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Karlsruhe: Stadtgeschichte

Ausstellung im Ständehaus über Schandfahrt vor 75 Jahren

Stadt­zei­tung vom 23. Mai 2008

Wie die Nazis Menschen entwür­dig­ten

(erg) Claus Temps sang bei der Eröffnung der Ausstel­lung "Die Schaufahrt vom 16. Mai 1933" eine Elegie von Bert Brecht und Hanns Eisler über "finstere Zeiten" im Natio­nal­so­zia­lis­mus. Die sicherlich mehr als 10 000 Schau­lus­ti­gen, die die Schand­fahrt vor 75 Jahren beobach­te­ten, sahen die Zeiten offenbar anders. Sie trällerten ein fröhliches Volkslied. Doch mit "das Wandern ist des Müllers Lust" verhöhnten sie August Remmele. Der Sozial­de­mo­krat, ehedem Badischer Innen­mi­nis­ter und Staats­prä­si­dent war von Ausbildung her und aus Famili­en­tra­di­tion Müller.

Zusammen mit seinem Landtags­an­ge­ord­ne­ten-Kollegen Ludwig Marum und fünf weiteren promi­nen­ten Karls­ru­her Sozial­de­mo­kra­ten saß er am 16. Mai 1933 auf einem offenen Polizei-LKW, mit dem er vom Gefängnis in der Riefstahl­straße über die Kaiser­straße zum Polizei­prä­si­dium am Marktplatz und schließ­lich ins KZ Kislau verfrach­tet worden war. Die Zaungäste sangen von einem von der SS verteilten Flugblatt das Müller-Lied, mit dem Nazis auch zuvor schon Versamm­lun­gen mit Remmele gestört hatten.

Marum wollte nicht zusichern, sich nach einer möglichen Entlassung aus dem KZ nicht mehr politisch zu betätigen. Daher ist er im Gegensatz zu seinen Genossen nicht frei gekommen. Er wurde in der Nacht vom 28. auf den 29. März 1934 von SS-Leuten in Kislau erdrosselt. Die Nazis stellten den Mord anschlie­ßend als Selbst­tö­tung dar. Nach Ende der natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Schre­ckens­herr­schaft wurde die wahre Todes­ur­sa­che bekannt.

Remmele wurde drei Wochen vor Marums Tod aus dem KZ entlassen und lebte später in Hamburg, wo ihn eine Schreiben der Uni Freiburg erreichte. Ende der 1920er Jahre wurde er dort zum Doktor der Medizin ehren­hal­ber berufen. Diese Würde nahm ihm die Nazi-Uni-Führung wieder ab. Nach dem Krieg erhielt er den Titel erneut.

Der Schrift­ver­kehr wird in einer Ausstel­lung des Stadt­ar­chivs sowie der Sektion Nordbaden des Vereins "Gegen Vergessen - für Demokra­tie" gezeigt, die derzeit an die schänd­li­che LKW-Tour durch die Karls­ru­her Innenstadt erinnert.
Die Präsen­ta­tion, die Bürger­meis­te­rin Margret Mergen genau am 75. Jahrestag eröffnete, ist bis zum 2. August in der Gedenk­stätte zur Badischen Demokra­tie­ge­schichte im Ständehaus zu sehen. Die Aussteller zeigen alle bekannten Fotos über die Schaufahrt. Kurzbio­gra­fien berichten über jedes der sieben Opfer. Die Tafeln über Remmele und Marum verbleiben später in der Dauer­aus­stel­lung. Eine Chronik mit Geschichts­da­ten auf dem Weg zur natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Machter­grei­fung führt in die Exponate ein.
Im Begleit­pro­gramm spricht am kommenden Donnerstag, 29. Mai, Günter Wimmer vom Verein gegen das Vergessen über Adam Remmele. Beginn ist um 20 Uhr.

 

Foto: Bastian