Sprung zur Navigation. Sprung zum Inhalt.

Karlsruhe: Stadtgeschichte

Badisches Landesmuseum

Schlossbezirk 1, Innenstadt

Der römische Keller von Wössingen – "Bewegte" Geschich­te eines Bauwerks

Sammlungs­aus­stel­lung "Römer am Oberrhein"

Keller eines römischen Gutshofes (villa rustica)
Inv. 68/121
Walzbachtal-Wössingen (Kr. Karlsruhe), Mitte 2. Jh. - 2. Hälfte 3. Jh. n. Chr.
Buntsand­stein, Kalkmörtel


Eine Beson­der­heit der provin­zi­al­rö­mi­schen Sammlung des Badischen Landes­mu­se­ums stellt der Keller eines römischen Gutshofes aus Wössingen dar. Der im Sommer 1966 bei der Anlage einer Wasser­lei­tung für ein Neubau­ge­biet im Gewann "Früh­meß­gär­ten" von einem Bagger angeris­sene Keller gilt als ein besonders eindrucks­vol­les Beispiel für einen fast ganz erhaltenen römischen Raum. Dennoch war den Bemühungen des damaligen Staat­li­chen Amtes für Denkmal­pflege, diesen an Ort und Stelle zu konser­vie­ren, kein Erfolg beschieden. Um das Bauwerk vor der Zerstörung zu bewahren, traf man die Entschei­dung zu einer außer­ge­wöhn­li­chen Rettungs­ak­tion: Der Keller sollte vollstän­dig abgetragen und im Badischen Landes­mu­seum wieder aufgebaut werden.
Zu diesem Zweck wurden seine Mauern am Fundort in sieben gewaltige Blöcke zerlegt, indem man die Binder jeder zweiten Mauer­werks­schicht entfernte. Anschlie­ßend wurde das Mauerwerk vollstän­dig frei gebaggert und mit Beton­plat­ten verschalt, welche mit Baustahl­ge­webe armiert waren. Die Größe und Beschaf­fen­heit der etwa 8 bis 10 Tonnen schweren Trans­port­blö­cke musste die Wandglie­de­rung des Kellers ebenso wie die baulichen Beson­der­hei­ten des Karlsruher Schlosses berück­sich­ti­gen. Denn die römischen Gebäu­de­par­tien mussten durch einen relativ schmalen Aufzugs­schacht in dessen Unter­ge­schoss verbracht werden.

Am Aufstel­lungs­platz, der wegen der beschränk­ten Raumhöhe keinen Kran zuließ, wurden die Einzel­teile mittels eines kompli­zier­ten Seilzug­sys­tems erneut zusam­men­fügt. Auf diese Weise war es möglich, den Verbund des fast 2000 Jahre alten originalen Mauerwerks abschnitts­weise zu erhalten. Dessen großar­ti­ges Erschei­nungs­bild, das bei einem Stein-für-Stein-Abbau verloren gegangen wäre, kann heute von den Besuchern der Sammlungs­aus­stel­lung "Römer am Oberrhein" bestaunt werden. Die Keller­wände besitzen eine für die Römerzeit charak­te­ris­ti­sche Gestaltung. Sie sind durch Rundbo­gen­nis­chen, die mit Stein­kei­len überwölbt sind, sowie durch schräge Licht- und Luftschächte, welche in schmale Fenster­öff­nun­gen münden, vielfach gegliedert. Die in gleich­mä­ßi­gem Handqua­der­mau­er­werk aus Buntstand­stein aufge­führ­ten Sichtwände weisen zudem einen dekora­ti­ven Fugen­ver­putz aus Kalkmörtel auf, in den ein rot ausge­mal­ter Fugen­strich einge­drückt wurde.

Der Keller, der ein im Grundriss etwas verscho­be­nes Rechteck mit den lichten Seiten­ma­ßen 5,85 m bzw. 5,55 m auf der Süd- und Nord-, je 4,15 m auf der West- und Ostseite darstellte, gehörte zu einem größeren Gutshof bzw. Villen­kom­plex (villa rustica). Dieser wurde bereits Ende des 19. Jh. partiell erforscht, der Keller jedoch war damals nicht entdeckt worden. Mögli­cher­weise entsprach das Anwesen dem Gebäu­de­ty­pus einer sog. Risalit­villa. Derartige Anlagen weisen in der Regel Haupt­ge­bäude auf, die aus einem zentralen, häufig von einer Säulen­halle beglei­te­ten Mittel­trakt bestehen und von zwei seitlich vorkra­gen­den Gebäu­de­tei­len flankiert werden. Der unter­ir­disch gebaute Keller scheint sich unter dem östlichen Risalit bzw. unter der daran anschlie­ßen­den Säulen­halle befunden zu haben und war über eine Treppe von 22 Stufen zugänglich. Wahrschein­lich wurde die um die Mitte des 2. Jh. n. Chr. angelegte Villa – und mit ihr der Keller – um 260 n. Chr. aufgegeben. Heute zeigt sich das Keller­ge­bäude im Badischen Landes­mu­se­um in einer atmosphä­ri­schen Insze­nie­rung, die den ursprüng­li­chen Raumein­druck, wie er sich in römischer Zeit dargeboten hat, nacher­le­ben lässt. Originale Fundstücke der Römerzeit, darunter ein steinerner Säulen­tisch, aber auch Trans­port­be­häl­ter, Vorrats- und Aufbe­wah­rungs­ge­fäße sowie Tisch­ge­schirr aus Keramik, Glas und Bronze stehen stell­ver­tre­tend für sein einst­ma­li­ges Inventar und vervoll­stän­di­gen seine Einrich­tung.

Literatur:
F. Olheide, Der Keller der römischen Villa von Wössingen, Gewann "Früh­meß­gär­ten", Freiburg 1994 (unpu­bli­zier­te Magis­ter­ar­beit)
E. Wagner, Römische Gebäude von Wössingen, Amt Bretten Veröf­fent­li­chung der Großher­zog­li­chen Badischen Sammlung für Altertums- und Völker­kunde in Karlsruhe 2, 1895, 19-27
A. Dauber, Bergung eines römischen Kellers in Wössingen (Lkrs. Karlsruhe), Nachrich­ten­blatt der Denkmal­pflege in Baden-Württem­berg 11/1, 1968, 2-5

Text: Susanne Erbelding, Badisches Landes­mu­se­um Karlsruhe

Der Abbau des römischen Kellers von Wössingen, Fotos: Regierungspräsidium Karlsruhe, Referat 25 - Denkmalpflege

Der Abbau des römischen Kellers von Wössingen, Fotos: Regierungspräsidium Karlsruhe, Referat 25 - Denkmalpflege

Der Abbau des römischen Kellers von Wössingen, Fotos: Regierungspräsidium Karlsruhe, Referat 25 - Denkmalpflege

Der Abbau des römischen Kellers von Wössingen, Fotos: Regierungspräsidium Karlsruhe, Referat 25 - Denkmalpflege

Der Abbau des römischen Kellers von Wössingen, Fotos: Regierungspräsidium Karlsruhe, Referat 25 - Denkmalpflege

Der Abbau des römischen Kellers von Wössingen, Fotos: Regierungspräsidium Karlsruhe, Referat 25 - Denkmalpflege

Der Wössinger Keller in der Sammlungsausstellung „Römer am Oberrhein“ im Badischen Landesmuseum, Karlsruhe, Fotos: Thomas Goldschmidt, Badisches Landesmuseum Karlsruhe

Der Wössinger Keller in der Sammlungsausstellung „Römer am Oberrhein“ im Badischen Landesmuseum, Karlsruhe, Fotos: Thomas Goldschmidt, Badisches Landesmuseum Karlsruhe

Der Wössinger Keller in der Sammlungsausstellung „Römer am Oberrhein“ im Badischen Landesmuseum, Karlsruhe, Fotos: Thomas Goldschmidt, Badisches Landesmuseum Karlsruhe

Der Wössinger Keller in der Sammlungsausstellung „Römer am Oberrhein“ im Badischen Landesmuseum, Karlsruhe, Fotos: Thomas Goldschmidt, Badisches Landesmuseum Karlsruhe