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Karlsruhe: Stadtgeschichte

„Südstadtindianer“ räumen mit Legenden auf

DIE AUSSTELLUNGSMACHER (von links) Peter Pretsch, Claudia Binswanger, Kevin Sternitzke und Andreas Seim beim Indianerbrunnen auf dem Werderplatz. Foto: Jehle

DIE AUSSTELLUNGSMACHER (von links) Peter Pretsch, Claudia Binswanger, Kevin Sternitzke und Andreas Seim beim Indianerbrunnen auf dem Werderplatz. Foto: Jehle


 

Das einstige Eisen­bah­ner­vier­tel bildet Ausgangs­punkt für zwei Ausstel­lun­gen / "Rothäute in der Südstadt" startet am Samstag
Auf dem Werder­platz "campiert" nur ein Indianer

Von unserem Mitar­bei­ter Stefan Jehle

Die Bürger­ge­sell­schaft der Karlsruher Südstadt trägt seit jeher ein ganz eigen­tüm­li­ches Logo im Stadt­teil­wap­pen: einen India­ner­kopf. Das Original steht in Stein gemeißelt und überle­bens­groß auf dem Werder­platz im Herzen der Südstadt. Deshalb nennt man Bewohner des Stadtteils auch manchmal scherz­haft "Südstadt­in­dia­ner". Der seit bald 100 Jahren im Stadtbild präsente "India­ner­kult" ist jetzt Ausgangs­punkt für gleich zwei Karlsruher Ausstel­lun­gen: im Badischen Landes­mu­seum unter dem Titel "Cowboy und Indianer - Made in Germany" - und zeitgleich im Stadt­mu­seum (Prinz-Max-Palais) mit Fokus auf "Rothäute in der Südstadt".

Es wird schnell klar: Ohne die "Südstadt­in­dia­ner" wäre es nicht zu den Präsen­ta­tio­nen gekommen. Zudem haben drei von vier der maßgeb­li­chen Ausstel­lungs­ma­cher enge Bezüge zur Karlsruher Südstadt, oder sie lebten früher zeitweilig dort. Der 1927 aufge­stellte India­ner­brun­nen wird zum "Südstadt­fes­ti­val" im Mai schon bald wieder festlich geschmückt - mit Federn und Girlanden. Treibende Kraft für die stadt­be­kannte Skulptur auf dem Werder­platz war einst der Stadt­bau­rat Friedrich Beichel.
Ein Teil der Legende besagt zudem, "die Rothaut" solle auch an die verschwitz­ten und rußge­schwärz­ten Gesichter der Bewohner des einstigen Eisen­bah­ner­vier­tels erinnern.

Selbst­re­dend bietet die kleine Brauerei Wolf direkt am Brunnen ein eigenes gebrautes "Indianer Bock" an, mit mehr als 16 Prozent Stammwürze. 1907 bereits wurde in Karlsruhe erstmals ein eigener India­ner­club erwähnt. Heute existieren noch zwei solche Vereine: die "Indianer­freun­de Karlsruhe" und der "Western­club Dakota 1948". Auch Peter Pretsch ist, wenn man so will, "ein Südstadt­in­dia­ner". Als Kind kam er Anfang der 1960er Jahre aus der damaligen DDR in die Karlsruher Südstadt und habe sich, wie er erzählt, während der Schulzeit über Jahre bei der Fastnacht "als Indianer verkleidet und alle Bücher Karl Mays verschlun­gen". Inzwischen lebt er in einem anderen Stadtteil.
Zusammen mit dem Kurator der Ausstel­lung, Kevin Sternitzke, räumt der Leiter des Karls­ru­her Stadt­mu­se­ums nun mit einem Mythos auf: Über Jahrzehn­te hatte sich die Legende in den Erzäh­lun­gen der Stadt­be­woh­ner gehalten, in den 1880er Jahren hätten "über Monate hinweg" aus den USA einge­reiste Indianer auf dem zentralen Werder­platz campiert. Dafür konnten weder Peter Pretsch, noch Kevin Sternitzke - der auch seit einiger Zeit selbst in der Südstadt wohnt -, Belege finden. Es scheint eher ein Auswuchs der einstmals durch Karl May ausge­lös­ten Begeis­te­rung und vieler verklä­ren­der Indianer-Geschich­ten zum Ende des 19. Jahrhun­derts zu sein. Inzwischen ist das auch in den Online-Einträgen von Wikipedia geändert.

Auch im Badischen Landes­mu­seum, das im Karls­ru­her Schloss residiert, möchte man mit "Klischees und Wunsch­vor­stel­lun­gen" am liebsten aufräumen. Der Kurator der Landes­aus­stel­lung "Cowboy und Indianer", Andreas Seim, kann dabei auf eine eigene "bewegte Cowboy- und Indianer-Kindheit" zurück­bli­cken. "Mit der Ausstel­lung ,Cowboy und Indianer' betrachten wir eigentlich uns selber", sagt Seim und verweist etwa auf Sprachgut in Sätzen wie "Ein Indianer kennt keinen Schmerz". Auf Seim geht die Idee mit den beiden India­ne­raus­stel­lun­gen im Ursprung zurück - er konnte dabei die Kollegen vom Stadt­mu­seum für die Präsen­ta­tion lokaler Aspekte gewinnen.

In den Ausstel­lun­gen der beiden Museen tauchen all die Utensilien auf, die Alt und Jung an der Geschichte der Indianer fasziniert: auch beispiels­wei­se Elastolin-Figuren der Vorkriegs­zeit, die teils aus der privaten Sammlung von Museums-Chef Peter Pretsch stammen. Die Co-Kuratorin der Landes­aus­stel­lung im Schloss, die wissen­schaft­li­che Volontärin Claudia Binswanger, ist die einzige "ohne India­ner­ver­gan­gen­heit". Vielleicht deshalb kann sie sich auch kritische Blicke leisten: Sie weist auf Kehrseiten des Ende des 19. Jahrhun­dert begrün­de­ten India­ner­kults hin. Auch in der zwischen 1890 und 1891 durch Deutsch­land tourenden "Buffalo-Bill-Show", die im April 1891 auch in Karlsruhe gastierte, seien "die Indianer überwie­gend negativ darge­stellt worden", schildert Binswanger. Erste "Wildwest-Vereine" der 1930er Jahre, sagt sie, hätten im Grunde "die Kostüme eines deutschen Indianer-Typs" getragen. Die "India­ner­be­geis­te­rung in der deutschen Kultur" ist dennoch bis heute ungebro­chen: auch dank der Helden­fi­gur Winnetou.

Die Begeis­te­rung für das Thema ist bei den Ausstel­lungs­ma­chern mit Händen zu greifen: Die Museums-Chefs Eckart Köhne (Badisches Landes­mu­se­um) und Peter Pretsch (Stadt­mu­se­um) und auch die Kuratoren Andreas Seim, Kevin Sternitzke und Claudia Binswanger, nahmen selbst am Karlsruher Fastnacht­sum­zug im Februar teil - verkleidet "als Cowboy und Indianer". Pretsch gab dabei den Buffalo Bill. Selbst­re­dend werde auch das Museums­fest am Schloss im Mai "ganz im Zeichen des Wilden Westens" stehen, sagt der gebürtige Hesse Andreas Seim - seit zehn Jahren ein Südstadt­be­woh­ner.

Badische Neueste Nachrich­ten | Karlsruhe | KARLSRUHE | 27.04.2016