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Karlsruhe: Stadtgeschichte

Geraubt und "zwangsgermanisiert"

SEHENSWERTE AUSSTELLUNG: „Geraubte Kinder – vergessene Opfer“ stellt einzelne Biografien in den Vordergrund. Unser Foto zeigt Kurator Christoph Schwarz (links) mit Bürgermeister Albert Käuflein. Foto: jodo

SEHENSWERTE AUSSTELLUNG: „Geraubte Kinder – vergessene Opfer“ stellt einzelne Biografien in den Vordergrund. Unser Foto zeigt Kurator Christoph Schwarz (links) mit Bürgermeister Albert Käuflein. Foto: jodo


 

Ausstel­lung erinnert an "verges­se­ne Kin­der"
Verein kämpft um Entschä­di­gung der Opfer

Von unserem Redak­ti­ons­mit­glied Patrizia Kaluzny
Kostja Pablo­wi­tsch Harelek, Janina Kunsz­to­wicz, Zyta Suse, Barbara Gajzler, Roman Rosza­tow­ski ... Sie alle eint ein Schick­sal. Sie hatten blonde Haare und blaue Augen, Augen­ab­stand, Nasen­breite und Schädel­form waren "perfekt". Sie sahen "arisch" aus. Damit entspra­chen sie den Rasse-Vorstel­lun­gen der Natio­nal­so­zia­lis­ten und wurden deshalb als Kinder geraubt und verschleppt. Sie kamen in Einrich­tun­gen ­der "Lebens­born"-Organi­sa­tion, in Erzie­hungs­an­stal­ten und Lager im "Alten Reich", wo sie "zwangs­ger­ma­ni­siert" und ihrer I­den­ti­tät beraubt wurden, einen neuen Namen bekamen und schließ­lich zu deutschen Pflege­el­tern kamen.
Die Ausstel­lung "Geraubte Kinder - vergessene Opfer", die am Sams­tag­abend bei der Gedenk­ver­an­stal­tung der Stadt für die Opfer des Natio­nal­so­zia­lis­mus in der Erinne­rungs­stätte im Neuen ­Stän­de­haus eröffnet wurde, dokumen­tiert eindrucks­voll und zu­gleich beklemmend die Biografien von Kostja, Janina, Zyta, Barbara, Roman und vielen anderen Kindern, die das gleiche ­Schick­sal ereilte. Auf den vielen Tafeln, die sich auf den Stock­wer­ken der Erinne­rungs­stätte verteilen, finden sich ­zahl­rei­che Bilder, histo­ri­sche Dokumente, von den Kindern ­ge­schrie­bene Briefe und viele Texte, die den Hinter­grund und die Zu­sam­men­hänge dieses Kriegs­ver­bre­chens erläutern.
Erar­bei­tet hat die Wanderaus­stel­lung der Freiburger Verein "­Ge­raubte Kinder - Vergessene Opfer". "Wir sind ein kleiner ­Ver­ein, der dieses immer noch weitgehend unbekannte Thema in die Öf­fent­lich­keit rücken möchte", sagt Christoph Schwarz. Der Lehrer aus Freiburg ist Kurator der Ausstel­lung und Mitbe­grün­der ­des Vereins, in dem sich auch betroffene Zeitzeugen engagieren - darunter Hermann Lüdeking, der als Roman Rosza­tow­ski auf die Welt kam und bis heute nach seinen Wurzeln sucht. Schwarz reiste ­mehr­fach nach Osteuropa, unter anderem nach Slowenien und Polen, traf viele der einst Zwangs­ein­ge­deutsch­ten und ließ sich ihre ­Ge­schich­ten erzählen.
Die genaue Zahl der geraubten Kinder ist nicht bekannt. Histo­ri­ker schätzen, dass es wohl mehrere hundert­tau­send Jungen und Mädchen waren, die aus natio­nal­so­zia­lis­tisch besetz­ten ­Län­dern verschleppt wurden, haupt­säch­lich aus Polen, der e­he­ma­li­gen Tsche­cho­slo­wa­kei und Sowje­tu­nion, aber auch auch Nor­we­gen. Für den von Reichs­füh­rer SS Heinrich Himmler ­be­foh­le­nen "rassisch erwünsch­ten Bevöl­ke­rungs­wachs­tum" raubten ­die Nazis die Kinder aus Familien und Waisen­häu­sern.
Christoph Schwarz und der Verein wollen zum einen das Kriegs­ver­bre­chen, das deutsche Behörden lange bewusst tot­schwie­gen und verschlei­er­ten, in Erinnerung rufen und das Ausmaß des Unrechts bekannt machen. Zum anderen kämpft der Verein an der Seite der Zeitzeugen um eine Entschä­di­gung. "Das war auch der Anlass, diesen Verein zu gründen", berich­tet Schwarz. Diesen Menschen, von denen viele schwe­re Trau­ma­ti­sie­run­gen davon­ge­tra­gen haben, wurden laut Schwarz ­bis­lang Anerken­nung und finan­zi­elle Entschä­di­gung verweigert. "Das Bundes­fi­nanz­mi­nis­te­rium veröf­fent­lichte offiziell die Zahl von 250 Opfern - als ich das Schreiben von einem ­Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­ten bekam, war ich ziemlich schockiert", so Schwarz.
Wie wichtig das Gedenken an die Opfer des Natio­nal­so­zia­lis­mus ist, betonte Bürger­meis­ter Albert Käuflein in seiner Ansprache. "Umzüge rassis­ti­scher Gruppen - auch in Karlsruhe, ein AfD-Politiker, der das Berliner Holocaust-Mahnmal als Denkmal ­der Schande bezeichnet und von dämlicher Bewäl­ti­gungs­po­li­ti­k spricht - mehr Beispiele muss ich nicht nennen", so Käuflein, der leiden­schaft­lich an die Zuhörer appel­lierte, sich denen, die sich rassis­tisch und menschen­ver­ach­tend äußern, entschie­den und mit Mut gegen­über­zu­stel­len und Position zu beziehen. Applaus gab es an diesem Abend auch für die Musiker Maya und Boris Yoffe (Vio­li­ne), Emil Langbord (Viola) und Dimitri Dichtiar (Cello), die mit ihren mitrei­ßen­den klassi­schen Musik­stücken das Publi­kum ­be­geis­ter­ten.

Badische Neueste Nachrich­ten | Karlsruhe | KARLSRUHE | 29.01.2018

 

Service
Die Ausstel­lung "Geraubte Kinder - vergessene Opfer" ist bis 10. März im Neuen Ständehaus, Stände­haus­straße 2, zu sehen. Öffnungs­zei­ten: dienstags bis freitags von 10 bis 18.30 Uhr sowie samstags von 10 bis 14 Uhr. Der Eintritt ist frei.