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Karlsruhe: Stadtgeschichte

Waldstraße 17 - Das älteste bislang bekannte Modellhaus Karlsruhes

Waldstraße 17, Innenstadt

Das teilun­ter­kel­lerte Gebäude stammt in seinem Kern aus der Gründungs­phase der Stadt Karlsruhe und wurde 1718 (d) als einge­schos­si­ges Reihenhaus mit vier Fenster­ach­sen und Mansard­dach errichtet. Die verzapfte Fachwerk­kon­struk­tion aus Kiefern­holz wurde mit Lehmge­flecht ausgefacht und seine Holzbal­ken­de­cken mit Stroh­lehm­wi­ckeln ausgestakt. Derzeit ist es das älteste bekannte Gebäude in Karls­ru­hes Innenstadt. Bis zu dem genannten Jahr waren in den Fächer­stra­ßen insgesamt 60 Gebäude errichtet worden. Zusammen mit den Gebäuden der Waldstraße 5 und 7, diese stammen in ihrem Kern von 1719 (d), bildet es demnach den "Sied­lungs­kern" in der Waldstraße.

Straßenfassade, Foto: Säubert, Karlsruhe

Straßenfassade, Foto: Säubert, Karlsruhe


Um 1756 (a) wurde dem Mansard­dach eine durch­ge­hende Gaupe aufgesetzt, um eine zweites Vollge­schoß vorzutäu­schen. Diese Maßnahme ist vor dem Hinter­grund der neuen Bauordnung aus den 1750er Jahren zu sehen, mit welcher das städti­sche Erschei­nungs­bild verein­heit­licht werden sollte. Eine gute Vorstel­lung wie die Waldstraße 17 nach dieser Fassa­den­kos­me­tik aussah, gewinnt man im Vergleich mit dem Gebäude in der Waldstraße 9, welches 1722 (d) errichtet wurde und sich noch heute in dieser Entwick­lungs­stu­fe befindet.

Seine heutige Kubatur erhielt das Gebäude im Jahre 1797 (d), vermutlich unter dem ersten nachweis­ba­ren Eigentümer, einem Friseur namens Pfeiffer. Er ließ ein echtes Oberge­schoss, verbunden mit einem neuen Sattel­dach aufsetzen. Die einge­bau­ten Fenster­ge­wände tragen das Stein­metz­zei­chen "F". Im Zuge dieser Maßnahme wurde auf der Garten­seite ein offener und ca. 1,0 Meter breiter Lauben­gang angefügt. Wegen der oben genannten Bauordnung wurde spätestens jetzt die erdge­schos­sige Schau­fassade in Massiv­bau­weise erneuert.

Im Lageplan von 1893 trägt das Grundstück die Flurstücks­num­mer 248. Darin sind ein Hofbrunnen sowie ein hübsch angelegter Ziergarten zu erkennen, wovon es im ganzen Baublock lediglich zwei Stück gab. Der Grund­stücksan­teil mit dem Durchgang zum Hof schiebt sich in voller Breite und Länge auf das Nachbar­grund­stück. Dies legt den Schluss nahe, dass die Gärten der Waldstraße 17 und 15 ursprüng­lich gemein­schaft­lich erschlos­sen waren. Weiter erklärt sich dadurch auch der unregel­mä­ßige Fenster­ab­stand an der straßen­sei­ti­gen Fassade.

Aufgrund eines Zimmer­bran­des mussten 1866 (d) Teile der Decke im Oberge­schoß erneuert werden. Unter der Ägide des Metzgers Friedrich Gromer wurde 1885 (d) der Laden­ein­bau vergrößert und die Straßen­fassade entspre­chend umgestal­tet. Weiter wurde auch der Grund­riss­zu­schnitt im Oberge­schoss verändert. Bereits 1887 (d) baute Gromer im Dachge­schoss mehrere Zimmer ein und errichtete die heute noch vorhan­de­nen Dachgauben. Sein Nachfolger, der Schuh­ma­cher­meis­ter Johann Albiez, vergrö­ßerte 1924 die Laden­flä­che und veränderte die Straßen­fassade, so dass diese ihr heutiges Aussehen erhielt.

Querschnitt, Säubert, Karlsruhe

Querschnitt, Säubert, Karlsruhe


Das teilun­ter­kel­lerte Rückge­bäude mit zwei Vollge­schos­sen und steilem Satteldach wurde 1801 (d) errichtet und ist nahezu unver­än­dert auf uns gekommen. Von der erbau­ungs­zeit­li­chen Ausstat­tung sind noch eine Tür und ein Fenster erhalten. Bemer­kens­wert sind hier die Decken­kon­struk­tio­nen über dem Erd- und Oberge­schoss. Es handelt sich hier um Vollholz­de­cken aus mittig aufge­trenn­ten Baumstäm­men. Diese Halbstämme sind Seit an Seit verlegt. Der langge­streckte und schmale Seitenbau mit zwei Vollge­schos­sen und Pultdach wurde im 19. Jahrhun­dert errichtet.

Thomas Kellner, der Inhaber der Braun’­schen Univer­si­täts­buch­hand­lung, richtet ab 1978 ein Antiqua­riat ein. Die erfor­der­li­chen Umbau- und Instand­set­zungs­ar­bei­ten werden vom Archi­tek­ten Gernot Bayne durch­ge­führt. Nach Auflösung der Buchhand­lung übernimmt Dr. Raimund Vögtle das Gebäude und baut es in den Jahren 2007/2008 mit der Archi­tek­tin Marija Glucker zu einer Galerie mit Studen­ten­woh­nun­gen um.

Dendro­chro­no­lo­gie – eine Methode der Baufor­schung


Die im Text aufge­führ­ten Jahres­zah­len mit dem Vermerk (d) wurden über eine dendro­chro­no­lo­gi­sche Datierung gewonnen. Dies ist ein jahrge­naues Datie­rungs­ver­fah­ren über die Ausmessung von Jahrringen bei Baumschei­ben oder Bohrkernen. Jeder Baum bildet seinen jährlichen Holzzu­wachs aus zwei, jeweils im Sommer und Winter entstan­de­nen Schichten. Die Breite dieser Jahrringe entwickelt sich, abhängig von den Wachs­tums­be­din­gun­gen wie Klima, Boden­be­schaf­fen­heit und Wasser­zu­fuhr, in unter­schied­li­cher Stärke. In einer Region entstehen für Bäume der gleichen Art somit typische Abfolgen von Jahrringen. Diese Abfolgen sind für Bäume des gleichen Wachs­tums­zeit­rau­mes ähnlich. Bäume, die teilweise zur gleichen Zeit existier­ten, können somit in Beziehung gesetzt werden. Die Univer­si­tät Hohenheim hat zum Beispiel für Eichen eine lückenlose Chrono­lo­gie bis in das Jahr 8022 v. Chr. erstellt. Mit Hilfe solcher Standard­chro­no­lo­gien, die für verschie­dene Holzarten vorliegen, können Holzpro­ben unbekann­ten Alters jahrgenau datiert werden.

Isometrie, Säubert, Karlsruhe

Isometrie, Säubert, Karlsruhe


Anhand der beobach­te­ten Befunde, stilis­ti­scher Merkmale und den archi­va­li­schen Ergeb­nis­sen über das Gebäude konnte eine Abfolge mehrerer Bauphasen statuiert werden, zum Teil jedoch ohne Aussage über deren tatsäch­li­che Entste­hungs­zeit. Um eine absolute zeitliche Ordnung zu bekommen, wurden elf Bohrkerne sowie zweiund­zwan­zig Holzschei­ben entnommen und im Jahrringla­bor Jutta Hofmann, Nürtingen, dendro­chro­no­lo­gisch ausge­wer­tet. Dabei handelte es sich um drei Eichen, sieben Tannen und 23 Kiefern. Eine Proben­ent­nahme und -auswer­tung ist jedoch nur sinnvoll, wenn der Gefüge­auf­bau bereits bekannt ist. Dabei ist darauf zu achten, eventuell wieder­ver­wen­dete Hölzer zu erkennen und diese aus der Unter­su­chung auszu­schei­den. Gerade in früheren Jahren hat man Bauholz im Winter, während der Saftruhe geschlagen und im Sommer verbaut, daher lässt sich bei bekanntem Fälldatum die Bauzeit ableiten. In unserem Fall wurden die ältesten Bäume im Winter 1717/1718 gefällt und demzufolge im Jahr 1718 verar­bei­tet und eingebaut. Für die Eichen und Tannen konnten problemlos eindeutige Ergebnisse ermittelt werden, während die Kiefern nur schwer datierbar waren. Wie kommt das? Bei Kiefern handelt es sich um Pionier­pflan­zen, die auch unter schlechten klima­ti­schen Bedin­gun­gen wachsen und deshalb oft unsym­me­tri­sche Jahrringe bilden. Im vorlie­gen­den Fall kommt noch die geringe Anzahl von Jahrringen hinzu. Um trotzdem eine sichere Datierung zu ermög­li­chen wurde die Anzahl der Proben erhöht.

Text: Bernd F. Säubert, Architekt, Baufor­scher