Sprung zur Navigation. Sprung zum Inhalt.

Karlsruhe: Stadtgeschichte

Landgraben

zurück zur Übersicht

Der Landgraben - unterirdisch, 1878-1885

Landgraben am Lameyplatz

Landgraben am Lameyplatz

Der Karlsruher Landgraben ist in gewisser Hinsicht das älteste und längste Bauwerk der Stadt Karlsruhe. Im Folgenden ein kurzer geschicht­li­cher Abriss hierzu: 1588 war der Baubeginn des künst­li­chen Wasser­laufs „Land­gra­ben“ unter Markgraf Ernst Friedrich vom Schloss Gottesaue bis zur Alb in Mühlburg. Der offene Landgraben diente zur Entwäs­se­rung der Niede­rungs­ge­biete zwischen Durlach und Ettlingen sowie zur Ableitung von Albhoch­wäs­sern In der 1715 neu gegrün­de­ten Stadt Karlsruhe durchfloss der Landgraben als einziges Gewässer das entste­hende Stadt­ge­biet von Osten nach Westen.

Landgraben am Lameyplatz 1768 wurde der Landgraben nach Osten bis zur Pfinz verlängert durch den so genannten „Stein­ka­nal“. Dieser Kanal diente zum Stein- und Holztrans­port aus dem Pfinztal und zur Hochwas­ser­ent­las­tung der Pfinz. Außer Fäkalien war den Bürgern erlaubt, alle anderen flüssigen Abgänge wie Küchen- und Badewasser in den Landgraben einzu­lei­ten. Der Entwäs­se­rungs­ka­nal wurde zum Abwas­ser­gra­ben. Die Situation verschärfte sich, als 1794 der Markgraf einem Müller in Mühlburg die folgen­schwe­re Konzession erteilte, am Landgraben eine Mühle zu errichten. Der ständige Stau von einem Meter Höhe brachte eine schnelle Verschlam­mung des Gewässers mit sich. Bei niedrigem Wasser­stand gab es in den Sommer­mo­na­ten erheb­li­che Geruchs­be­läs­ti­gun­gen. Bei hohem Wasser­stand wurden die anlie­gen­den Gebäude durchnässt bzw. überschwemmt. Für die dringend erfor­der­li­chen Gewäs­ser­rei­ni­gun­gen fehlte meist das Geld.

Um das Jahr 1866 schilderte der Karlsruher Dichter Heinrich Vierordt die Zustände der Abwas­ser­be­sei­ti­gung so: „Noch rann, trägflüs­sig und trübflutig, der übelduf­ten­de Landgraben unüber­wölbt und überall sichtbar durch die Stadt. Sah man von der Straße hinab auf das schwärz­li­che unheim­li­che Gewässer, darauf zerfetzte Zeitungen, abgebro­chene Besenstiele, tote Katzen und ähnlich stolze Geschwader dem Rhein zu gen Niederland trieben, mochte man beinahe wähnen, in das Tal des Styx hinun­ter­zu­star­ren ...“

Ein Gewölbe über dem Graben minderte die Beläs­ti­gun­gen. Die Anwohner bezahlten die Bauar­bei­ten, erhielten dafür das Eigen­tums­recht an der Graben­flä­che und waren so den Gestank los. Bis 1877 wurden etwa vierzehn Kilometer Straßen­kanäle, so genannte „Dohlen“ gebaut, die das Straßen­was­ser vom Stadt­zen­trum auf dem kürzesten Wege zum Landgra­ben abführten.

Der Landgraben: „Haupt­ader“ der Entsorgung

Seit Beginn des 19. Jahrhun­derts bemühten sich Planer und Gutachter, für das Problem Landgraben eine Lösung zu finden. Auch Oberst Tulla beschäf­tigte sich damit. Die Reali­sie­rung scheiterte an der unumgäng­li­chen Vertiefung der Entsor­gungs­ader. Widerstand leisteten auch die anlie­gen­den Hausei­gen­tü­mer, die bei einer Vertiefung Gebäu­de­schä­den erwarteten, sich aber auch gegen eine Vertiefung ihrer Hausfun­da­mente wehrten. Ferner fehlte der Stadt das erfor­der­li­che Geld.

Im Jahre 1877 erhielt Stadt­bau­meis­ter Hermann Schück vom Stadtrat der Residenz Karlsruhe den Auftrag, „unter Bewil­li­gung der nötigen Mittel zur Vornahme von umfang­rei­chen Vorar­bei­ten“ ein Kanali­sa­ti­ons­pro­jekt auszu­ar­bei­ten. Schück schlug vor, den Landgraben als Haupt­sam­mel­ka­nal auszubauen, die Sohle zu vertiefen und als Nieder­was­ser­rinne zu befestigen.

Mit der Landgra­ben­kor­rek­tur war der Grundstein für eine moderne Kanali­sa­tion gelegt. Ab dem Jahre 1883 wurde mit dem syste­ma­ti­schen Ausbau des Kanal­net­zes begonnen. Das alte „Dohlen“-System musste zum größten Teil aufgegeben werden, da es nicht in das geplante Kanalnetz passte.

Die Schücksche Lösung sah zunächst noch keine Fäkali­en­ab­schwem­mung aus den Häusern vor. Es blieb beim Gruben­be­trieb, da man die Einführung von Wasser­klo­setts für die arbeitende Bevöl­ke­rung für zu kostspie­lig hielt. Zum anderen scheute man sich, die Fäkalien direkt in die Flüsse einzu­lei­ten. Dennoch beschwer­ten sich zum Beispiel Knielinger Wasch­frauen über Fäkalien, die in der Alb vorbei­schwam­men.

Nachdem die Stadt die Wasser­rechte von dem Müller am Landgraben für 70.000 Mark erworben hatte, konnte bis 1885 diese „Land­gra­ben­kor­rek­tion“ durch­ge­führt werden. So entstand mit einem Querschnitt von siebzehn Quadrat­me­tern der zur damaligen Zeit zweit­größte Abwas­ser­sam­mel­ka­nal in Europa. Mit einer „Kahn­par­tie“ übergab Großherzog Friedrich I. das unter­ir­di­sche Bauwerk seiner Bestimmung.

Nachdem sich aber die Einführung der wasser­ge­spül­ten Klosetts schneller durch­setzte als erwartet, genehmigte der Bürge­raus­schuss 1893 den Ausbau der Kanali­sa­tion für die Fäkali­en­ab­schwem­mung. Vorgesehen wurde der Bau - eines Vorflut­ka­nals zum Rhein - eines östlichen und westli­chen Kanals zur Entlastung des Landgra­bens - eines Pfinz­spül­ka­nals vom Osten der Stadt bis zum Durlacher Tor - eines mecha­ni­schen Siebwerkes am jetzigen Standort des Klärwerks. Der gesamte Aufwand betrug 4,2 Millionen Mark. Das Klärwerk nahm 1913 seinen Betrieb auf. Der Ausbau der Sammel­kanäle wurde erst 1920 abgeschlos­sen.

Seit Oktober 2002 kann inter­es­sier­ten Besucher­grup­pen der Blick in die „Unter­welt“ gewährt werden. In einem unter­ir­di­schen, klima­ti­sier­ten Besucher­raum neben dem Landgra­ben­ein­stieg am Lameyplatz wird durch Präsen­ta­tio­nen ein Einblick in die Geschichte der Karls­ru­her Stadt­ent­wäs­se­rung und des Landgra­bens gegeben. Im Anschluss ist die Besich­ti­gung des histo­ri­schen Landgra­bens über einen Besucher­steg direkt über dem Fließ­ge­rinne möglich.

Text: Paul-Gerhard Reinle, Tiefbauamt