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Karlsruhe: Stadtgeschichte

Die Hans-Thoma-Kapelle in der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe

Hans-Thoma-Straße 2, Innenstadt

Eingang zur Thoma-Kapelle, Zustand vor dem Zweiten Weltkrieg

Eingang zur Thoma-Kapelle, Zustand vor dem Zweiten Weltkrieg

Der 1839 in Bernau (Schwarz­wald) geborene, in Karlsruhe unter Johann Wilhelm Schirmer ausge­bil­dete und seit 1879 in Frankfurt ansässige Maler Hans Thoma genoss gegen Ende des 19. Jahrhun­derts einen großen Ruf: Vielen galt er als der bedeu­tendste Vertreter der badischen Kunst. Seine Werke waren in ganz Deutsch­land beliebt, besonders populär die Motive aus dem heimat­li­chen Schwarz­wald. Großher­zog Friedrich I. bemühte sich deshalb, Thoma zu einer Übersied­lung nach Karlsruhe zu bewegen, um die Identität seiner Residenz­stadt durch einen berühmten Sohn des Landes zu stärken und ihr neuen Glanz zu verleihen. 1899 folgte der Meister dem Ruf des Monarchen und nahm die Direk­to­ren­stel­le der Kunsthalle an. Der Sechzig­jäh­rige bezog eine Wohnung mit Atelier in dem an Heinrich Hübschs Kunsthalle von 1846 angren­zen­den alten Akade­mie­ge­bäude. Um die Amtsge­schäfte als Galerie­di­rek­tor kümmerte er sich nur beiläufig. Auch seine Professur an der Akademie, mit der mehr Rechte als Pflichten verbunden waren, ließ ihm viel Zeit für eigene Arbeit.

Fünf Jahre nach Thomas Berufung regte der Großherzog ein eigen­stän­di­ges, wenn auch mit der Kunsthalle verbun­de­nes Thoma-Museum an, in dem ältere und neuere, ja sogar eigens für diesen Zweck geschaf­fene Werke des Meisters gezeigt werden sollten. Thoma, der sich schon seit längerem mit dem Gedanken an einen großen Gemäl­de­zy­klus getragen hatte, machte sich Ende 1904 an die Arbeit. Als Thema stand schon bald das Leben Christi – von der Geburt bis zur Aufer­ste­hung – fest. Doch die Fertig­stel­lung der einzelnen Gemälde zog sich hin: Der alternde Thoma tat sich schwer, sah er in dem Zyklus doch sein künst­le­ri­sches und geistiges Testament. Anfang 1907 drängte der Großherzog zur Eile, da der Neubau nicht nur auf Thomas Werke abgestimmt, sondern auch zu dessen 70. Geburtstag 1909 fertig sein sollte.

Blick in die Thoma-Kapelle, heutiger Zustand

Blick in die Thoma-Kapelle, heutiger Zustand

Bald darauf begann der Architekt Heinrich Amersbach mit den Entwürfen für das Thoma-Museum. Sein erster Plan, der einen langge­streck­ten einstö­cki­gen Pavillon im botani­schen Garten vorsah, wurde vom Großherzog abgelehnt. Als dieser nur wenig später starb, fürchtete man, das Thoma-Museum könnte in Frankfurt statt in Karlsruhe realisiert werden. Doch Friedrich II. unter­stützte das Vorhaben seines verstor­be­nen Vaters. So kam es zu einem zweiten Entwurf. Amersbach plante nun einen neuen Flügel für die Kunsthalle, parallel zum Ursprungs­bau von Hübsch und anschlie­ßend an die Erwei­te­rung von Josef Durm. Für das Thoma-Museum waren die Oberlicht­sä­le im zweiten Oberge­schoß reserviert. In einer dritten Phase wurden diese Pläne modifi­ziert: Das Thoma-Museum sollte nun im Erdgeschoß einge­rich­tet, der zentrale Raum jedoch in den Hof hinein­ge­baut werden. So ließ sich das für den „Leben Christi“-Zyklus gewünschte Oberlicht verwirk­li­chen. Die Separie­rung des oktogo­na­len Saals von den übrigen Räumen ließ diesen zum Sakralraum, zur „Thoma-Kapelle“ werden. Dieser Effekt wurde noch dadurch verstärkt, dass Amersbach den Eingang zum Oktogon archi­tek­to­nisch betonte und einen dunklen Vorraum einschob. Das Eintreten in den lichten Saal sollte für die Besucher zu einem quasi-religiösen Erlebnis werden.

Im Herbst 1908 genehmigte der Großherzog die Pläne. Um das persön­li­che Engagement des Fürsten­hau­ses für das Thoma-Museum zu unter­strei­chen, wurden dessen Kosten von der Hofver­wal­tung getragen, während der Staat für die übrigen Ausgaben aufkam. Im Juli 1909 war der Rohbau fertig. Die Eröffnung konnte recht­zei­tig zu Thomas 70. Geburtstag, am 2. Oktober 1909, gefeiert werden. Die Badische Landes­zei­tung berichtete damals: "Die beiden äußeren Säle sind in einem weißen und grünen, der mittlere größere Saal ist in einem grau-braunen Ton gehalten. Von dem mittleren Saale führen ein paar Stufen hinab zu einem Kuppelbau, dem Aller­hei­ligs­ten des Tempels Thoma´­scher Kunst. Durch einen kleinen in Goldton gehaltenen Vorraum gelangt man in diese Halle. Schon der Eingang bereitet auf die feier­li­che kapel­len­ar­tige Stimmung des Raumes vor."

Grundriss der Kunsthalle mit Thoma-Museum (Säle 29-32), 1910

Grundriss der Kunsthalle mit Thoma-Museum (Säle 29-32), 1910

Der in der Zeitung erwähnte Eingang war von Thoma mit Majolika­ke­ra­mik geschmückt worden. Zu sehen waren Tier- und Pflan­zen­mo­tive, Wunder­vö­gel und – als badische Wappen­tiere – Greifen. Die flankie­ren­den Farbglas­fens­ter nach Thomas Entwürfen zeigten See- und Bergland­schaf­ten (im 2. Weltkrieg zerstört, um 1990 rekon­stru­iert). Im Vorraum stimmten die Symbole für Glaube, Liebe und Hoffnung auf die Kapelle ein. In dieser waren nicht nur die zehn Gemälde zum Leben Christi präsen­tiert, sondern auch Sinnbilder der Monate und der Planeten. Symbo­li­sche Schnit­ze­reien ergänzten dieses kosmische, Zeit und Raum umfassende Programm. Im Rahmen umfang­rei­cher Neu- und Umbau­maß­nah­men 1982-1990 wurde die Thoma-Kapelle nach Entfernung der Ausstat­tung abgerissen und verändert wieder­auf­ge­baut. Doch obwohl sich insbe­son­dere die Eingangs­si­tua­tion heute anders als ursprüng­lich darstellt, ist der alte Gesamtein­druck erhalten.

Thomas „Kapelle“ wird heute kaum noch zu seinen Haupt­wer­ken gezählt: Die Verbindung von Symbo­lis­mus und Realismus, eines hohen gedank­li­chen Anspruchs und einer gewollten Volks­tüm­lich­keit erscheint misslich. Religion wird als Kunst inszeniert, Kunst zur Religion gemacht. Die Verehrung Christi und der Kult um den alternden Künstler vermengen sich auf prekäre Weise. So ist die Thoma-Kapelle heute vor allem ein histo­ri­sches Zeugnis für die Kunst­re­li­gion zu Beginn des 20. Jahrhun­derts, zu einer Zeit also, in der Wassily Kandinsky „das Geistige in der Kunst“ unter­such­te und der Malerei auf ganz moderne, weitgehend abstrakte Weise eine spiri­tu­elle Seite abgewann.

Literatur:
Klaus Gallwitz: Die Thoma-Kapelle der Karls­ru­her Kunsthalle. In: Beiträge zur Kunst­ge­schichte. Eine Festgabe für Heinz Rudolf Rosemann. München 1960, S. 301-322; Wilfried Rößling: Studien zur Bauge­schichte des "Academie-Gebäudes" und der Großher­zog­li­chen Kunsthalle in Karlsruhe. In: Jahrbuch der Staat­li­chen Kunst­samm­lun­gen in Baden-Württem­berg 23 (1986), S. 77-119; Eva-Marina Froitzheim: Hans Thoma (1839-1924). Ein Begleiter durch die Hans-Thoma-Sammlung in der Staat­li­chen Kunsthalle Karlsruhe. Karlsruhe 1993.


Text: Dr. Holger Jacob-Friesen, Staatliche Kunst­hal­le Karlsruhe
Abbil­dun­gen: Staatliche Kunsthalle Karlsruhe