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Karlsruhe: Stadtgeschichte

Dammerstock ist 80 Jahre jung

Stadt­zei­tung vom 16. Oktober 2009

Revolution im Bau / Veran­stal­tungs­reihe mit zwei Präsen­ta­tio­nen

(cal) An 80 Jahre Dammer­stock­sied­lung als Revolu­tion des Bauens in Karlsruhe wird bis Ende November noch mit zwei Ausstel­lun­gen, einer Insze­nie­rung, Führungen, einer Lesung mit Konzert sowie dem Stadt­bau­fo­rum erinnert. Entstanden ist das heute äußerst beliebte, grüne Wohnquar­tier mit hellen, luftigen und prakti­schen "Gebrauchs­woh­nun­gen" für den kleinen Geldbeutel 1929 sowie von 1947 bis Ende der 1950er Jahre. Ursache war die durch den ersten Weltkrieg verschärfte Wohnungs­not und damit notwendige Stadt­er­wei­te­rung. Diese hatte im von Bürger­meis­ter Hermann Schneider verant­wor­te­ten Generalbe­bau­ungs­plan von 1926 ihren Nieder­schlag gefunden.

Den unter Feder­füh­rung der eigens gegrün­de­ten städti­schen Bauge­nos­sen­schaft "Volks­woh­nung" 1928 ausge­schrie­be­nen Wettbewerb für den "Dammer­stock" gewannen der Gründer des Bauhauses, Walter Gropius aus Berlin und der Celler Architekt Otto Haesler. Als künst­le­ri­scher Oberleiter legte Gropius stilbil­den­de Kriterien wie "gleich­große fenste­r­ele­mente, flaches dach, gleiche gesims­lö­sung, weisser fassaden-putz und graue sockel und glatte türen in eisen­rah­men" fest. Auf Haeslers Entwurf geht der konse­quente Zeilenbau zurück. So entstanden innerhalb von nur sieben Monaten 228 Wohnungen zwischen 49 und 110 Quadrat­me­tern Größe und 23 Grund­riss­for­men in Geschoss- und Reihen­h­aus­bau­ten sowie Gaststätte und Waschhaus. Reizvolle, großzü­gi­ge Ruhezonen ergeben sich durch die einander zugewand­ten Gärten.

Noch bis 22. November lässt der Badische Kunst­ver­ein, Waldstraße 3, die damals veran­stal­tete Bauaus­stel­lung wieder aufleben. Die Schau rückt das histo­ri­sche pädago­gi­sche Konzept in den Mittel­punkt, die das neue Bauen einer breiten Bevöl­ke­rung möglichst lebensnah erfahrbar machen wollte. Dafür wurden 30 Muster­woh­nun­gen mit Bauhaus­mö­beln, etwa von Marcel Breuer und Celler Volks­mö­beln aus der Hand Haeslers einge­rich­tet. Sie sollten geschmacks­bil­dend wirken. Histo­ri­sche Fotos, Archi­tek­tur­pläne, Texte, Briefe und Grafiken vermitteln Erlebnisse in der 1929er Ausstel­lung und deren Kommu­ni­ka­tion nach außen. Letztere hatte analog zum archi­tek­to­ni­schen Entwurfs­geist der Dadaist Kurt Schwitters entworfen.

Ein Film führt in die Benutzung der auch heute noch äußerst praktische erschei­nen­den Frank­fur­ter Küche mit Drehstuhl, energie­spa­ren­der Kochkiste, Abfall­rinne und herun­ter­klapp­ba­rem Bügelbrett ein. Sie ist zur "Mutter" heutiger Einbau­kü­chen geworden. Eine zweite Schau stellt dagegen noch bis 14. November im Neuen Ständehaus, Stände­haus­straße 2, Fotos einstiger Muster­woh­nun­gen aktuellen persön­li­chen Einrich­tungs­sti­len gegenüber. Denn obwohl die Dammer­stock-Siedlung unter Denkmal­schutz steht, ist keine Wohnung mehr vollstän­dig origi­nal­ge­treu erhalten. Ihren Charakter "als Kern der gesamten Siedlung", so die engagierte Kuratorin des Veran­stal­tungs­pro­jek­tes, Nina Rind, haben sich die licht­durch­flu­te­ten Wohnungen jedoch bis heute erhalten.

 

Foto: Bildstelle der Stadt Karlsruhe