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Karlsruhe: Stadtgeschichte

Auf den Spuren des Bombenangriffs

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"Auf den Spuren des Bombenangriffs vom 24./25. April 1944" in Grötzingen

Der Torbogen des Gasthauses „Kanne“ im Jahr 1947.

Der Torbogen des Gasthauses „Kanne“ im Jahr 1947.

Medien im Ausland meldeten nach dem 25. April 1944 lapidar: "Das Dorf Grötzingen ist zerstört." Eigentlich, wenn es nach dem englischen Bomber Command in High Wycombe gegangen wäre, hätte es heißen sollen: "Karlsruhe ist zerstört." Die Erwartung war berechtigt: 666 Flugzeuge mit 1151 bis u 4 Tonnen schweren Spreng­bom­ben und 373 206 Brand­bom­ben waren aufgeboten - das größte je auf Karlsruhe angesetz­te Vernich­tungs­po­ten­tial. Das Schicksal der Stadt schien besiegelt.

Aber es kam anders. Kurz nach Mitter­nacht, minuten­genau zur Zeit des Angriffs­be­ginns, erreichte die Region ein Wetter­sturz mit einem Gewit­ter­sturm, der die Himmel- und Boden­mar­kie­run­gen der Pilot­flug­zeuge nach Osten abtrieb. Sturmböen und jagende Wolken­berge brachten Zeitplan und Orien­tie­rung vollends durch­ein­an­der. So wurde die Bomben­last entweder nach falschen Markie­run­gen, blindlings nach Gutdünken oder überhaupt erst auf dem Rückweg abgeladen. Karlsruhe war gerettet!

Umso schlimmer traf es das östliche Umland, besonders das Dreieck Rintheim - Hagsfeld - Grötzingen, auf das ca. 300 Luftminen und Spreng­bom­ben und zehntau­sende von Brand­bom­ben nieder­gin­gen. Über Grötzingen schlugen die Flammen zusammen, gespeist von ca. 400 Brand­her­den. 40 Minuten lang schlugen die Bomben ein, aber noch Stunden später erschüt­ter­ten Explo­sio­nen in der Muniti­ons­fa­brik das Dorf. Die Einwohner - haupt­säch­lich Frauen - und bald auch 13 Feuer­weh­ren versuchten zu retten, was zu retten war. Mit nur drei Todesop­fern war Grötzingen vergleichs­weise glimpf­lich davon­ge­kom­men. In dem noch landwirt­schaft­lich geprägten Dorf kamen trotz aller Bemühungen über 1000 Stück Kleinvieh zu Tode.

Ein Viertel des Dorfes war völlig zerstört. Dazu gehörten ein Schul­ge­bäude, die Festhalle, die Sparkasse, die Kelter, die meisten alten Tradi­ti­ons­gast­häu­ser: Kanne, Schwanen, Bären, Linde, Laub, Engel. 58 Wohnhäuser waren praktisch verschwun­den, 126 schwer beschädigt, fast 300 leichter. Dazu kamen Hunderte zerstörter Ställe, Scheunen und Schuppen. Das Zufällige der Bomben­ab­würfe hatte das charak­te­ris­ti­sche Ergebnis, dass nicht komplette Quartiere abbrannten, sondern viele einzelne kleinere oder größere Lücken entstanden, die in den folgenden Jahren möglichst schnell und oft genug provi­so­risch wieder gefüllt wurden. Das war natürlich das Ende der heilen Maler­dor­fi­dylle. Wer seitdem einen immer noch sehens­wer­ten Ausschnitt an Fachwer­kro­man­tik malen oder fotogra­fie­rend aufs Bild bekommen möchte, muss aufpassen, das er nicht rechts oder links ein Stück Lücken­bü­ßer mit einfängt.

Auf der Führung durch einen betrof­fe­nen Teilbe­reich im Zentrum des alten Dorfes soll versucht werden, am heutigen Erschei­nungs­bild Spuren einer 61 Jahre alten Geschich­te abzulesen. Dabei sollen Berichte von Zeitzeugen über die baulichen Aspekte hinaus etwas von den mit Zerstörung und Wieder­auf­bau verknüpf­ten mensch­li­chen Dramen in Erinne­rung rufen.

Text: Dr. Peter Güß, Heimat­freunde Grötzingen