus -"in dieser großräum­li­chen Dimension ein nahezu einmaliger Vorgang in Deutsch­land", so Prof. Dr. Karmann-Woessner. Dabei soll diese Phase der plane­ri­schen Konkre­ti­sie­rung auch weiterhin von einer hohen Trans­pa­renz geprägt sein. Nicht zuletzt das große Interesse am Begleit­pro­gramm zur Ausstel­lung und die zahlrei­chen Besucher­kom­men­tare auf den Betei­li­gungs­kar­ten zeigen, wie wichtig der öffent­li­che Dialog zum Räumlichen Leitbild ist. Der Abend im Stadt­mu­seum lieferte denn auch zahlreiche Impulse für den weiteren Planungs­pro­zess.

Zehn Minuten standen jedem Referenten zur Verfügung. In einem kurzen Vortrag galt es, eine der zehn Fragen an Karlsruhe, die in der Ausstel­lung und der Vorun­ter­su­chung zum Räumlichen Leitbild behandelt werden, zu reflek­tie­ren und Anregungen für die weitere Diskussion zu geben. Wie schon zu den "Stadt­an­sich­ten 01", die Ende September erfolg­reich Premiere hatten, trafen auch diesmal sehr verschie­dene Referenten und Positionen aufein­an­der. Vom Klima­for­scher über den Urban-Gardening-Aktivisten und Planungs­ex­per­ten bis hin zur Archi­tek­tur­ver­mitt­le­rin - die Vielfalt der Perspek­ti­ven berei­cherte die Diskussion im Anschluss der fünf Vorträge definitiv. Moderiert wurden die "Stadt­an­sich­ten 02" wieder von Prof. Dr. Riklef Rambow, der am KIT das Fachgebiet Archi­tek­tur­kom­mu­ni­ka­tion leitet.

Grün braucht Zeit

Der erste Teil des Abends widmete sich mit zwei Vorträgen der Frage nach Stadt und Grün. Das Verhältnis Karls­ru­hes zu seinen Grünräumen ist einer der Themen­kom­plexe in der Ausstel­lung, der am meisten von Besuchern kommen­tiert wurde. Welche Bedeutung kommt dem städti­schen Grün im Zusam­men­hang mit den Heraus­for­de­run­gen des Klima­wan­dels zu? Dieser Frage ging der Geograf und Klima­ex­perte Peter Trute von der Umwelt­be­ra­tungs­firma GEO-NET in seinem Vortrag nach. Laut dem Klimas­ze­na­rio für 2050 wird es in Karlsruhe, das sich mit seiner Lage im Rhein­gra­ben bereits jetzt im "Hitzepool Deutsch­lands" befindet, zukünftig noch heißer werden. Während die Maximal­werte im Sommer aktuell bei 39 Grad Celsius liegen, könnten in wenigen Jahrzehn­ten Werte bis zu 45 Grad erreicht werden. Hitze­pe­ri­oden, die bis zu 16 Tage andauern, progno­s­ti­zie­ren Experten wie Peter Trute für die Region und stellen fest: "Karls­ru­he ist Spitzen­rei­ter in Deutsch­land, was die biokli­ma­ti­sche Belastung angeht ¬ fast alle Siedlungs­flä­chen sind hoch bis sehr hoch belastet."

Urban Heat, also die Erhitzung der Stadt, ist einer der zentralen Problem­fel­der, dem die Stadt bereits jetzt entge­gen­wirkt. Das städtische Grün spielt dabei eine zentrale Rolle. "Grün braucht Zeit - um wirkungs­voll Schatten spenden zu können, müssen Bäume 30 bis 40 Jahre lang wachsen", zeigte Peter Trute den aktuellen Handlungs­be­darf auf. Er verwies dabei nicht nur auf die Relevanz von Kaltluft­leit­bah­nen, erreich­ba­ren inner­städ­ti­schen grünen Klimaoasen oder die Veran­ke­rung des Klima­schut­zes in der plane­ri­schen Nachver­dich­tung der Stadt. "Entschei­dend wird es sein, private Klimaan­pas­sungs­i­ni­tia­ti­ven zu fördern. Wir müssen in den Quartieren und vor der eigenen Haustür aktiv werden. Das Hinter­hof­pro­gramm der Stadt Karlsruhe ist hier ein guter, erster Anstoß, dem weitere folgen sollten."

Karlsruhe soll genießbar sein!

Wie private Initia­ti­ven für ein grüneres Karlsruhe aussehen können, zeigte Dirk Nowak in seinem anschlie­ßen­den Vortrag. Der Sicher­heits­in­ge­nieur betreibt in seiner Freizeit das Urban-Gardening-Netzwerk "Schwarm­farm". Vor fünf Jahren hat er mit dem Gemüse­an­bau für den Eigen­be­darf begonnen - auf dem Dach des Hochhauses, in dem er in Karlsruhe-Rintheim lebt. Seitdem ist Dirk Nowak viel unterwegs, um sich Anregungen zu holen - von urbanen Gärtnern in Berlin, London, Toronto oder Taiwan. Ihre Ideen importiert er nach Karlsruhe und stiftet andere mit seiner Schwarm­farm zum Mitmachen an - "als spontanes Bürger­pro­jekt ohne feste Vereinss­truk­tu­ren". Dabei lobte Nowak die hohe Koope­ra­ti­ons­be­reit­schaft des Karls­ru­her Garten­bau­am­tes, wo man den verschie­de­nen Gärtner­pro­jek­ten der Initiative aufge­schlos­sen gegenüber stand. So entstand beispiels­weise ein Garten am Schloss Gottesaue und die Fußgän­ger­zone an der Kaiser­straße wird noch bis zur Verlegung der Baustelle im November mit Pflanz­sä­cken zur urbanen Kräuter­gar­ten umfunk­tio­niert. In seinem Vortrag vermit­telte Dirk Nowak einen vielsei­ti­gen Einblick in die lebhafte Szene der Karlsruher Garten­ak­ti­vis­ten. Dabei wünscht er sich keine "Edible City" - also das Leitbild einer "Essbaren Stadt", in der großflä­chig Obst und Gemüse für und von Stadt­be­woh­nern angebaut wird - wohl aber ein grünes Karlsruhe als "genieß­bare Stadt."

An den Rhein und auf in den Süden?

Die Frage der "Genieß­bar­keit" einer Stadt, wird nicht nur von inner­städ­ti­schen Grünräumen definiert, sondern auch von den räumlichen Qualitäten im Umfeld der Stadt und ihren Entwick­lungs­po­ten­zia­len. Die Folge­vor­träge der Planungs­ex­per­ten Dietmar Lorenz und Sebastian Hermann beleuch­te­ten zwei sehr unter­schied­li­che Karls­ru­her Poten­zi­al­räume. Dietmar Lorenz, der am Fachge­biet Landschafts­ar­chi­tek­tur bei Prof. Henri Bava am KIT lehrt, reflek­tierte die Beziehung der Stadt zum Fluss und stellte hier verschie­dene Studien und Entwürfe des KIT vor. Sebastian Hermann, der mit seinem Planungs­büro MESS an der Vorun­ter­su­chung zum Räumlichen Leitbild beteiligt war, widmete sich in seinem Impuls­vor­trag der Südtan­gente und ihrer vielfäl­ti­gen Entwick­lungs­mög­lich­kei­ten.

Den Fluss für die Karlsruher als Naher­ho­lungs­ge­biet erlebbarer und erreich­ba­rer zu machen - "Desti­na­tio­nen und markante Verbin­dun­gen zum Rhein zu schaffen", wie es Dietmar Lorenz formu­lierte - seien wichtige Planungs­stra­te­gien. Dabei gehe es längst nicht mehr um den Bau einer "Rhein­stadt", wie einst in den 1960er Jahren angedacht, sondern vielmehr darum, "punk­tu­elle Attrak­tio­nen" zu schaffen. Mögli­cher­wei­se könnte der Hafen als eine Art "Water­front Karls­ru­he" stärker als Verbin­dungs­glied zwischen Fluss und Stadt gestal­te­risch definiert werden und der Ausbau von alter­na­tive Mobili­täts­sys­teme wie Radwege zum Rhein eine wichtige Rolle spielen.

Mit dem Rad kann man bereits jetzt relativ gut den räumlichen Entwick­lungs­raum entlang der Südtan­gen­te erkunden, den Sebastian Herrmann und seine Kollegen "Südba­na­ne" nennen. Das "Raum­ge­flecht" das von der Trasse und damit stark von Barrieren geprägt und zerstückelt wird, weist in den Augen der Planer bereits jetzt eine Vielzahl von Angeboten und Nutzungs­pro­gram­men auf - die bislang nur von vielen Karls­ru­hern nicht wahrge­nom­men werden. Für ihn ist der Raum entlang der fünfzehn Kilometer langen Transit­stre­cke ein "Span­nungs­feld, das alle Themen des Räumlichen Leitbil­des" verbindet und viel plane­ri­sches Potenzial bietet: vom Hochhaus­stand­ort bis zum Möglich­keits­raum für Bastler, Tüftler und andere Kreative.

Womit und für wen sollte Karlsruhe glänzen?

Zum Abschluss der Impuls­vor­träge erweiterte Dr. Hanna Hinrichs (Archi­tek­tur­schau­fens­ter e.V. Karlsruhe) den Fokus vom konkreten Ort auf das große Ganze.""In welchem Style wollen wir bauen?" lautete die Frage aus dem Themen­ka­ta­log des Räumlichen Leitbildes, die den Ausgangs­punkt ihres Vortrags bildete. Dabei ging Hanna Hinrichs sehr grund­sätz­lich auf den Zusam­men­hang von Stadt­ge­stalt und kultu­rel­ler Identität ein. Was will Karlsruhe sein und für wen? fragte sie. Lachs­häpp­chen oder Butter­brot? Geht es um Glamour oder Boden­stän­dig­keit? Vermissen die Karlsruher den Glanz? Was macht Glanz überhaupt aus? Bedarf es glamou­rö­se­rer Archi­tek­tur in der Stadt? Kann man mit dem Umgang alter Gebäude glänzen? Das Räumliche Leitbild bezeich­nete die Archi­tek­tur­ver­mitt­le­rin als große Chance für Karlsruhe, um öffentlich - "im großen Rahmen und mit vielen Leuten" - über das Spektrum an Gestal­tungs­mög­lich­kei­ten zu disku­tie­ren und zu identi­fi­zie­ren, was für die Stadt wirklich wichtig ist.

Auch in der abschlie­ßen­den Diskussion um die zukünf­ti­gen Priori­tä­ten der Stadt­ent­wick­lung - etwa dem Klima­schutz - wurde durch Statements aus dem Publikum und den Referenten die Wichtig­keit einer ganzheit­li­chen und an die Gestaltung gekop­pel­ten Betrach­tung betont. Diese wird sich auch in den Entwürfen der Planungs­teams, die sich nun bis zum nächsten Frühjahr im Rahmen des Ideen­wett­be­werbs mit der Weiter­ent­wick­lung des Räumlichen Leitbilds beschäf­ti­gen, wider­spie­geln. Die Karls­ru­he­rin­nen und Karlsruher sind eingeladen, den gesamten Entwurfspro­zess zu begleiten und zu bereichern - verschie­dene öffent­li­che Präsen­ta­tio­nen und Diskus­sio­nen der Wettbe­w­erb­s­er­geb­nisse sind 2014 vorgesehen.

Franziska Eidner

 

Impulsgeber zum Räumlichen Leitbild

Begrüßung durch die neue Amtsleiterin Prof. Dr. Anke Karmann-Woessner des Stadtplanungsamts

Begrüßung durch die neue Amtsleiterin Prof. Dr. Anke Karmann-Woessner des Stadtplanungsamts



Peter Trute, Geo-NET Umweltconsulting GmbH, Hannover

Peter Trute, Geo-NET Umweltconsulting GmbH, Hannover



Dirk Nowak, Urban Gardening Experte, Schwarmfarm Karlsruhe

Dirk Nowak, Urban Gardening Experte, Schwarmfarm Karlsruhe



Dietmar Lorenz, Institut Entwerfen von Stadt und Landschaft, KIT Karlsruhe

Dietmar Lorenz, Institut Entwerfen von Stadt und Landschaft, KIT Karlsruhe



Sebastian Hermann, MESS, Kaiserslautern

Sebastian Hermann, MESS, Kaiserslautern



Dr. Hanna Hinrichs, Architekturschaufenster e. V., Karlsruhe

Dr. Hanna Hinrichs, Architekturschaufenster e. V., Karlsruhe



Moderiert wurde der Abend wieder von Prof. Dr. Riklef Rambow (KIT).          Alle Fotos: M. Müller-Gmelin, Stadtplanungsamt

Moderiert wurde der Abend wieder von Prof. Dr. Riklef Rambow (KIT). Alle Fotos: M. Müller-Gmelin, Stadtplanungsamt