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Karlsruhe: Stadtgeschichte

Rezension: Ernst Otto Bräunche, Holger Reimers (Hg.): Ein Karlsruher Modellhaus von 1723. Das Seilerhäuschen.

Gegenüber dem 1. Band der neuen Reihe des Stadt­ar­chivs zeigt sich der 2. Band völlig anders. Er ist einem Gebäude gewidmet, das aufgrund seiner spekta­ku­lä­ren Rettungs­ge­schichte zu einer Karls­ru­her Berühmt­heit wurde: dem Seiler­häus­chen. Schon die Profes­sion der Autoren - zwei Bauhis­to­ri­ker und ein Architekt - lässt die andere Gewichtung dieses Bandes ahnen. Und dann schlägt sie zu, die Bauge­schichte.

Zunächst führt Holger Reimers den Leser an das Gebäude heran und in es hinein. In allge­mein­ver­ständ­li­cher Sprache erklärt er, wie viele Fragen der kennt­nis­rei­che Forscher an ein unschein­ba­res Haus stellen kann, und wie vielfältig die Erkennt­nisse sind, wenn er Zeit für die Suche nach Antworten hat. Das anhand des Seiler­häus­chens gewonnene Wissen erlaubte dem Autor, histo­ri­sche Fotogra­fien anderer Modell­häu­ser neu auszu­wer­ten. Die Erkennt­nisse befruch­te­ten sich gegen­sei­tig und dem Leser steht nun nicht mehr die alte Hütte vor Augen, sondern - sehr anschau­lich in den farbigen Rekon­struk­ti­ons­zeich­nun­gen - ein reizvolles Barock­häus­chen. Dieser Exkurs kommt einer Grund­la­gen­for­schung zur Stadt­bau­ge­schichte gleich. Der Wert der beiden letzten erhaltenen Dokumente - neben dem Seiler­häus­chen nur noch das Haus Waldstraße 9 - wird umso deutlicher.

Wie wenig selbst­ver­ständ­lich das Interesse an dieser Form von Geschichte ist, zeigt die von Gerhard Kabierske zusam­men­ge­stellte Chrono­lo­gie der Ereignisse seit 1962. Das Seiler­häus­chen ist ein Parade­bei­spiel für den Wandel des öffent­li­chen Bewusst­seins von fortschritts­gläu­bi­gem Erneue­rungs­wil­len der 1960er Jahre - als das unschein­bare Haus beden­ken­los einer Hochga­ra­ge weichen sollte - bis hin zur Eintragung des Gebäudes ins Denkmal­buch als Kultur­denk­mal von besonderer Bedeutung im Jahre 1999.

Für den zukünf­ti­gen Besucher des Gebäudes - und dank der geplanten Nutzung als Café und Galerie wird das Gebäude öffentlich zugänglich sein - wird ebenfalls von Interesse sein, wie denn nun mit den vielen Erkennt­nis­sen umgegangen wurde, was warum und wie erhalten blieb oder erneuert wurde. Hierüber gibt der Beitrag des baulei­ten­den Archi­tek­ten Georg Matzka Auskunft.

Der Band ist mit zahlrei­chen infor­ma­ti­ven Abbil­dun­gen ausge­stat­tet, die zum Nachlesen verleiten. Sie erleich­tern es dem Leser, die anspruchs­volle Lektüre zu bewältigen - der Lohn ist ein großer Erkennt­nis­ge­winn: über die frühe Stadt­bau­ge­schichte, die Modell­häu­ser, über Handwerk­stra­di­tio­nen und nicht zuletzt auch über bauhis­to­ri­sche Methoden.

Ulrike Plate (Landes­denk­mal­amt Baden-Württem­berg) 2001

 

Ein Karlsruher Modellhaus von 1723. Das Seiler­häus­chen. Mit Beiträgen von Gerhard Kabierske, Georg Matzka und Holger Reimers, Info Verlag 2001, 144 Seiten, 103 SW-Abb., 18 Farb-Abbil­dun­gen, € 15,-

Ein Karlsruher Modellhaus von 1723. Das Seiler­häus­chen. Mit Beiträgen von Gerhard Kabierske, Georg Matzka und Holger Reimers, Info Verlag 2001, 144 Seiten, 103 SW-Abb., 18 Farb-Abbil­dun­gen, € 15,-