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Karlsruhe: Stadtgeschichte

Ausgestellt und vorgestellt - Blick ins Archiv

Ausgestellt und Vorgestellt - Blick ins Archiv


Wie war das Leben in Karlsruhe vor 100 Jahren? Wie sah die Stadt­ da­mals aus? Woher wissen wir das eigentlich und wie findet ­Ge­schichte ihren Weg ins Stadt­ar­chiv?
Ein näheres Hinschauen lohnt sich und gibt Antworten auf diese und viele weitere Fragen. Das Stadt­ar­chiv Karlsruhe zeigt an dieser Stelle sonst in den Magazinen verborgene Schätze, gibt Ein­bli­cke hinter die Kulissen der einzelnen Aufga­ben­be­rei­che o­der präsen­tiert Dokumente, Fotogra­fien und Objekte im Rahmen der wechseln­den Foyeraus­stel­lun­gen.
Aufgrund der Corona-Pandemie werden die Beiträge bis auf Wei­te­res nur online gezeigt.


Die Sage von den vier Kreuzen – Schülerzeichnungen der Knielinger Volksschule

Unschein­bar, verwittert und oft halb versunken stehen sie seit Jahr­hun­der­ten in der Landschaft. Doch gerade ihres ungefügen und sch­lich­ten Erschei­nungs­bil­des wegen umgibt Stein­kreuze eine Aura des Geheimnis- und Stimmungs­vol­len. Zu allen Zeiten beflü­gel­ten ­sie die Phantasie der Menschen, die um sie herum Sagen und Le­gen­den spannen. So ist auch mit den heute verschwun­de­nen vier Knie­lin­ger Stein­kreu­zen eine solche sinnstif­tende Erzäh­lung ­ver­bun­den, die bis heute im Gedächtnis der Ortsan­säs­si­gen ­ver­an­kert ist und in Form von Laien­thea­ter­spie­len oder, wie das hier vorge­stellte Album zeigt, als Lernstoff in der Schule ­ver­ar­bei­tet wurde.

Laut der Sage wurden die Kreuze im Jahr 1566 für den "schwar­zen Ja­kob" und seine drei Spieß­ge­sel­len errichtet. Im Auftrag des Maier Heinri sollten sie den armen, aber streb­sa­men ­mark­gräf­li­chen Verwalter Christoph Besold beseitigen. Der ei­fer­süch­tige Heinri sah in Besold einen Rivalen um die Gunst der schönen Bauern­toch­ter Salme. Nach Scheitern des Mord­an­schlags tötet der Auftrag­ge­ber seine Schergen. Der dieser Tat zu Unrecht beschul­digte Besold wird in letzter Sekunde vor dem Galgen gerettet, weil die eigentlich mit der Welt hadern­de "­Zän­ger­les Jule", Zeugin der Mordtat, in letzter Sekunde doch ihrem Gewissen folgt.

Die Geschichte ist nicht wirklich eine Heimatsage, sondern ro­man­ti­sche Dichtung des 19. Jahrhun­derts, eine um 1860 ent­stan­dene litera­ri­sche Neuschöp­fung von Franz Seupel. Histo­risch fassbare Quellen sind rar und inwieweit es zuvor eine ­münd­li­che Überlie­fe­rung des Stoffes gegeben hat, ist unklar.

Ebenso ungeklärt, auch wenn man 1926 bei Grabungs­ar­bei­ten auf mensch­li­che Knochen­reste stieß, ist der Ursprung der aus rotem oder grauem Sandstein beste­hen­den Kreuze, die entgegen der Sage wohl nicht zusammen gehörten. Auf einem war ein auf Stein­kreu­zen in Süddeutsch­land oft abgebil­de­tes Pflugsech (Pflug­mes­ser) ein­ge­hauen. Dabei handelte es sich nicht, wie man früher ­glaubte, um das Mordwerk­zeug, vielmehr war es das Berufs­zei­chen ­des Getöteten. Zumindest dieses könnte ein Sühnekreuz gewesen ­sein. Die Aufstel­lung solcher Sühne­kreuze war jahrhun­der­te­lang eine der in Sühne­ver­trä­gen festge­hal­te­nen Bußbe­din­gun­gen für den Mörder, bevor sich Ende des 15. Jahrhun­derts die staat­li­che Straf­ver­fol­gung durch­zu­set­zen begann und die Ahndung eines ­Mor­des keine private Angele­gen­heit mehr war. So heißt es im Süh­ne­brief von Obergrom­bach (aufbe­wahrt im Generallan­des­ar­chi­v) aus dem Jahr 1484: "es soll auch der benante Martin umb deß gemelt Wendels selig selenhails willen ein steinernin Crutz ­set­zen".

Im Landkreis Karlsruhe sind noch rund 30 Stein­kreuze erhalten, z. B. in Wolfarts­weier. Von den Knielinger Kreuzen existier­ten ­bis 1936 Überreste in der Nähe der heutigen Kreuzapo­theke an der Saar­land­straße. Die Kreuze standen einst außerhalb der Orts­gren­zen an einer belebten Wegga­be­lung, damit Vorüber­ge­hen­de ein Gebet für die armen Seelen sprachen, und wurden dann durch die Ausdehnung der Siedlung zum Verkehrs­hin­der­nis. Beim Bau des West­walls sollen sie von durch­fah­ren­den LKWs unwie­der­bring­lich ­be­schä­digt worden sein.

Die Erinnerung an sie wird auch mit diesem Album wachge­hal­ten, das die 8. Klasse der Knielinger Volks­schule 1937 anfertigte. Im Mit­tel­punkt steht eine Bilder­folge mit 20 von den Schülern ­si­gnier­ten Aquarell­zeich­nun­gen, begleitet von knappen ­Bild­un­ter­schrif­ten. Das Schluss­bild zeigt die vier Stein­kreuze - Denkmale einer Geschichte, die ja vielleicht doch so ähnlich pas­siert ist…

Ariane Rahm



Zum Download: Das Album "Die Sage von den vier Kreuzen" mit Schülerzeichnungen der Knielinger Volksschule (PDF, 3.78 MB)