Sprung zur Navigation. Sprung zum Inhalt.

Karlsruhe: Stadtgeschichte

Vortrag von Ernst Otto Bräunche: Die Bücherverbrennung am 17. Juni 1933 auf dem Schloßplatz in Karlsruhe

Karlsruhe

17. Juni 1933 auf dem Schloss­platz

Von Ernst Otto Bräunche

Seit 1928 enthielt das jährlich erschei­nen­de Adreßbuch für die Landes­haupt­stadt Karlsruhe eine "Chro­no­lo­gi­sche Jahres­über­sicht wichtiger Ereignisse in Karlsruhe".1 Nach der Macht­über­nahme der Natio­nal­so­zia­lis­ten im Jahr 1933 nutzten diese den Jahres­rück­blick vor allem auch zur Selbst­dar­stel­lung und Auflistung ihrer überaus zahlrei­chen Aktivi­tä­ten, wobei sie auch in den Vorjahren schon durch­ge­führte Veran­stal­tun­gen fortsetz­ten und sie im Sinne ihrer Ideologie umfunk­tio­nier­ten. Ein Blick in das Adreßbuch von 1933 bestätigt dies und zeigt schon die ganze Bandbreite der natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Propaganda. Die Ernennung Hitlers zum Reichs­kanz­ler am 30. Januar feierte die NSDAP mit einem Fackelzug durch die Innenstadt. Am 14. März fand dann "anläßlich der nationalen Erhebung […] eine gewaltige Kundgebung der Bevöl­ke­rung der Landes­haupt­stadt" auf dem Schloss­platz statt mit einer Rede des Reichs­kom­missars und Gauleiters Robert Wagner.2 Am 1. April folgte auch in Karlsruhe der Boykott jüdischer Geschäfte, dem bereits wenige Tage nach der Reichs­tags­wahl am 13. März 1933 erste antise­mi­ti­sche Ausschrei­tun­gen gegen jüdische Geschäfte voraus­ge­gan­gen waren.3 Wenige Tage später, am 30. März, beschloss der neu formierte Stadtrat, keine städti­schen Aufträge mehr an jüdische Geschäfte zu vergeben.4

Der Geburtstag Adolf Hitlers am am 20. April wurde bereits am Vortag mit einem Fackelzug und einem Festakt im Hochschul­sta­dion begangen. Der 1. Mai, bis dahin "ledig­lich ein erzwun­ge­ner Festtag des Klassen­kamp­fes, an dem die Inter­na­tio­nale Protest­kund­ge­bun­gen veran­stal­te­te", wurde nun "zu einem Fest der nationalen Entschlos­sen­heit und Feiertag der deutschen Arbeit."5 Am 6. und 7. Mai traf sich die Hitler­ju­gend im Hochschul­sta­dion, wo Reichs­ju­gend­füh­rer Baldur von Schirach eine Rede hielt. Im Juni folgten am 22. der Jungar­bei­te­rap­pell der Jugend­be­triebs­zel­len, am 24. eine "Massen­kund­ge­bung der Arbeiter und Angestell­ten gegen die Inter­na­tio­nale auf dem Schloß­platz" und das Fest der Jugend "aus Anlaß der Sommer­son­nen­wende auf dem Englän­der­platz". Die Jugend stand erneut am 16. Juli beim badischen Jugendtag mit Kundge­bung auf dem Schloss­platz im Mittel­punkt. Voraus­ge­gan­gen war eine Kreis­kund­ge­bung für den Arbeits­dienst auf dem Festhal­le­platz am 1. Juli. Sportlich wurde es am 23. Juli mit dem 1. Natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Reiterfest, am 29. und 30. Juni mit dem Karlsruher Wehrsport­fest, am 10. September, als der 1. NS-Großflug­tag auf dem Programm stand, und am 17. September, als mit einem Natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Turn- und Sporttag der Robert-Roth-Platz eingeweiht wurde.

Kundge­bun­gen wurden in Form der 1. Natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Grenz­land­kund­ge­bung (9. bis 27. 9.), der Kundgebung der Hitler­ju­gend "für Frieden und Ehre der Deutschen Nation" (26. 10.), einer weiteren zum Fest der deutschen Schulen (8. 10.), einer Kundgebung der Lehrer­schaft "für Frieden und Gleich­be­rech­ti­gung" (30. 10.), des Propa­gan­da­mi­nis­ters Joseph Goebbels (2. 11.), der Techni­schen Hochschule mit der Natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Betriebs­zel­len­or­ga­ni­sa­tion anlässlich der Eröff­nungs­feier des Studien­jah­res 1933/34 (5. 11.) und der städti­schen Beamten, Angestell­ten und Arbeiter "für Frieden und Gleich­be­rech­ti­gung" (8. 11.) abgehalten.

Es sind also gleich im ersten Jahr der natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Herrschaft typische Veran­stal­tun­gen aufgeführt, die künftig den Jahreslauf prägen sollten. Kaum eine der größeren und z. T. spekta­ku­lä­ren Partei­ver­an­stal­tun­gen wurde in diesen Jahres­rück­bli­cken ausge­las­sen. Erstaun­li­cher­weise fehlt 1933 aber eine Aktion, die am 10. Mai in Berlin und in anderen Hochschul­städ­ten im Deutschen Reich durch­ge­führt wurde, die öffent­li­che Verbren­nung von so genannter Schmutz- und Schund­li­te­ra­tur. Dass eine solche spekta­ku­läre reichs­weite Aktion, die "den Geist einer neuen Zeit verkün­de­te" und mit der die NSDAP ihren Anspruch auf die "kultu­relle Hegemonie"6 demons­trierte, ausge­rech­net in der badischen Gauhaupt­stadt des "alten Kämpfers" und Gauleiters Robert Wagner nicht durch­ge­führt worden sein sollte, ist auf den ersten Blick schwer vorstell­bar. Robert Wagner gehörte zu den Teilneh­mern am Hitler­putsch im Jahr 1923 und leitete den Gau Baden seit 1925. Der überzeugte und fanatische Natio­nal­so­zia­list hatte den Gau Baden schon in der Endphase der Weimarer Republik zu einem der am besten organi­sier­ten NSDAP-Gaue gemacht.7 In Karlsruhe hatte es schon vor 1923 eine erste Ortsgruppe der rechts­ex­tre­men und antise­mi­ti­schen Partei gegeben. Nach der Wieder­grün­dung begann der eigent­li­che Aufstieg erst seit 1928, der die NSDAP schon 1930 zur stärksten Fraktion im Karlsruher Gemein­de­rat hatte werden lassen. Die von der ersten Präsi­di­al­re­gie­rung Heinrich Brünings veran­lasste Neuwahl des Reichstags am 14. September 1930 führte auch in Karlsruhe zu einem katastro­pha­len Anstieg der NSDAP-Stimmen. In Karlsruhe wählten 26 % natio­nal­so­zia­lis­tisch (Baden: 19,2%), Karlsruhe war damit die erste deutsche Großstadt, in der die NSDAP die stärkste Partei wurde. Nach der Ernennung Hitlers zum Reichs­kanz­ler, der von den Natio­nal­so­zia­lis­ten selbst so genannten Machter­grei­fung, am 30. Januar 1933 und der letzten nur noch mit Einschrän­kung demokra­ti­schen Reichs­tags­wahl wurden die politi­schen Gegner rasch ausge­schal­tet und Verwal­tun­gen, Vereine und Insti­tu­tio­nen gleich­ge­schal­tet.8

Bereits am 9. März wurde Robert Wagner aufgrund der "Reichs­tags­brand­ver­ord­nung" als Reichs­kom­missar mit der Wahrneh­mung der Geschäfte der Badischen Regierung beauftragt. Die badische Regierung trat am 11. März auf massiven Druck schließ­lich zurück. Ein drama­ti­scher Zwischen­fall in Freiburg beschleu­nigte die Ausschal­tung der politi­schen Gegner auch in Karlsruhe. Am 17. März 1933 erschoss der sozial­de­mo­kra­ti­sche Landtags­ab­ge­ord­nete Daniel Nußbaum, der seit mehreren Monaten in psych­ia­tri­scher Behandlung war, in Freiburg zwei Polizei­be­amte, als diese eine Hausdurch­su­chung bei ihm vornehmen wollten. Trotz der offen­kun­di­gen Unzurech­nungs­fä­hig­keit Nußbaums nutzte Reichs­kom­missar Wagner das als "ruchlose Mordtat" darge­stellte Unglück, um alle noch nicht verhaf­te­ten kommu­nis­ti­schen und sozial­de­mo­kra­ti­schen Reichs- und Landtags­ab­ge­ord­ne­ten- in Karlsruhe ca. 100 Personen - in "Schutz­haft" zu nehmen, sämtliche Druck­schrif­ten und alle Wehr- und Jugend­ver­bände dieser Parteien zu verbieten und deren Räumlich­kei­ten zu schließen. In einer NS-Broschüre heißt es dazu beschö­ni­gend:

"Im Verlauf der Woche hatte der Reichs­kom­missar für Baden, Robert Wagner, zusammen mit seinen Mitar­bei­tern sehr durch­grei­fende Perso­nal­ver­än­de­run­gen innerhalb von Regierung und Partei vorge­nom­men. Eine ganze Reihe von Personen, die sich in besonderem Maße den Unwillen der Bevöl­ke­rung zugezogen hatten, mußte in Schutzhaft genommen werden. Ferner wurden viele Vertreter des alten Systems im Interesse einer geordneten und einheit­li­chen Staats­füh­rung von ihren Ämtern entfernt und durch geeignete Männer ersetzt."9
Zu den "Schutz­häft­lin­gen" gehörten in erster Linie Vertreter der linken Parteien und Organi­sa­tio­nen, aber auch des Zentrums. Letztere wurden in ihren Häusern in Schutz­haft genommen, d. h. sie bekamen Ausgeh­ver­bot, während viele Sozial­de­mo­kra­ten und Kommu­nis­ten ins Gefängnis bzw. in das KZ Kislau bei Bruchsal kamen. Die führenden badischen und Karlsruher Sozial­de­mo­kra­ten, darunter der Reichs­tags­ab­ge­ord­nete Ludwig Marum, der im März 1934 in Kislau von SA-Leuten ermordet wurde, wurden am 17. Mai in einem offenen Wagen von SA- und SS-Männern durch Karlsruhe gefahren und mussten die Beschimp­fun­gen der zahlrei­chen Schau­lus­ti­gen wehrlos über sich ergehen lassen.10 Im Karlsruher Tagblatt, das nur knapp über das abstoßende Schauspiel berichtete, war zu lesen, dass verschie­dene Personen, "die gegen diese Art der Überfüh­rung protes­tier­ten", verhaftet wurden. Angesichts der zahlrei­chen zum Teil untätigen, zum Teil aber auch begeis­ter­ten Schau­lus­ti­gen schloss die Zeitung: "Man ersieht aus diesem Beispiel mal wieder, wie wandelbar die Gunst der Masse ist."11

Aufgrund des am 31. März erlassenen Vorläu­fi­gen Gesetz zur Gleich­schal­tung der Länder mit dem Reich bildeten die neuen Machthaber Landtag, Bürge­raus­schuss und Stadtrat nach dem Ergebnis der Reichs­tags­wahl vom 5. März um. Der 1. Mai wurde nun als "Fest der natio­na­len Geschlos­sen­heit" zu einem "Feiertag der deutschen Arbeit" hochsti­li­siert. Auf dem Schloss­platz versam­mel­ten sich 80.000 "Volks­ge­nos­sen", als Reichs­kom­missar Wagner die Abord­nun­gen aller Berufs­stände aus dem ganzen Lande empfing.12 Die Gewerk­schaf­ten, deren Haus bereits am 6. März durchsucht und erst am folgenden Tag wieder geräumt worden war, wurden am folgenden Tag zerschla­gen, zahlreiche Gewerk­schafts­funk­tio­näre verhaftet.

Nur wenige Tage später fand in Berlin und anderen Städten die öffent­li­che Verbren­nung der Bücher "nich­ta­ri­scher" und "marxis­ti­scher" Autoren statt, ohne dass vergleich­ba­re Aktivi­tä­ten an der Techni­schen Hochschu­le Fride­ri­ciana festzu­stel­len sind. Offen­sicht­lich hatte man sich nicht an den in vielen Hochschul­städ­ten von der natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Deutschen Studen­ten­schaft durch­ge­führ­ten Bücher­ver­bren­nun­gen beteiligt und beabsich­tigte dies auch nicht. Ob das daran lag, dass Karlsruhe eine Technische Hochschule ohne große geistes­wis­sen­schaft­li­che Fakultäten war, kann nur vermutet werden. Das NS-Gaublatt Der Führer veröf­fent­lich­te am 12. Mai zwar ein Bild aus Berlin und berichtete in einem Artikel über die dortige Aktion, ging aber nicht auf die Gründe ein, warum man sich in Karlsruhe daran nicht angeschlos­sen hatte.

Statt­des­sen wandte sich der Gebiets­füh­rer der badischen Hitler­ju­gend (HJ) Friedhelm Kemper an die Jugend­li­chen:

"Im Monat Juni steigen zwei kulturelle Kampf­wo­chen. Sie sollen den Nachweis erbringen, daß die Hitler­ju­gend im Kampf um die deutsche Kultur an der Spitze marschiert. Ich ordne daher an: Die gesamte Hitler­ju­gend macht sich für die Durch­füh­rung dieser kultu­rel­len Kampf­wo­chen bereit. Die erste Woche soll aufräumen mit der Schmutz- und Schund­li­te­ra­tur, die unser Volk vergiftet. Im ganzen Lande sammeln die Führer der Hitler­ju­gend eine Woche lang sämtliche Schmutz- und Schund­li­te­ra­tur, die wir ihnen durch ein besonderes Verzeich­nis bekannt­ge­ben werden. Die gesamte Bevöl­ke­rung, alle Biblio­the­ken werden aufge­for­dert werden, die jüdischen Schmutz- und Schund­schrif­ten abzulie­fern. Am Ende dieser ersten Woche wird die Hitler­ju­gend in jeder badischen Stadt einen großen Demons­tra­ti­ons­zug veran­stal­ten, um bei einer Kampfrede gegen die Schmutz- und Schund­li­te­ra­tur den gesam­mel­ten Bücher­dreck feierlich zu verbrennen. Wir wollen den Geist der Remarque, Emil Ludwig-Kohn usw. auf dem Schei­ter­hau­fen der jungen deutschen Revolu­tion verbrennen."13

Aus: "Der Führer" vom 18. Juni 1933


Tatsäch­lich führte die Hitler­ju­gend diese Aktion in der Woche vom 11. bis 17. Juni in Baden durch.14 In Karlsruhe berichtete auch das noch nicht gleich­ge­schal­tete Organ der katho­li­schen Zentrums­par­tei Badischer Beobachter und kommen­tierte das Geschehen unter der Überschrift: "Erfreu­li­cher Kultur­kampf". Man sah sich durchaus in Überein­klang mit den Zielen der Bücher­ver­bren­nung, "wenn wir richtig verstehen, dass es gegen Schmutz und Schund, gegen Verführung der Jugend und alle Schlupf­win­kel und Herde der Fäulnis der Entartung des sittlichen Lebens im deutschen Volke gehen soll. Kultur­kampf wird da zum Kampf für die Kultur. Das Feuer der Schei­ter­hau­fen ist das Symbol für den Ingrimm verschüt­te­ter und verun­stal­te­ter Menschen­her­zen, der Aufschrei einer in ihrer Menschen­würde bedrohten Jugend zum Licht der Reinheit."15 Die Äußerungen des Badischen Beobach­ters zur Bücher­ver­bren­nung können inter­pre­tiert werden als misslun­ge­ner Versuch, sich den neuen Macht­ha­bern anzubie­dern, sind aber auch durchaus typisch für die schwierige Situation der Zentrums­presse, die bis zum März 1933 die NSDAP bekämpft hatte. Nach der Kundgebung der katho­li­schen Bischöfe vom 28. März 1933, mit der diese ihre Haltung zu Hitler revidiert hatten, liegen solche Verlaut­ba­run­gen auf der Linie der katho­li­schen Kirche.16

Um welche vermeint­li­che Verbündete man warb, erfuhr man aber schon bald, denn nur wenige Tage später folgte "Ein ernstes Wort zur Bücher­ver­bren­nung", mit dem sich der Badische Beobachter aber nun keineswegs generell gegen die Bekämpfung von "Schmutz und Schund" wandte, sondern noch einmal betonte, dass die Stellung des katho­li­schen Volksteils zur Bücher­ver­bren­nung positiv sei, zumal, "unser Kampf […] älter [ist], so alt wie die Kirche selbst. Die Mittel waren auf katho­li­scher Seite nicht nur der Schei­ter­hau­fen, sondern die Arbeit für das gute Buch und seine weiteste Verbrei­tung."17 Umso entsetz­ter war man, dass "einige Mädchen, die das Hitler­kleid trugen, die Keckheit [besaßen], ausge­rech­net im Alten Vincen­ti­us­haus, das die Bibliothek des Borro­mäus­ver­eins beherbergt, nach Schmutz­schrif­ten zu fragen! Aus dieser Entglei­sung sehen wir, dass die nötigen Richt­li­nien fehlten und daß jedenfalls die Betref­fen­den keinen Begriff davon hatten, wie unpassend und verletzend ihr Vorgehen war. Unerhört finden wir es, dass am gleichen Platz und sonst ebenfalls von unter­ge­ord­ne­ter Seite der B[adi­sche] B[eob­ach­ter] abverlangt wurde. Als katho­li­sche Tages­zei­tung, die seit ihrem Bestehen unter Hintan­set­zung materi­el­ler Vorteile in vorderster Linie des Kampfes gegen Schmutz und Schund steht, legen wir feierlich Verwahrung gegen die Maßregeln ein, die dem vom Reichs­kanz­ler und den hiesigen maßge­ben­den Stellen aufge­nom­me­nen Volks­ge­mein­schafts­ge­dan­kens entge­gen­ge­setzt sind."18 Der Badische Beobachter wurde zu diesem Zeitpunkt noch von Dr. Joseph Theodor Meyer geleitet, der seit 1901 als Schrift­lei­ter für das Zentrums­blatt tätig war. Meyer musste seine Tätigkeit auf natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Druck zum 30. September 1933 beenden, was aber nicht verhin­derte, dass der Badische Beobachter Ende 1935 sein Erscheinen endgültig einstellen musste.19 Auch Der Führer berichtete über die Aktion. Drei Tage vor der Bücher­ver­bren­nung hatten demzufolge vier Kolonnen des Jungvolks mit ihrem Zug durch die Kaiser­straße begonnen und die dortigen Buchhand­lun­gen "über­fal­len":

"Vom Mühlbur­ger­tor und vom Durla­cher­tor zogen je zwei Kolonnen des Jungvolks mit ihren Führern durch die Kaiser­straße, deren Buchhand­lun­gen als erste gesäubert wurden, zum Marktplatz. Vor jedem Buchladen, vor jeder Bibliothek ließen die Führer ihre Jungens halten, kräftige junge Kehlen schmet­ter­ten den Schau­lus­ti­gen, die sich rasch gesammelt hatten, den Kampfruf der Säube­rungs­ak­tion in die Ohren: Heraus mit Schmutz und Schund! Lest deutsche Dichter! Dann betrat eine Abordnung von sechs Jungens unter ihrem Führer den Laden und verlangte die Heraus­ga­be sämtlicher unter das Schmutz- und Schund­ge­setz fallender Bücher. Ein Kommando von 12 Jungens hielt unter­des­sen den Eingang frei und sicherte gegen die rasch zusam­men­ge­lau­fene, neugierig vordrän­gende Menge. In den mitge­führ­ten Leiter­wa­gen wurden die gesam­mel­ten Bücher dann ins Bezirksamt geführt, wo im Laufe des Nachmit­tags fünf bis an den Rand gefüllte Wagen entleert wurden."20

Am 17. Juni wurden die Bücher trotz strömenden Regens auf dem Schloss­platz verbrannt, wobei der neue Kultus­mi­nis­ter Otto Wacker21 die "Feuer­re­de" hielt:

"Die deutsche Jugend demons­triert gegen Schmutz und Schund. Wenn sie heute vor dem flammenden Holzstoß steht, so scheidet sie zwischen dem, was arteigen ist und dem was artfremd ist. Der Demons­tra­tion und den Reden folgt nun die Tat durch die tatsäch­li­che Verbren­nung der undeut­schen Schriften. Gleich der Flamme bricht der deutsche Geist sich Bahn. […] Das Feuer soll ein Symbol sein, das die junge Generation, die dermal­einst die Geschicke des deutschen Volkes in die Hand nehmen wird, das Erbe des deutschen Volkstums genau so achten und pflegen wird, wie es die echten Großen unseres Volkes taten."22

Wohl nur die wenigsten der am 17. Juni 1933 auf dem Karlsruher Schloss­platz angetre­te­nen Jugend­li­chen dürften den gut sechs Jahre später von Deutsch­land begon­ne­nen Zweiten Weltkrieg überlebt haben, ohne dass nicht mindes­tens ein Mitglied ihrer Familie als Soldat gefallen oder an der so genannten Heimat­front durch Luftan­griffe getötet worden war. Die meisten Jungens dürften sogar selbst noch als Soldaten in den Krieg gezogen sein. Dass viele von ihnen gefallen sind, ist wahrschein­lich - der von Deutsch­land provo­zierte und ausgelöste Krieg kostete insgesamt mehr als 12.000 Menschen aus Karlsruhe das Leben, darunter mehr als 1.000 Bürger jüdischer Herkunft. Auch hier ließen die Nazis "der Demons­tra­tion und den Reden" die Tat folgen. Nur wenige waren 1933 bereit oder in der Lage, diese Konse­quen­zen der natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Terror­herr­schaft zu sehen. Von Protesten während der Sammlungs­ak­tion oder der Bücher­ver­bren­nung ist abgesehen von dem Einwand des Badischen Beobach­ters in eigener Sache nichts bekannt geworden. Der Führer konnte also unwider­spro­chen über den angeb­li­chen Erfolg der Aktion berichten:

"Ein Sprechchor begleitete den feier­li­chen Akt. Emil Ludwig Cohn, Remarque, Mardochai werden eine Beute der Flammen. Gebiets­füh­rer Kemper richtet zündende Worte an seine Jugend und die inzwischen immer zahlrei­cher gewordene Menge der zuschau­en­den Volkge­nos­sen. Mächtig braust das Horst-Wessel-Lied zum Abschluß zum nächt­li­chen Himmel."23

Zwischen den Zeilen konnte man aber durchaus lesen, dass die Veran­stal­tung nur mit großen Schwie­rig­kei­ten zustande gekommen war, denn sogar Der Führer berichtet von "bind­fa­den­ar­ti­gem Landregen", der nicht aufhören wollte. In typischem NS-Jargon wurde daraus aber positiv ein Beleg dafür, dass sich die Hitler­ju­gend durch solche Widrig­kei­ten nicht aufhalten ließ: "Während die Eltern das Für und Wider erwogen, schmierten die Jungens ihre Marschs­tie­fel und pünktlich traten sie an ihren Sammel­plät­zen an. Keiner scherte sich um das Wetter. […] Der Teufel könnte diese Jugend nicht daran hindern, zu marschie­ren."24 Verschwie­gen wurde, dass die Veran­stal­tung wegen des schlechten Wetters früher begann als vorgesehen und die Flammen immer wieder durch "andau­ern­des Nachgießen von Petroleum" geschürt werden mussten.25 Diese widrigen Umstände, die auch den relativ geringen Umfang des Berichts im Führer auf Seite 3 der Sonntags­aus­gabe erklären, und vor allem die Nicht­be­rück­sich­ti­gung im Jahres­rück­blick des Karls­ru­her Adreßbuchs lassen darauf schließen, dass die Natio­nal­so­zia­lis­ten die Aktion nicht als eine der heraus­ra­gen­den Propa­gan­dae­r­folge des Jahres 1933 ansahen. Unabhängig davon hatten sie aber auch in Karlsruhe ein deutliches Zeichen gesetzt, welche Rolle die Jugend im Dritten Reich spielen und mit welchen Mitteln sie für die Ziele der neuen Machthaber instru­men­ta­li­siert werden sollte. Ebenso deutlich wurde signa­li­siert, wie man mit Kultur­schaf­fen­den und deren Produk­tio­nen umzugehen gedachte, die den Kriterien der NS-Ideologie nicht entspra­chen.

Anmer­kun­gen

1 Vgl. Adreßbuch der Landes­haupt­stadt Karlsruhe, Jg. 56, Karlsruhe 1928, S. I. 81-I. 82.
2 Zu Wagner vgl.: Syré, Ludger: Der Führer am Oberrhein. Robert Wagner, Gauleiter, Reichs­statt­hal­ter in Baden und Chef der Zivil­ver­wal­tung, in: Kißener, Michael / Schol­ty­seck, Joachim (Hg.): Die Führer der Provinz. NS-Biogra­phien aus Baden-Württem­berg, Konstanz 1997, S. 733-779 (= Karlsruher Beiträge zur Geschichte des Natio­nal­so­zia­lis­mus Bd. 2).
3 Zur Verfolgung der Karlsruher Juden im Dritten Reich vgl. Werner, Josef: Hakenkreuz und Judenstern. Das Schicksal der Karlsruher Juden im Dritten Reich, Karlsruhe 1988, S. 34ff. (= Veröf­fent­li­chun­gen des Karlsruher Stadt­ar­chivs, Bd. 9). Hakenkreuz und Judens­tern (wie Anm. 29).
4 Vgl. Stadt­ar­chiv Karlsruhe (StadtAK) 1/POA2/1620.
5 Adreßbuch der Landes­haupt­stadt Karlsruhe 62 Jg., 1933/34, S. I.4.
6 Benz, Wolfgang: Geschichte des Dritten Reiches, München 2003, S. 31.
7 Zur Geschichte der badischen NSDAP vgl. Bräunche, Ernst Otto: Die Entwick­lung der NSDAP in Baden bis 1932/33, in: Zeitschrift für die Geschichte des Oberrheins 125. Band, NF 86, 1977, S. 331-375; ders.: Die NSDAP in Baden 1928-1933 - Der Weg zur Macht, in: Schnabel, Thomas (Hg.): Die Machter­grei­fung in Südwest­deutsch­land. Das Ende der Weimarer Republik in Baden und Weimar 1928-1933, Stuttgart 1983, S. 15-48, und Grill, Johnpeter H.: The Nazi Movement in Baden 1920-1945, Chapel Hill 1983.
8 Vgl. zu den Ereig­nis­sen in Karlsruhe Bräunche, Ernst Otto: Residenz­stadt, Landes­haupt­stadt, Gauhaupt­stadt. Zwischen Demokratie und Diktatur 1914-1945, in: Karlsruhe. Die Stadt­ge­schichte, Karlsruhe 1998, S. 357-517, S. 455-487.
9 Ebbecke, Otto: Die deutsche Erhebung in Baden, Karlsruhe 1933, S. 22.
10 Vgl. Generallan­des­ar­chiv Karlsruhe (GLA) 465a 51/68/902.
11 Karlsruher Tagblatt vom 17.5.1933.
12 Vgl. Adreßbuch der Landes­haupt­stadt Karlsruhe 1933/34, Karlsruhe 1933, S. I, 4.
13 Der Führer vom 14.5.1933, auch abgedruckt in: Badische Presse vom 12. Mai 1933.
14 Siehe hierzu die Beiträge über die Bücher­ver­bren­nun­gen in Heidelberg, Pforzheim, Offenburg und Kehl im vorlie­gen­den Band.
15 Badischer Beobachter vom 14.6.1933.
16 Vgl. Benz, Wolfgang (wie Anm. 6), S. 42.
17 Badischer Beobachter vom 18.6.1933.
18 Ebd.
19 Vgl. Bräunche, Ernst Otto: "Ein gewiß zeitge­mä­ßes Unter­neh­men". 125 Jahre Badenia, Karlsruhe 1999, S. 127-137.
20 Der Führer vom 15.6.1933.
21 Zu Wacker vgl.: Schrecke, Katja: Otto Wacker, Badischer Minister des Kultus, des Unter­richts und der Justiz, in: Die Führer der Provinz (wie Anm. 2), S. 705-732.
22 Zitiert nach: Karlsruher Tagblatt vom 18. Juni 1933.
23 Der Führer vom 18. Juni 1933.
24 Der Führer vom 18. Juni 1933.
25 Karlsruher Tagblatt vom 18. Juni 1933.


Vortrag von Dr. Ernst Otto Bräunche am 17. Juni 2008 im Lesecafé der Stadt­bi­blio­thek Karlsruhe im Rahmen des Begleit­pro­gramms zur Ausstel­lung "Die Schaufahrt vom 16. Mai 1933".