Sprung zur Navigation. Sprung zum Inhalt.

Karlsruhe: Stadtgeschichte

„Migrationsstadt par excellence“

Ausstel­lung über den Alltag der Nachkriegs­flücht­linge

Von unserem Mitar­bei­ter Ekart Kinkel

Ein lachender Mann bei der Essens­auf­gabe, ein krankes Kind bei einem Arzt, ein mit Stock­bet­ten voll gestell­tes Zimmer oder ein ganzes Lager voller Lebens­mit­tel­s­pen­den: Der Fotograf Erich Bauer hat mit seiner Kamera den Alltag in einer Karls­ru­her Flücht­lings­un­ter­kunft dokumen­tiert und die Menschen in den Einrich­tun­gen in den Mittel­punkt seiner dokumen­ta­ri­schen Arbeit gestellt. Die Aufnahmen stammen allerdings nicht aus diesem oder dem vergan­ge­nen Jahr, sondern von 1947. Zu sehen ist ein gutes Dutzend von Bauers Fotos aus der Artil­le­rie­ka­serne in Knielin­gen seit gestern bei der Ausstel­lung "Neue Heimat Karlsruhe - Flucht, Vertrei­bung und Integra­tion 1945 bis 1960" in der Krypta der Stadt­kir­che Karlsruhe.

Auf mehreren Infotafeln sowie mit zahlrei­chen Fotogra­fien wird die Geschichte der größten Flücht­lings­be­we­gung im vergan­ge­nen Jahrhun­dert von der Zerstörung der Stadt und dem Ankommen der Flücht­lin­ge über das Leben in den Lagern bis zur gelungen Integra­tion dokumen­tiert. Die Ausstel­lung ist eines der thema­ti­schen Herzstücke der diesjäh­ri­gen Europäi­schen Kulturtage, die in der Stadt noch bis zum 24. April unter dem Motto "Wande­run­gen - Glück, Leid, Freiheit" über die Bühne gehen.

"Mit den Kultur­ta­gen sollen immer auch gesell­schaft­li­che Debatten aufge­grif­fen und thema­ti­siert werden", betonte Erster Bürger­meis­ter Wolfram Jäger bei der Ausstel­lungs­er­öff­nung. "Aber als das Programm vor anderthalb Jahren zusam­men­ge­stellt wurde, konnte noch niemand ahnen, mit welcher Wucht uns das Flücht­lings­thema erreicht."

Dabei sind die heutigen Flücht­lings­ströme verglichen mit denen nach dem Zweiten Weltkrieg rein zahlen­mä­ßig eher ein Klacks: Rund 14 Millionen Deutsche verließen nach 1945 ihre Heimat und zogen in Trecks von den östlichen Reichs­ge­bie­ten wie Schlesien und Pommern in Richtung Westen "Die Grenze zwischen Flucht und Vertrei­bung verlief bei den Betrof­fe­nen oft fließend", betonte Jäger. "Und dass die Integra­tion all dieser Menschen gelingen konnte, ist eine der größten Leistungen der Nachkriegs­ge­sell­schaft."

Es sei vor allem in Zeiten einer aufge­heiz­ten Stimmung sehr wichtig, sich daran zu erinnern, dass die Integra­tion von viel mehr Flücht­lin­gen unter "sehr viel schwie­ri­ge­ren Rahmen­be­din­gun­gen" schon einmal gelungen sei, sagte Stadt­ar­chiv-Direktor Ernst Otto Bräunche. Und gerade Karlsruhe sei wegen der gelun­ge­nen Integra­tion zahlrei­cher Einwan­de­rer eine "Migra­ti­ons­stadt par excel­lence".

Für die Ausstel­lung haben die Mitar­bei­ter des Stadt­ar­chivs gemeinsam mit einer Gruppe Studie­ren­der von der Pädago­gi­schen Hochschule Karlsruhe das vorhan­de­ne Material gesichtet und thematisch geordnet. Zu den wenigen dokumen­tier­ten Überlie­fe­run­gen aus jener Zeit gehören laut Bräunche die Aufzeich­nun­gen des damaligen städti­schen Flücht­lings­be­auf­trag­ten Alfred Behnle, der den Alltag in den Flücht­lings­la­gern sehr detail­liert schilderte. Noch heute zeugen Straßen­na­men etwa in der Waldstadt und in Kirchfeld vom Nachkriegs-Wohnungs­bau für die Heimat­ver­trie­be­nen aus dem Osten. Auch viele Indus­trie­be­triebe wie der Medizin­pro­du­zent Dr. Wilmar Schwabe wurden von Geflüch­te­ten gegründet. Noch gibt es laut Bräunche allerdings mehrere "weiße Flecken" in der Ausstel­lung, und bis auf das Bild der Gründer­mann­schaft des Fußball­ver­eins Fortuna Kirchfeld fehlen noch Bilder von integra­ti­ven Aktivi­tä­ten. Zeitzeugen oder Nachkommen, die noch Bilder oder Geschich­ten aus jener Zeit haben, sollen sich deshalb bitte beim Stadt­ar­chiv melden, appel­lierte Bräunche.

Badische Neueste Nachrich­ten | Karlsruhe | KARLSRUHE | 11.04.2016

 

MIT DER KAMERA DOKUMENTIERT hat Erich Bauer 1947 den Alltag in einer Flüchtlingsunterkunft. Sigrid Sieber vom Fotoatelier Bauer, Ernst Otto Bräunche und Wolfram Jäger (r.) diskutieren über die Fotos in der Krypta der Evangelischen Stadtkirche. Foto: jodo

MIT DER KAMERA DOKUMENTIERT hat Erich Bauer 1947 den Alltag in einer Flüchtlingsunterkunft. Sigrid Sieber vom Fotoatelier Bauer, Ernst Otto Bräunche und Wolfram Jäger (r.) diskutieren über die Fotos in der Krypta der Evangelischen Stadtkirche. Foto: jodo