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Karlsruhe: Stadtgeschichte

Der Handlungsbedarf ist enorm

Im Stadt­ar­chiv werden histo­ri­sche Akten durch­ Ent­säue­rung vor dem Verfall gerettet

Von unserem Mitar­bei­ter Ekart Kinkel
Die histo­ri­schen Baupläne für das ehemalige Hafen­di­rek­to­ren­haus in der Werft­straße 2 treiben Eric Wychlacz auch nach über 100 Jahren noch die Schweiß­per­len auf die Stirn. Am Entwurf des Ar­chi­tek­ten August Stürzen­acker hat der Historiker dabei noch nicht einmal etwas auszu­set­zen. Auch das im Jahr 1900 erbau­te und heute denkmal­ge­schützte Gebäude findet durchaus seinen ­Ge­fal­len. Doch dass die Pläne vor einigen Jahrzehn­ten mit durch­sich­ti­gem Tesafilm und hellgrauem Gafferband notdürf­tig ­zu­sam­men­ge­klebt wurden, stellt Wychlacz in diesen Tage vor eine Her­aus­for­de­rung. "Pläne zu kleben war vielleicht gut gemeint", sagt der Mitar­bei­ter des Stadt­ar­chivs Karlsruhe. "Aber die Halt­bar­keit des Papiers wird durch den Kleber nicht verlängert, sondern eher verkürzt."
Außerdem ist das Entfernen der Klebereste eine der mühse­ligs­ten und zeitin­ten­sivs­ten Arbeiten bei der Restau­rie­rung von alten ­Bau­plä­nen. Bereits seit drei Jahren leitet Wychlacz das Projek­t ­zur Rettung histo­ri­scher Bauakten und mittler­weile wurden rund 9 000 der alten Baupläne entsäuert und wieder instand­ge­setzt. Bis zum Jahr 2024 sollen insgesamt 15 000 Pläne restau­rier­t ­sein. "Das ist ein anspruchs­vol­les Ziel", sagt Wychlacz, aber nur durch ein schnelles Vorgehen könnten zahlreiche der his­to­ri­schen Baupläne noch gerettet werden. Dafür muss Wychlacz a­ber jeden Plan persönlich in Augen­schein nehmen.
Einige der Baupläne sind lediglich vergilbt und können durch­ ­Trock­nung sowie eine Entsäue­rung in einem wasser­lo­sen Laugen­ba­d re­stau­riert werden. Andere Pläne wiederum bestehen nur noch aus meh­re­ren Einzel­tei­len und werden von der städti­schen ­Buch­bin­de­rei durch das Aufbringen der Fragmente auf Japan­pa­pier ­für die Nachwelt erhalten. Bei dem Projekt restau­riert werden die Pläne der Karlsruher Häuser, die zwischen 1860 und 1945 er­baut wurden. "Norma­ler­weise erhält das Stadt­ar­chiv nur die Akten von abgeris­se­nen Häusern", betont Wychlacz. Aber vor ei­ni­gen Jahren habe man im Bauord­nungs­amt den Handlungs­be­dar­f er­kannt und sämtliche Akten aus der Zeit vor 1945 zur Re­stau­rie­rung und fachge­rech­ten Lagerung an das Stadt­ar­chi­v ­über­ge­ben. Ein Grund für den schlechten Zustand zahlrei­cher Ak­ten waren laut Wychlacz die Änderungen bei der Pa­pier­pro­duk­tion ab dem Jahr 1850. Damals löste das Papier aus Holz das sogenannte Hadern­pa­pier aus zerklei­ner­ten Lumpen ab. Durch den Holzschliff bei der Papier­pro­duk­tion entsteht al­ler­dings Lignin, welches das Papier über einen länge­ren ­Zeit­raum vergilben lässt. "Diesen Prozess kann man durch die Ent­säue­rung zwar nicht komplett aufhalten. Aber man kann die Al­te­rung des Papiers zumindest deutlich verlang­sa­men", sagt Wy­chlacz. Dass histo­ri­sche Bauakten erhalten werden müssen, steht für den Archivar außer Zweifel. Zum einen könnten die heu­ti­gen Bauherren durch das Studium der histo­ri­schen Akten nütz­li­che Infor­ma­tio­nen über die Beschaf­fen­heit des Unter­grunds er­hal­ten. Außerdem lieferten die alten Pläne einen bildhaf­ten Ein­druck vom Erschei­nungs­bild der Fächer­stadt mit Bauwerken von re­nom­mier­ten Archi­tek­ten wie Hermann Billing in den vergan­ge­nen Jahr­hun­der­ten. "Und natürlich gibt es auch eine intrin­si­sche ­Mo­ti­va­tion. Die alten Pläne sind einfach sehr schön anzusehen", stellt Wychlacz klar.
Auch bei anderen Akten und Dokumenten des Stadt­ar­chivs genie­ßen ­die lebens­ver­län­gernde Entsäue­rung sowie die fachge­rech­te La­ge­rung hohe Priorität. Mehrere Hundert Amtsbücher wurden in den vergan­ge­nen Jahren ebenso aufwendig gereinigt wie 106 Ur­kun­den aus dem Bestand der ehemaligen Residenz­stadt Durlach, die teilweise bis ins 15. Jahrhun­dert zurück­rei­chen. Bei der Über­prü­fung des Lager­be­stands wurde zudem festge­stellt, dass rund zwei Regal­ki­lo­me­ter Akten in Pappkar­tons aus den 1980er Jah­ren verpackt waren, die im Laufe der Jahre ihre Puffe­rung ­ver­lo­ren hatten und ebenfalls nicht mehr säurefrei sind. Deshalb wer­den diese Akten seit einigen Monaten von mehre­ren haupt­amt­li­chen und studen­ti­schen Mitar­bei­tern des Stadt­ar­chivs prä­ven­tiv in neue Archiv­bo­xen aus hochwer­ti­ger Pappe umgepack­t und vor dem möglichen Zerfall geschützt. Durch die Lagerung im Dunkeln und in Räumen mit konstanter Temperatur kann der Zerfall ­des Papiers schließ­lich um Jahre verzögert werden.
"Der Handlungs­be­darf ist enorm", sagt der Leiter des Stadt­ar­chivs, Ernst Otto Bräunche, und deshalb habe der Ge­mein­de­rat für den kommenden Doppel­haus­halt auch 125 000 Euro für den Erhalt alter Akten in den Haushalt einge­stellt. Gefördert werden das Bauak­ten­pro­jekt und der Kauf der neuen ­Bo­xen alleine im kommenden Jahr mit insgesamt 50 000 Euro von der Koordi­nie­rungs­stelle für die Erhaltung des schrift­li­chen ­Kul­tur­guts (KEK) in Berlin, die für die Rettung histo­ri­scher Ak­ten insgesamt drei Millionen Euro an die Archive in ganz ­Deutsch­land bereit­stellte. "Vor allem für die kleine­ren Ein­rich­tun­gen ohne die entspre­chen­den kommunalen Mittel ist das die einzige Chance zur Erhaltung ihrer Unikate", betont ­Bräun­che.
Aller­dings sei die Initiative der KEK nur ein Anfang, denn die Kosten für den Aktener­halt in Deutsch­land belaufen sich nach den ak­tu­el­len Schät­zun­gen bereits auf 69 Millionen Euro.

Badische Neueste Nachrich­ten | Karlsruhe | KARLSRUHE | 04.01.2019

 

RETTUNG FÜR PAPIERSCHÄTZE: Eric Wychlacz kümmert sich im Stadtarchiv Karlsruhe um die Restaurierung von historischen Akten. Fotos: jodo

RETTUNG FÜR PAPIERSCHÄTZE: Eric Wychlacz kümmert sich im Stadtarchiv Karlsruhe um die Restaurierung von historischen Akten. Fotos: jodo


ALTE AKTEN finden in Archivboxen aus hochwertiger Pappe ein neues Zuhause. Eine Mitarbeiterin des Stadtarchivs kümmert sich um die Beschriftung.

ALTE AKTEN finden in Archivboxen aus hochwertiger Pappe ein neues Zuhause. Eine Mitarbeiterin des Stadtarchivs kümmert sich um die Beschriftung.


 
 

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