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Karlsruhe: Stadtgeschichte

"Das Schloss Karlsruhe – Baugeschichte und Stadtanlage"

Schlossbezirk 1, Innenstadt

Die Geschichte vom schla­fen­den und von einem Fächer träumenden Markgrafen Karl Wilhelm, dem so der weltbe­rühm­te Grundriss der Stadt Karlsruhe in den Sinn kam, ist nur eine schöne Legende. Die Gründung und Gestaltung von Schloss und Stadt Karlsruhe war vielmehr eine sehr bewusste plane­ri­sche und macht­po­li­ti­sche Angele­gen­heit.

Karlsruhe als Idealstadt

Im Pfälzi­schen Erbfol­ge­krieg wurde 1689 die Residenz der Markgrafen von Baden-Durlach, die Karlsburg in Durlach, weitgehend zerstört. Markgraf Karl Wilhelm stand damit vor der Alter­na­tive, die Karlsburg wieder aufzubauen oder eine neue Schloss­an­lage zu bauen.

Prospekt der Residenzstadt Karlsruhe<br />Heinrich Schwartz, Karlsruhe 1721<br />Foto: Badisches Landesmuseum Karlsruhe

Prospekt der Residenzstadt Karlsruhe
Heinrich Schwartz, Karlsruhe 1721
Foto: Badisches Landesmuseum Karlsruhe


Er entschied sich für letzteres und folgte damit unmit­tel­bar einem staats- und kultur­po­li­ti­schen Trend seiner Zeit: Nach dem Vorbild des vom franzö­si­schen "Sonnen­kö­nig" Ludwig XIV. vor den Toren von Paris errich­te­ten Versail­les machten sich auch die deutschen Fürsten zu Beginn des 18. Jahrhun­derts daran, räumlich ausgrei­fende neue Residenzen in der freien Ebene zu errichten. Im deutschen Südwesten entstanden so die Schlösser Ludwigs­burg, Rastatt (gebaut durch den Markgraf von Baden-Baden aus der katho­li­schen Linie des Hauses Baden) und eben Karlsruhe. 1715 fiel die Entschei­dung, kein Jagdge­bäude, sondern eine Residenz mit Schloss und Stadt zu errichten. Die Grund­stein­le­gung für "Carols Ruhe" erfolgte am 17. Juni 1715. Am selben Tag stiftete Markgraf Karl Wilhelm den Hausorden der Treue (Fidelitas-Orden).

Die Gründung von Stadt und Schloss Karlsruhe geht auf 1714 durch­ge­führte Planungen für ein Jagdge­bäude im weitge­hend unbesie­del­ten Hardtwald zurück. Zur Erschlie­ßung des Waldes wählte man ein kreis­för­mi­ges Wegenetz mit 32 Radial­stra­ßen, die in einigem Abstand zum Zentrum durch eine Zirkel­stra­ße mitein­an­der verbunden waren und weit nach Norden hinaus­reich­ten. Dieses Wegenetz entsprach den im 17. Jahrhun­dert üblichen Praktiken zur Erschlie­ßung des um ein Jagdge­bäude gelegenen Geländes.

Planender Architekt von "Carols Ruhe" war Jakob Friedrich von Batzen­dorff aus Durlach; Bauleiter der Hamburger Heinrich Schwartz. Ein freiste­hen­der, achte­cki­ger Turm bildet seit damals das Zentrum der gesamten Anlage: wie ein Strah­len­kranz gehen von diesem Turm die 32 Radial­stra­ßen aus. Dieser schon 1718 fertig gestellte Turm wurde durch eine mehrstö­ckige Galerie mit dem in typischer barocker Gestal­tungs­weise errich­te­ten Schloss verbunden. Charak­te­ris­tisch für dieses Schloss waren – und sind bis heute– seine schräg gestellten Flügel.

Das Residenz­schloss

Das erste Karlsruher Schloss wurde mit sparsamen Mitteln und zum Teil schlechtem Bauma­te­rial errichtet. Es erhielt zwei Stockwerke und ein Mansar­den­dach. Seine beiden Flügel gediehen unter­schied­lich lang. Neben den herrschaft­li­chen Gemächern gab es im Schloss ein Opernhaus, einen Ballsaal und eine Kapelle. Hinter dem Schloss wurden in einem Dreivier­tel­kreis zwanzig Pavil­lon­bau­ten errichtet, die verschie­dene Funktionen hatten (z. B. Waschhaus, Handwer­ker­woh­nung). Parallel zur nördlichen Seite der Schloss­flü­gel erstreck­ten sich weitere Gebäude, die als Orangerien und Stallungen dienten.

Bereits Mitte des 18. Jahrhun­derts war das Karls­ru­her Schloss baufällig geworden. So musste Markgraf Karl Friedrich, der 1746 die Nachfolge seines Großvaters Karl Wilhelm antrat, grund­le­gende Umbau­maß­nah­men durch­füh­ren. Unter Karl Friedrich erhielt das Karlsruher Schloss die Form, in der es sich auch heute – also in der nach der Zerstörung im Zweiten Weltkrieg rekon­stru­ier­ten Form – präsen­tiert.

Die Stadt "Carols Ruhe"

Am 24. September 1715 erließ Markgraf Karl Wilhelm einen Privi­le­gien­brief. Durch die Gewährung besonderer Rechte – wie Religi­ons­frei­heit, unabhän­gige Justiz, Steuer­be­frei­ung, Befreiung von Leibei­gen­schaft – sollten Ansied­lungs­wil­li­ge für die Gründung einer Stadt angelockt werden. Im Gegenzug mussten sich die Neubürger von Karlsruhe einem vorge­ge­be­nen, einheit­li­chen Gestal­tungs­mo­dell der Stadt unter­wer­fen.

Das besondere an Karlsruhe ist der einzig­ar­ti­ge Stadt­grund­riss, obwohl aus der oben beschrie­be­nen Jagds­ter­n­an­lage die Gestalt der "Fächer­stadt" logisch hervorging. Aus den 32, von den Radial­stra­ßen gebil­de­ten Segmenten wurden acht nach Süden ausge­rich­tete Felder zur Bebauung bestimmt – und zwar diejenigen, die innerhalb des von den Flügeln des Schlosses gebildeten Winkels lagen. Fächer­för­mig erstreckte sich die Stadt bis zu einer Landstraße, die von Durlach nach Mühlburg führte, der heutigen Kaiser­straße. Dabei bildete die Stadt zwischen Schlos­sturm und Landstraße die Form eines gleich­schenk­li­gen Dreiecks.

Die Bebauung folgte ganz der absolu­tis­ti­schen Hierarchie: Der Markgraf residierte im Schloss, das die dominante Mitte der Gesamt­an­lage bildete und das größte, höchste, vornehms­te Gebäude der gesamten Anlage war. Ungewöhn­lich für das 18. Jahrhun­dert war es, dass nicht hinter, sondern vor dem Schloss ein Barock­gar­ten angelegt wurde. Für diesen Garten schaffte der Hofgärtner Christian Thran bei weiten Reisen exotische Pflanzen, vor allem Tulpen, herbei. Der absolu­tis­ti­schen Denkweise entspre­chend, sorgte der Garten für einen gebüh­ren­den Abstand der Bewohner Karlsruhes zur Residenz des Markgrafen. So wurden erst am Zirkel Häuser für die in der Hierarchie des 18. Jahrhun­derts dem Fürsten­haus am nächsten stehende Gesell­schafts­gruppe errichtet, also für den Adel und für hohe Beamte. Sie bauten Häuser mit zwei Stock­wer­ken und Mansar­den­dach, die deutlich niedriger waren als das Schloss. In noch weiterer Entfernung zum Schloss konnten die Bürger ihre einstö­cki­gen Häuser mit Mansar­den­dach bauen.

Die drei mittleren Straßen der Karlsruher Stadt­an­la­ge sollten – so die Planung – zu drei Kirchen­bau­ten führen: 1722 wurde die größte dieser Kirchen, die Konkor­dien­kir­che der evange­lisch-luthe­ri­schen Gemeinde fertig gestellt. Die markgräf­li­che Familie gehörte dieser Glaubens­ge­mein­schaft an. In der Gruft der Konkor­dien­kir­che wurde 1738 der Stadt­grün­der Markgraf Karl Wilhelm beigesetzt; diese Stelle ist heute durch die Pyramide auf dem Marktplatz markiert. Östlich davon, an der Kreuz­straße, wurde bis 1721 eine Kirche der refor­mier­ten Gemeinde errichtet, die heutige Kleine Kirche. Markgraf Karl Wilhelm schenkte diese Kirche seiner Schwie­ger­toch­ter Amalie, die der refor­mier­ten Kirche angehörte. Nicht errichtet wurde die westlich der Konkor­dien­kir­che an der Lammstraße geplante Kirche der katho­li­schen Gemeinde.

Markgraf Karl Wilhelm gestand 1722 den Bürgern von Karlsruhe zu, einen Bürger­meis­ter, ein Gericht, einen Rat zu wählen und ein Rathaus zu bauen. Dieses wurde ab 1728 an einem promi­nen­ten Platz, nämlich in der zentralen Achse der Stadt neben der Konkor­dien­kir­che errichtet.

Insgesamt nimmt Karlsruhe in der Geschichte der grund­riss­ge­stal­te­ten Ideal­stadt­pla­nung einen besonderen, einzig­ar­ti­gen Platz ein.

Text: Dr. Jutta Dresch, Badisches Landes­mu­se­um Karlsruhe