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Karlsruhe: Stadtgeschichte

Rundgang

Weststadt

"Dragoner, Kadetten, Grenadiere & Co." – der Hardtwaldstadtteil und das Militär

Mühlburger Tor mit Christuskirche

Mühlburger Tor mit Christuskirche

Das Hardt­wald­vier­tel, heute ein Teil der Weststadt, entstand Ende der 1880er/­An­fang der 1890er Jahre zeitgleich mit der Oststadt. Wie der Name sagt, wurde er im ehema­li­gen Hardtwald errichtet, der in etwa bis zur heutigen Kaise­r­al­lee reichte, der alten Landstraße zwischen Durlach und Mühlburg. Während südlich der Kaise­r­al­lee eine Mischung von Wohnbauten, Fabriken, Brauereien und Handwerks­be­trie­ben entstand, war nördlich nach dem Ortstatut von 1898 die Ansie­de­lung von Industrie und Gewer­be­be­trie­ben nicht zulässig, noch nicht einmal Handwerks­be­triebe im Hinterhof waren erlaubt. Lediglich "dezente" Büroge­bäude wurden akzeptiert. So entwi­ckelte sich der neue Stadtteil zu einem Viertel, das von drei Kompo­nen­ten geprägt ist: gehobenes Wohnen in Villen oder hochherr­schaft­li­chen Miets­häu­sern, Behör­den­bau­ten (inkl. Kranken­häu­sern) sowie militä­ri­schen Einrich­tun­gen: 1889-92 entstand die einzige preußische Kadet­ten­an­stalt außerhalb Preußens (heute Oberfi­nanz­di­rek­tion), 1889-1900 die Drago­ner­ka­serne (heute u.a. Volks­hoch­schu­le) und 1893-1897 die Grena­dier­ka­ser­ne (heute Behör­den­zen­trum), jenseits des Städti­schen Kranken­hau­ses folgten Anfang des 20. Jh. die Artillerie- und Telegra­phen­ka­serne.

Diese spezielle Mischung sowie die relativ geringe Zerstörung im Zweiten Weltkrieg führten dazu, dass die Franzosen im April 1945 das Areal zwischen Kaise­r­al­lee, Knielinger Allee, Riefstahl­straße und Blücher­straße zum Sperr­be­zirk erklärten und nach Ausquar­tie­rung der noch verblie­be­nen Bewohner hier ihre Verwaltung (in den Behör­den­bau­ten), Offiziere (in den hochherr­schaft­li­chen Miets­häu­sern und Villen) und Mannschaf­ten (in den Kasernen) unter­brach­ten. Im Juli folgten dann die Amerikaner, die im Gebäude der Karlsruher Lebens­ver­si­che­rung (heute Rathaus West) zunächst das Haupt­quar­tier der 7th US-Army einrich­te­ten. Bis Mitte der fünfziger Jahre konnten hier auch Armee­an­ge­hö­rige im PX-Kaufhaus einkaufen. Im Gegensatz zu den Franzosen bevor­zug­ten die Amerikaner jedoch das Wohngebiet westlich der Mozart­straße, das mit moder­ne­ren Häusern aus den 1930er Jahren eher dem von den USA her vertrauten Wohnkom­fort der Amerikaner entsprach.

Jahrzehnte vor der Bebauung des Hardt­wald­stadt­teils durch­querte bereits eine militä­risch relevante Einrich­tung das Areal: Durch die heutigen Grünan­la­gen zwischen Nördlicher und Südlicher Hilda­pro­me­nade führte seit 1862 eine Eisen­bahn­li­nie an den Rhein bei Maxau, drei Jahre später auch über die erste Eisen­bahn­schiffs­brücke Europas über den Rhein in die Pfalz. Von dort war - militä­risch relevant - der Weg nach Frankreich nicht weit. Proble­ma­tisch erwies sich jedoch, dass die schwim­mende Ponton­brücke nicht allzu belastbar war. Für die Überque­rung wurde eine extra leichte Brücken­lo­ko­mo­tive benötigt, ein zu langer Zug musste u.U. sogar in mehrere Teile zerlegt und Stück für Stück über die Brücke gezogen werden. Die immense Zeit, die so für die Überque­rung des Rheins benötigt wurde, war aus strate­gi­scher Sicht nicht tragbar. Aus diesem Grund wurde 1895 die sogenannte Strate­gi­sche Bahn gebaut, die von Graben über Blanken­loch - Hagsfeld - KA - Durmers­heim - Rastatt kommend bei Winters­dorf - Roeschwog den Rhein über eine feste Brücke überquerte.

Ausge­wählte Objekte des Rundgangs, die mit Krieg oder Militär in Zusam­men­hang stehen


Chris­tus­kir­che

Die 1900 von Curjel und Moser fertig­ge­stellte Kirche verlor im 2. Weltkrieg ihre Turmhelme. Dieser Zustand dauerte bis 1985 an. Nachdem die Mehrheit der Kirchen­ge­meinde sich für die Herstel­lung des Ursprungs­zu­stan­des ausge­spro­chen hatte, wurde zunächst die mittlere Turmspitze wieder aufgesetzt und drei Jahre später die vier Ecktürme. Dieses Vorgehen war jedoch nicht ganz unumstrit­ten, da somit eine mahnende Erinnerung an bzw. gegen den Krieg aus dem Stadtbild verschwand. Statt­des­sen erhielt die Chris­tus­kir­che 2004 eine von Emil Wachter gestaltete Friedens­glo­cke, die täglich um 12 Uhr schlägt.

Mühlburger Tor
Das Anfang des 19. Jh. von Weinbren­ner errichtete Mühlbur­ger Tor mit den daran anschlie­ßen­den Wachhäu­sern diente nie Vertei­di­gungs­zwe­cken. Statt­des­sen sollte ein reprä­sen­ta­ti­ver Eingang in die Stadt geschaffen werden, an dem anfangs Perso­nen­kon­trol­len statt­fan­den, Zoll erhoben und Wegegeld kassiert wurde. 1945, als Karlsruhe zur Festung erklärt wurde, diente das Tor (von dem seit 1874 aus verkehrs­tech­ni­schen Gründen nur noch die Wachhäus­chen standen), dann doch der Vertei­di­gung. Eine Mauer zwischen den Wachhäus­chen, besetzt mit Volkssturm, HJ und Polizei, sollte die franzö­si­schen Truppen aufhalten. Bei einem nur minuten­lang anhal­ten­den Gefecht wurde ein 15 jähriger Hitler­junge getötet, als er die einzige vorhan­de­ne Panzer­faust abfeuerte.

Drago­ner­denk­mal

1926-29 zu Ehren der im 1. Weltkrieg gefallenen Leibdra­go­ner errichtet. Die Inschrift ist ein Zitat aus der Edda: "Du stirbst - Besitz stirbt / Die Sippen sterben / Einzig lebt - wir wissen es / der Toten Tatenruhm". 1985 forderten die Grünen im Gemein­de­rat die Besei­ti­gung der Inschrift bzw. des Denkmals. Der Gemein­de­rat sprach sich jedoch mehrheit­lich für den Erhalt aus mit der Begründung, dass Denkmal und Inschrift eine Funktion als Zeugen ihrer Zeit hätten.

Ehemaliges Amtsge­fäng­nis/ heute Unter­su­chungs­haft­an­stalt

1894-99 von Josef Durm gebaut. Von März bis Mai 1933 waren hier insgesamt 7 Karlsruher Sozial­de­mo­kra­ten inhaftiert, u.a. Ludwig Marum und Adam Remmele, der frühere Badische Innen­mi­nis­ter. Grundlage für die Verhaftung war die am 28.2.33 von Reichs­prä­si­dent Hindenburg erlassene "Verord­nung zum Schutz von Volk und Staat" (Reichs­tags­brand­ver­ord­nung), die die Länder ermäch­tigte, als gefährlich geltende Führer der KPD und SPD ohne gericht­li­ches Verfahren auf unbestimm­te Zeit zu inhaf­tie­ren. Im Mai wurden die Gefangenen nach einer entwür­di­gen­den Schaufahrt durch Karlsruhe ins KZ Kislau gebracht, wo ein Jahr später Ludwig Marum ermordet wurde.

Hardt­wald­sied­lung
Die Wohnsi­tua­tion nach dem 1. Weltkrieg war sehr schlecht, da während des Krieges kein Wohnungs­bau erfolgte, die Soldaten heimkehr­ten, die Heiraten rapide anstiegen und zudem die Flücht­linge aus Elsaß und Lothringen zu beher­ber­gen waren. Als Sofort­maß­nahme wurden u.a. Notwoh­nun­gen in Kasernen und städti­schen Gebäuden einge­rich­tet sowie Appelle an Verlobte gerichtet, vorläufig nicht zu heiraten. Zur tatsäch­li­chen Entspan­nung der Situation konnten jedoch nur Neubauten beitragen. Da die private Bautä­tig­keit jedoch nur schleppend in Gang kam, leisteten Bauge­nos­sen­schaf­ten Anfang der 1920er Jahre den wichtigs­ten Beitrag für den Wohnungs­bau: 60 % aller Wohnungen wurden von gemein­nüt­zi­gen Bauver­ei­ni­gun­gen gebaut. So wurde auch die Hardt­wald­sied­lung von der 1919 gegrün­de­ten "Genos­sen­schaft der Bauhand­wer­ker", ab 1926 "Gemein­nüt­zi­ge Bauge­nos­sen­schaft Hardt­wald­sied­lung Karlsruhe" genannt, errichtet. Um in der wirtschaft­lich schwie­ri­gen Zeit den Bewohnern die Selbst­ver­sor­gung mit Lebens­mit­teln zu ermög­li­chen, entstanden hinter den Häusern große Gärten mit Klein­tier­stäl­len.

Kadet­ten­an­stalt

Die 1889-92 errichtete einzige Preußische Kadet­ten­an­stalt außerhalb Preußens war eigentlich eine Kadet­ten­vor­an­stalt, die die Klassen 5-9 beher­bergte. Das Abitur konnte dann in der Haupt­ka­det­ten­an­stalt in Berlin-Lichter­felde abgelegt werden. Die typische Laufbahn führte weiter über das Studium an der Kriegs­aka­de­mie direkt in den General­stab. Die schulische Erziehung der 10/11-14/15 jährigen Knaben folgte dem Lehrplan eines Realgym­na­si­ums (d.h. ohne Griechisch), daneben erhielten die Kinder eine Infan­te­rie­aus­bil­dung. Die Schüler waren in zwei Kompanien aufgeteilt. Erzie­hungs­ziele waren Gehorsam, Pflicht­treue, Kampf­be­reit­schaft und Vater­lands­liebe. Nach dem 1. Weltkrieg wurden alle Kadet­ten­an­stal­ten gemäß den Forde­run­gen der Sieger­mächte aufgelöst. Das Gebäude beher­bergte nun das Landes­fi­nanz­amt und heute die Oberfi­nanz­di­rek­tion.

Text: Renate Straub, statt­rei­sen Karlsruhe e.V.