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Karlsruhe: Stadtgeschichte

Ludwig-Marum-Preis: Stets die Erinnerung bewahren

Stadt­zei­tung vom 12. November 2010

(cal) Für sein Buch "Mein verwun­de­tes Herz - das Leben der Lilli Jahn" hat Dr. Martin Doerry, stell­ver­tre­ten­der Spiegel-Chef und Historiker den diesjäh­ri­gen Ludwig-Marum-Preis aus der Hand des Kreis­vor­sit­zen­den Johannes Jung und des VizeVor­sit­zen­den der SPD-Bundes­tags­frak­tion, Gernot Erler, erhalten. Das Preisgeld von 1000 Euro reichte er an das Ludwig-Marum-Gymnasium in Pfinztal weiter, wo es in die politische Bildungs­ar­beit einfließt. Gleich­zei­tig war im Stände­haus­saal erstmals seine Ausstel­lung "Nirgendwo und überall zu Haus" zu sehen. Gezeigt bis 4. Dezember, basiert die Schau auf Doerrys gleich­na­mi­ger Publi­ka­tion, für die er "Gespräche mit Überle­ben­den des Holocaust", so der Untertitel, führte. Monika Zucht hat die Zeitzeu­gin­nen und Zeitzeugen eindrucks­voll porträ­tiert.


Das Buch über Doerrys Großmutter Lilli Jahn beruht auf rund 570 Briefen und Dokumenten aus der Familie Jahn, darunter etwa 250 von Lilli, die ihr ältester Sohn Gerhard, unter Willy Brandt Bundes­jus­tiz­mi­nis­ter, aufbewahrt hatte. Gernot Erler zeichnete in seiner Laudatio das Bild einer warmher­zi­gen Ärztin und Mutter. Als Jüdin mit einem katho­li­schen Arzt verhei­ra­tet, prakti­ziert sie Seite an Seite mit ihrem Mann in einer Landpraxis in Immen­hau­sen. Sie bekommt schnell hinter­ein­an­der fünf Kinder. Mit zuneh­men­der Entrech­tung darf sie offiziell nicht mehr arbeiten und keine kultu­rel­len Veran­stal­tun­gen mehr besuchen. Ihr Mann trennt sich 1942 von ihr, Lilli zieht mit ihren Kindern nach Kassel und wird Ende August 1943 in das Arbeits- und Erzie­hungs­la­ger Breitenau deportiert. Am 17. oder 19. Juni 1944 ist sie in Auschwitz vergast worden. Diese ganze Zeit über schaffte sie es, mit ihren Kindern brieflich in Kontakt zu bleiben - ihre Tochter Ilse, die Mutter Doerrys, durfte sie nur ein einziges Mal besuchen. In allen Briefen steht die Sorge um ihren Sohn und ihre vier Töchter im Mittel­punkt, nicht ihre eigene schlimme Situation.
Mit seinem einfühl­sa­men Buch und der Fotoschau Zuchts über die Überle­ben­den will Doerry die Lebenswege von 24 Menschen nachzeich­nen und inter­pre­tie­ren - auch mit kritischem Blick auf die Gegenwart. Der Titel "nirgend­wo und überall zu Hause", ein Zitat des Prager Histo­ri­kers Saul Fried­län­der, bezieht sich auf den Verlust von Heimat, ihre bleibende Entwur­ze­lung. Viele von ihnen wie Elie Wiesel, Inge Deutsch­kron, Heinz Berggruen oder Anita Lasker-Wallfische haben wiederum ihrer Erfah­run­gen in eigenen Büchern hinter­las­sen. Interviewt hat Doerry auch die Kolora­tur­so­pra­nis­tin Eva Haas. aufge­wach­sen in Berlin als Tochter musika­li­scher Eltern, eines jüdischen Kaufmanns und einer evange­li­schen Schnei­de­rin, kam sie 1939 einem mit Kinder­trans­port nach England. dort konnte sie ihr Talent entfalten, das sie schließ­lich an das Karlsruher Theater führte.

 

Foto: Bildstelle der Stadt Karlsruhe