Sprung zur Navigation. Sprung zum Inhalt.

Karlsruhe: Stadtgeschichte

Karlsruher Stadtgeschichte

Die Stadt­grün­dung

Karlsruhe ist eine sehr junge Stadt, deren Geschichte erst am 17. Juni 1715 mit der Grund­stein­le­gung zum neuen Residenz­schloss des Markgrafen Karl Wilhelm von Baden-Durlach begonnen hat. Mitten im Wald als Ausdruck des Gestal­tungs­wil­lens eines absolu­tis­ti­schen Fürsten entstanden, ist Karlsruhe die letzte oberrhei­ni­sche Stadt­grün­dung mit dem bis heute charak­te­ris­ti­schen strah­len­för­mi­gen Grundriss.

Die neun, wie das Schloss nach Süden ausge­rich­te­ten Alleen bildeten zunächst das Stadt­ge­biet und ergaben so den viel bestaunten Fächerplan mit seinem fließen­den Übergang zur Natur. Die übrigen Alleen erschlos­sen das Jagdgebiet und endeten in den umlie­gen­den Dörfern der Hardt. Der Grundriss der Stadt und die geplante Höhen­ab­stu­fung der Bebauung vom dreige­schos­si­gen Schloss zu einge­schos­si­gen Bürger­häu­sern gelten als Muster­bei­spiel einer absolu­tis­ti­schen Stadt­grün­dung, als die reinste Verkör­pe­rung des Wesens einer Ideal­stadt unter den deutschen Residenzen. 1801 rühmte Heinrich von Kleist, die Stadt sei "wie ein Stern gebaut, … klar und lichtvoll wie eine Regel, … als ob ein geordneter Verstand uns anspräche."


Der Markgraf ließ sein neues Residenz­schloss nur wenige Kilometer von seiner alten Residenz Durlach entfernt erbauen. Nach der Zerstörung von Schloss und Stadt Durlach durch franzö­si­sche Truppen während des pfälzi­schen Erbfol­ge­krie­ges im Jahr 1689 hatte der damalige Markgraf Friedrich Magnus zunächst mit dem Wieder­auf­bau des Schlosses in Durlach begonnen. In Zeiten wirtschaft­li­cher Not und des Spani­schen Erbfol­ge­krie­ges kam er aber nur langsam voran. Zudem verwei­ger­ten die Durlacher Bürger sich weit reichen­den Schloss- und Stadt­er­wei­te­rungs­plä­nen und die Lage der alten Residenz zwischen Bergrand und sumpfigem Gelände beengte des barocken Fürsten Leiden­schaft für die Jagd und die Gärtnerei. Seinem Nachfolger Markgraf Karl Wilhelm schwebte zudem ein Schloss im Stile von Versailles vor, das der Sonnen­kö­nig Ludwig XIV. kurz zuvor hatte bauen lasen. Auch Markgraf Karl Wilhelm war dem absolu­tis­ti­schen Selbst­ver­ständ­nis verpflich­tet, das sich im Schloss und in der Stadt wider­spie­geln sollte.

Karlsruhe im 18. Jahrhun­dert

Dank großzü­gi­ger Aufnah­me­be­din­gun­gen für Neubürger wuchs die Stadt zunächst zufrie­den­stel­lend, 1719 waren es fast 2.000 Einwohner. Verbrieft wurden erstmals in einer Residenz­stadt Freiheit zur Ausübung aller im Reich tolerier­ten Religionen, darüber hinaus Freiheit von Leibei­gen­schaft und Frondiens­ten, ein Bauplatz nebst Bauma­te­rial, Steuer­frei­hei­ten, eine bürger­li­che Gerichts­bar­keit sowie ein Anhörungs- und Vorschlags­recht für alle Bürger. Weniger weit reichende Privi­le­gien hat es zu dieser Zeit auch in anderen Städten gegeben, aber kein Privi­le­gien­brief war bisher mit solcher Publizität verbreitet worden. Als Druck­schrift fand er Verbrei­tung außerhalb Badens und erschien auch in franzö­si­schen Zeitungen. Die Neubürger kamen denn auch zu 50 % aus Orten mit mehr als 100 km Entfernung, 18 % stammten von außerhalb des Reiches, vor allem aus Frankreich, der Schweiz, aber auch aus Italien und Polen.

Die Stadt wuchs nach den Anfangs­er­fol­gen nach ihrer Gründung nur langsam, um 1750 zählte sie gerade mal rund 2.500 Einwohner. Es bedurfte eines dem Fortschritt zugewand­ten Fürsten mit Fortune, um der Stadt­grün­dung im Wald zukunfts­wei­sende Entwick­lungs­mög­lich­kei­ten zu eröffnen. Markgraf Karl Friedrich, der Enkel des Stadt­grün­ders und sein unmit­tel­ba­rer Nachfolger, trat nach einem vormund­schaft­li­chen Inter­reg­num 1746 die Regent­schaft an und übte sie zum Segen der Stadt bis 1811 aus. Karl Friedrich gilt als heraus­ra­gen­der Vertreter des aufge­klär­ten Absolu­tis­mus. Das spiegelte sich wieder in der Förderung des Unter­richts­we­sens, der bürger­li­chen Rechts­pflege, der Aufhebung der Folter (1767) und der Leibei­gen­schaft (1783) wie im Judene­dikt (1806), das den Juden den Weg der Emanzi­pa­tion wies. Der Verbes­se­rung der wirtschaft­li­chen Leistungs­fä­hig­keit des Landes dienten der Bau von Landstra­ßen, Kanälen und die Anlage landwirt­schaft­li­cher Muster­be­triebe. Zusammen mit Markgräfin Karoline Luise erwarb er der Karlsruher Residenz den Ruf eines "Musen­ho­fes", der der Bedeutung des kleinen Landes weit voraus war. Das Fürsten­paar zählte zu seinen Gästen Voltaire, Herder, Lavater, Goethe, Klopstock, Gluck und Wieland. Es schuf so ein von geistiger Freiheit geprägtes Klima, wie es der Tradition der Oberrhein­re­gion, in der sich unter­schied­li­che geistige und kulturelle Strömun­gen überla­ger­ten und gegen­sei­tig beein­fluss­ten, entsprach.

Von der markgräf­li­chen Residenz zur Großher­zog­lich-badischen Haupt- und Residenz­stadt

Zudem konnte Karlsruhe als Residenz­stadt von den verschie­de­nen badischen Gebiets­er­wei­te­run­gen unter Karl Friedrich profi­tie­ren. 1771 wurden die beiden badischen markgräf­li­chen Lande nach dem Tode des Markgrafen August Georg von Baden-Baden erstmals seit 1535 wieder vereinigt. Einen erneuten Aufschwung nahm die Stadt nach dem Aufstieg der Markgraf­schaft zum Kurfürs­ten­tum (1803) bzw. zum Großher­zog­tum (1806) und den damit verbun­de­nen enormen Landge­win­nen: Baden hatte zunächst als Verbün­de­ter Napoleons sein Terri­to­ri­um vervier­facht. Nach dem recht­zei­ti­gen Überwech­seln in das Lager der Gegner Napoleons wurden diese Gewinne auf dem Wiener Kongress 1815 bestätigt. Die Bevöl­ke­rung war zu diesem Zeitpunkt auf über 15000 angewach­sen.


Der Aufstieg des Landes spiegelte sich in der Stadt wieder: Bereits in den 1770/80er Jahren war der Neubau des Schlosses auf den alten Grund­mau­ern abgeschlos­sen und Planungen zur Stadt­er­wei­te­run­gen erörtert worden. Mit dem Karlsruher Zimmer­manns­sohn Friedrich Weinbren­ner fand Karl Friedrich den Baumeister, der seiner Residenz ab 1801 das klassi­zis­ti­sche Gepräge gab. Hatte der Gründer der Stadt den Fächer­grund­riss geplant, so schuf Weinbren­ner die bis heute das Bild der Stadt bestim­men­de Mitte­lachse vom Schloss über den Markt- und Rondell­platz zum Ettlinger Tor. Sie ist gesäumt von seinen Bauten, u. a. dem Rathaus und der evange­li­schen Stadt­kir­che. Über der Gruft des Stadt­grün­ders errichtete er auf dem Marktplatz die Pyramide als Grabmal, das zum Karls­ru­her Wahrzei­chen wurde. Weinbren­ners Marktplatz gilt heute noch als "Lehrstück urbaner Raumge­stal­tung", "als eine der feinsten Leistungen städte­bau­li­cher Kunst".

Das Großher­zog­tum Baden war aus einer Vielzahl kleiner und kleinster terri­to­ria­ler Einheiten mit unter­schied­lichs­ten herrschaft­li­chen, ökono­mi­schen, kultu­rel­len und konfes­sio­nel­len Tradi­tio­nen und Strukturen zusam­men­ge­fügt worden. Es verwundert daher nicht, dass Karlsruhe weniger unbestrit­ten als Landes­me­tro­pole akzeptiert wurde als die Residenzen in Bayern oder Württem­berg. Gleichwohl hielt der Ausbau der Residenz mit staat­li­chen Insti­tu­tio­nen und reprä­sen­ta­ti­ven Bauten im 19. Jahrhun­dert unver­än­dert an. Als 1818 nicht die erste, aber die fortschritt­lichste von Karl Friedrich Nebenius erarbei­tete Verfassung der Zeit für Baden erlassen wurde, bezog das Parlament 1822 den ersten eigen­stän­di­gen Parla­ments­bau Deutsch­lands, das Ständehaus in Karlsruhe. Die hier tagende Zweite Kammer wurde zum Forum, das durch politische Diskus­sio­nen und Reformen das Zusam­men­wach­sen des Großher­zog­tums maßgeblich förderte. Im Vormärz wuchs dem Parlament stilbil­dende Kraft für ganz Deutsch­land zu, es wurde zur "Wiege der deutschen Demokra­tie". Die Forde­run­gen nach mehr politi­scher Mitsprache, Presse­frei­heit, Trennung von Justiz und Verwaltung, Öffent­lich­keit und Mündlich­keit von Justiz­ver­fah­ren sowie der Aufhebung von Frohnden und Zehnten wurden hier drängender gestellt, leiden­schaft­li­cher diskutiert und unbeug­sa­mer vertreten als sonst in Deutsch­land. Zu den viel beachteten Diskus­sio­nen zählten auch jene zur erstmals gestellten sozialen Frage, zur Judene­man­zi­pa­tion und nicht zuletzt zur deutschen Einheit. Entspre­chend brach sich die Revolution 1848/49 kaum irgendwo auf deutschem Boden so heftig Bahn wie in Baden, wo in Karlsruhe 1849 die erste, wenn auch nur kurzfris­tige und durch preußische Truppen nieder­ge­schla­gene Republik Deutsch­lands, bestand. Mit dem Beginn einer neuen liberalen Ära unter dem seit 1852 herrschen­den Großher­zog Friedrich I. in den 1860er Jahren gewann das Karls­ru­her Ständehaus und die hier bis 1871 prakti­zier­te Abhän­gig­keit der Regierung vom Vertrauen des Parla­ments noch einmal nationale Aufmerk­sam­keit. Das in dieser Zeit geschaf­fene Gerichts­ver­fas­sungs­ge­setz gilt als Meilen­stein in der Rechts­ge­schichte, da es erstmals die Möglich­keit eröffnete, verbriefte indivi­du­elle Rechte der Bürger gegenüber Rechts­ver­stö­ßen des Staates einzu­kla­gen.

Bildung und Kultur

Dem kunst­sin­ni­gen badischen Fürsten­haus und dessen Ziel der reprä­sen­ta­ti­ven Ausstat­tung seiner Residenz auch als kultu­rel­les Zentrum des Landes verdankt die Stadt ihre tradi­tio­nel­len, großen Einrich­tun­gen für Kunst und Kultur. Sie haben ihren hohen Rang bis heute erhalten können und bilden die Grundlagen für die kulturelle Breite und Vielfalt Karlsruhes. Das Hoftheater (seit 1808) erlebte ab 1853 im neuen Haus seine glanz­vollste Epoche, und die Stadt genoss den Ruf eines "Klein Bayreuth". Die seit 1806 zugäng­li­che Kunst­samm­lung erhielt 1846 einen reprä­sen­ta­ti­ven, später erwei­ter­ten Neubau. Sie besitzt heute eine der bedeu­tends­ten Sammlungen alter Meister. 1873 wurde das Sammlungs­ge­bäude (Biblio­thek, Sammlung für Altertums- und Völker­kunde, Naturalien- und Münzka­bi­nett) eröffnet. Seit 1818 besteht der zweit­äl­teste deutsche Kunst­ver­ein, dessen Gründung von dem sich formie­ren­den Bürgertum ausging.

Anderen als reprä­sen­ta­ti­ven Überle­gun­gen folgte der Ausbau des Bildungs­sys­tems. Die anste­hen­den Entwick­lun­gen, der Aufbruch in das indus­tri­el­le Zeitalter erforderte gut ausge­bil­dete Fachleute. So entstand 1825 nach Pariser Vorbild die erste Techni­sche Hochschule auf deutschem Boden. Johann Gottfried Tulla, der die Rhein­be­gra­di­gung geplant hatte, war ihr Mitbe­grün­der. Gelehrte wie Redten­ba­cher, Grashof, Weltzien, Engler, Bunte, Hertz, Haber und Lehmann gehörten im 19. Jahrhun­dert zu den heraus­ra­gen­den Gelehrten, die die Hochschule zur Keimzelle bedeu­ten­der, bis heute wirksamer Innova­tio­nen machten. Absol­ven­ten wie Robert Gerwig, Carl Benz, der Erfinder des Automobils, oder Karlsruher Indus­tri­elle bestä­tig­ten ihren hervor­ra­gen­den Ruf als Ausbil­dungs­stätte. Der Erfinder des Fahrrads, der Karlsruher Carl Frhr. Drais von Sauerbronn, war allerdings Autodidakt. Kunst­aka­de­mie (1854), Pädago­gi­sche Hochschule (1875), Bauge­wer­ke­schule (1878, heute Hochschule für Technik) und das Konser­va­to­rium (1884, heute Musik­hoch­schu­le) vervoll­stän­dig­ten den Reigen der Hochschu­len in der Stadt. Mit der Schaffung des dualen Systems der technisch-gewerb­li­chen Berufs­bil­dung seit 1834 und dem Mädchen­gym­na­sium in Karlsruhe seit 1893 setzten Land und Stadt weitere nationale Maßstäbe.

Die Indus­tria­li­sie­rung

Trotz des Aufschwungs um die Jahrhun­dert­wende behielt Karlsruhe in den ersten Jahrzehn­ten des 19. Jahrhun­derts aber zunächst noch seinen eher beschau­li­chen Charakter. Wie bei den anderen deutschen Großstäd­ten ging ein wesent­li­cher Impuls erst wieder von der Indus­tria­li­sie­rung aus. Vor 1850 entstanden aller­dings nur vereinzelt Betriebe, aus denen später Großun­ter­neh­men werden sollten, z. B. die Maschi­nen­fa­brik Martiensen & Keßler, die 1842 die erste badische Lokomotive baute. Diese frühe Indus­tria­li­sie­rung Karlsruhes hatte das Erschei­nungs­bild der Residenz und ihrer Gesell­schaft nur allmählich verändert. Die eigent­li­che Ansiedlung von Industrien setzte in Karlsruhe erst in den 60er Jahren des 19. Jahrhun­derts ein. Mit der Hochin­dus­tria­li­sie­rung nach der Reichs­grün­dung 1871 wurde auch die badische Residenz­stadt von deren gesell­schaft­li­cher und wirtschaft­li­cher Dynamik erfasst. Im Zeichen des Bevöl­ke­rungs­wachs­tums, der Urbani­sie­rung und der Indus­tria­li­sie­rung erlebte die Stadt im 19. Jahrhun­dert eine zweite tiefgrei­fende Verän­de­rung der äußeren und inneren Verhält­nisse. Die Bevöl­ke­rung wuchs auch in Karlsruhe explo­si­ons­ar­tig, die Stadt wurde 1901 mit 100.000 Einwohnern Großstadt.

Erster Weltkrieg, Weimarer Republik und Drittes Reich

Die Entwick­lung Karlsruhes zur Indus­trie­stadt mit Schwer­punkt in der Metall­ver­ar­bei­tung und dem Maschi­nen­bau wurde nach dem Ersten Weltkrieg abrupt unter­bro­chen. Der Verlust des Hofes nach der Abdankung des letzten Großher­zogs 1918 spielte aber inzwischen keine Rolle mehr. Karlsruhe hatte sich von der Abhän­gig­keit vom Hof gelöst, welche die ersten 150 Jahre seiner Entwick­lung geprägt hatten. Es blieb auch unver­än­dert Landes­haupt­stadt mit dem gesamten Verwal­tungs­ap­pa­rat und den zentralen Einrich­tun­gen. Die großher­zog­li­chen Kultur­in­sti­tu­tio­nen führte der Freistaat Baden fort.

Allerdings lag Karlsruhe nach den Bestim­mun­gen des Versailler Vertrages in der entmi­li­ta­ri­sier­ten Zone. Dadurch ging die Garnison als ökono­mi­scher Faktor verloren. Entschei­den­der war aber, dass Elsass-Lothringen wieder an Frankreich fiel, wodurch die Karlsruher Industrie ein wichtiges Absatz­ge­biet verlor. Zudem traf die vorüber­ge­hende Unter­bre­chung der Auslands­be­zie­hun­gen die expor­t­ori­en­tier­te Maschi­nen­in­dus­trie besonders hart. Die Umstellung von der nicht unbedeu­ten­den Rüstungs- auf Frieden­s­pro­duk­tion führte zu einer hohen Labilität im Karlsruher Wirtschafts­le­ben. Der Indus­trie­stand­ort Karlsruhe im Schatten der Grenze zu Frankreich war für Investoren nicht attraktiv.

Dennoch wuchs die Stadt konti­nu­ier­lich weiter: 1933 hatte sie knapp 155.000 Einwohner. Bis zu diesem Zeitpunkt waren auch zahlreiche Nachbar­orte nach Karlsruhe einge­mein­det worden und hatten wesentlich zum Wachstum der Stadt beige­tra­gen, darunter als erste 1886 die Nachbar­stadt Mühlburg, als letzte das Dorf Bulach im Jahr 1929. Damit bekam Karlsruhe neben einer ansehn­li­chen Anzahl neuer Einwohner vor allem das dringend benötigte Areal zur Ausdehnung der Stadt.

Politisch war aus der im Kaiser­reich noch weitge­hend natio­nal­li­be­ral dominier­ten badischen Landes­haupt­stadt zunächst eine Stadt geworden, in der die Weimarer Koalition aus SPD, Deutscher Demokra­ti­scher Partei und Zentrum die Richtung vorgab. Bis heute nachwir­kende Planungen und Projekte wie der Generalbe­bau­ungs­plan von 1926 oder der Bau von neuen Wohnsied­lun­gen, darunter mit der Dammer­stock­sied­lung ein Beleg für die Öffnung zum Neuen Bauen, wurden trotz schwie­ri­ger finan­zi­el­ler Lage auf den Weg gebracht. Mit dem Ausbruch der Weltwirt­schafts­krise stieg die Zahl der NSDAP-Wähler und Wähle­rin­nen so rapide an, dass die Natio­nal­so­zia­lis­ten schon 1930 zur stärksten politi­schen Kraft wurden.
Obwohl der Sprung über die 50-Prozent-Hürde auch hier nicht gelang, schaltete die NSDAP nach der Ernennung Adolf Hitlers zum Reichs­kanz­ler rasch die politi­schen Gegner aus und die Verwaltung und Öffent­lich­keit im neuen Führer­staat gleich. Aus der badischen Landes­haupt­stadt wurde die Gauhaupt­stadt Karlsruhe, in der nun natio­nal­so­zia­lis­ti­sche Propa­gan­da­ve­ran­stal­tun­gen mit Betei­li­gung der regionalen und häufig auch der deutschen Partei­pro­mi­nenz zum Alltag gehörten.

Die Nachkriegs­zeit

Wie für Deutsch­land insgesamt hatte die natio­nal­so­zia­lis­ti­sche Macht­über­nahme für die Stadt katastro­phale Folgen. Der jüdische Bevöl­ke­rungs­teil wurde entweder aus der Stadt vertrieben oder aber seit 1940 deportiert und schließ­lich umgebracht, die Stadt in dem von Deutsch­land begonnen Zweiten Weltkrieg zu einem großen Teil zerstört. Zu den Folgen des Zweiten Weltkrie­ges gehörte darüber hinaus der Verlust der Haupt­stadt­funk­tion. Die quer durch Baden verlau­fen­de Grenze der Besat­zungs­zo­nen rückte Karlsruhe nicht nur geogra­phisch in einen "toten Winkel". Die Erhaltung der Zentra­li­tät der Stadt bei den Verwal­tungs­dienst­leis­tun­gen für ganz Nord- und Mittel­ba­den mit zahlrei­chen Insti­tu­tio­nen des Landes und des Bundes verhin­derte aber das Absinken Karls­ru­hes zur unbedeu­ten­den Provinz­stadt. Der Bundes­ge­richts­hof und das Bundes­ver­fas­sungs­ge­richt machten die Stadt zur "Residenz des Rechts". Mit dem Kernfor­schungs­zen­trum wuchs das in der Techni­schen Hochschule vorhandene Forschungs­po­ten­tial. Nach der Stagnation der Zwischen­kriegs­zeit nahm die indus­tri­elle Entwick­lung seit 1946/47 einen Aufschwung, der in der Ansiedlung zweier Ölraf­fi­ne­rien nördlich von Maxau gipfelte. Die europäi­sche Einigung verwan­del­te zudem den früheren Nachteil der Grenznähe in den Vorteil, im Zentrum europäi­scher Verkehrs­wege zu liegen.

Nach der raschen Trümmer­räu­mung der Innenstadt begann bald nach der Währungs­re­form ein langan­hal­ten­der Bauboom. Der Wieder­auf­bau ging allmählich in einen Ausbau der Stadt über. Im Stadt­in­ne­ren konnten die histo­ri­schen Konturen des Fächer­grund­ris­ses und zentraler Weinbren­ner­bau­ten erhalten werden, ohne damit die Entwick­lung zur modernen Großstadt zu hemmen. An den Stadt­rän­dern wuchsen moderne Wohnvier­tel, etwas außerhalb entstanden Traban­ten­sied­lun­gen. Das rasche Wachstum der Stadt bis weit in die 1960er Jahre ließ die Frage erneuter Einge­mein­dun­gen dringlich werden. Die ehemalige Residenz­stadt liegt heute nach den Einge­mein­dun­gen der 1970er Jahre in einem Kranz ehemals selbstän­di­ger Gemeinden, die zumeist viel älter sind als Karlsruhe.


Der am Ende der 1960er Jahre einset­zen­de gesell­schaft­li­che und wirtschaft­li­che Wandel wirkte sich auch in der Kommu­nal­po­li­tik aus. Statt der "auto­ge­rech­ten Stadt" wurde der "stadt­ge­rech­te Verkehr" zur Leitlinie der Verkehrs­pla­nung. An die Stelle des Ausbaus der Stadt trat der inner­städ­ti­sche Umbau und die Stadt­er­neue­rung mit der Sanierung ganzer Stadt­vier­tel wie des "Dörfle", der Konversion ehema­li­ger Indus­trie­flä­chen und der Schaffung neuer Grünan­la­gen. Ziel dieser Maßnahmen war die Steigerung der Lebens­qua­li­tät in der Stadt, um die Abwan­de­rung besser­ver­die­nen­der Bürger in das Umland zu verhindern.

Der wirtschaft­li­che Struk­tur­wan­del seit den 1980er Jahren brachte auch Karlsruhe einen Verlust von Arbeitsplät­zen im produ­zie­ren­den Gewerbe und eine Zunahme bei den Dienst­leis­tun­gen. Die Stadt setzte auf die Chancen der neuen Techno­lo­gien und richtete die Techno­lo­gie­fa­brik als Existenz­grün­der­zen­trum ein. Zudem schuf man gemeinsam mit den umlie­gen­den Städten und Landkrei­sen die Techno­lo­gie­Re­gion Karlsruhe zur Stärkung der Region im inter­na­tio­na­len Wettbewerb. Natür­li­ches Zentrum der Region ist mit ihrem Arbeits­platz­an­ge­bot, ihrem diffe­ren­zier­ten Angebot an Ausbil­dungs­ein­rich­tun­gen und den aus der Zeit der Residenz und Landes­haupt­stadt erhaltenen kultu­rel­len Insti­tu­tio­nen die moderne Großstadt Karlsruhe.

Text: Stadt­ar­chiv Karlsruhe,

Dr. Ernst Otto Bräunche / Dr. Manfred Koch

 

Karlsruher Stadtansicht. Kupferstich von Heinrich Schwarz 1721. <br />StadtAK 8/PBS XVI 18

Karlsruher Stadtansicht. Kupferstich von Heinrich Schwarz 1721.
StadtAK 8/PBS XVI 18



Schloss, Gartenansicht, 1783.<br />StadtAK 8/PBS XIVa 455

Schloss, Gartenansicht, 1783.
StadtAK 8/PBS XIVa 455



Das 1822 eingeweihte Ständehaus.<br />StadtAK 8/PBS oXIVa 1239

Das 1822 eingeweihte Ständehaus.
StadtAK 8/PBS oXIVa 1239



Das Gebäude der Polytechnischen Schule an der Langen Straße.<br />StadtAK 8/PBS oXIVd 56

Das Gebäude der Polytechnischen Schule an der Langen Straße.
StadtAK 8/PBS oXIVd 56



Ansicht von Karlsruhe 1897. Im Hintergrund rauchende Schornsteine.<br />StadtAK 8/PBS XIIIa 131

Ansicht von Karlsruhe 1897. Im Hintergrund rauchende Schornsteine.
StadtAK 8/PBS XIIIa 131



Quäkerspeisung in einer Karlsruher Schule, Foto Anfang der 1920er Jahre.<br />StadtAK 8/PBS oVI 216

Quäkerspeisung in einer Karlsruher Schule, Foto Anfang der 1920er Jahre.
StadtAK 8/PBS oVI 216



Blick vom Rathausturm im Jahre 1945. Foto: Erich Bauer.

Blick vom Rathausturm im Jahre 1945. Foto: Erich Bauer.



Die Fächerstadt Karlsruhe aus der Luft im Jahr 2002. <br />Foto: Bildstelle der Stadt Karlsruhe, Fränkle.

Die Fächerstadt Karlsruhe aus der Luft im Jahr 2002.
Foto: Bildstelle der Stadt Karlsruhe, Fränkle.