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Karlsruhe: Stadtgeschichte

Blick in die Geschichte Nr. 64 vom 24. September 2004

Carlsruher Blick­punkte

Talfahrt des Merkur?

Als der Bauun­ter­neh­mer, Maurer­meis­ter und Stein­bruch­be­sit­zer August Hörner 1901 das Anwesen Douglasstr. 24 kaufte, hatte sich dort die bauliche Umgebung gerade dramatisch verändert. Das 1862/65 errichtete zweige­schos­sige Haus der Familie Groux, die dort eine Schmiede betrieb, passte mit seinen schmuck­lo­sen vier Fenster­ach­sen und der Hofein­fahrt nicht mehr zu dem 1900 eröffneten neoba­ro­cken Prachtbau der Reichspost. Und hinter der Post entstand nach dem Abriss der Reste der Infan­te­rie­ka­serne 1901, die dem Schmied wohl auch Teil der Existenz­grund­lage war, eine Grünanlage. So hat Hörner das schmale, tiefe Anwesen sicher „auf Abbruch“ gekauft, um hier eine modernes Wohn- und Geschäfts­haus in bester Lage zu errichten.

Der 1904 einge­reichte Bauantrag sah ein Vorderhaus, einen lang gestreck­ten, von der Bauver­wal­tung in der Höhe reduzier­ten Seitenbau und ein einge­schos­si­ges Hinter­haus vor. Als Bauherr und Planfer­ti­ger zeichnete der Inhaber Hörner selbst. Kurz vor Abschluss des Rohbaus, legte er im April 1906 einen neuen Fassa­den­plan vor. Anstelle eines Mittel­ri­sa­lits mit zwei turmar­ti­gen, zum Dach reichen­den Eckpfei­lern ohne Figuren­schmuck, entstand eine Fassade in rotem Buntsand­stein. Der nun breitere Mittel­ri­sa­lit verjüngt sich rechts ab dem 2. Oberge­schoss und leitet mit einem eleganten Schwung in einen schmalen Turmaufbau mit barocker Haube über. Auf dem kurzen Risalit­gie­bel sind zwei Bauplas­ti­ken angebracht.

Ende 1906 war der Bau bezugs­fer­tig. Nach dem Urteil des Denkmal­am­tes aus den 1980er Jahren schuf Hörner damit ein Kultur­denk­mal von "beson­de­rem Rang", "eine künst­le­risch hochwer­tige Jugend­stil­fassa­de", vergleich­bar mit der Hofapo­theke und dem Hoepf­ner­haus am Durlacher Tor. Die Bauakten geben allerdings keine Auskunft darüber, was Hörners Wendung veranlasst hat. Wir wissen nicht, ob er selbst die Idee hatte, vom 1905 einge­weih­ten Brunnen auf dem benach­bar­ten Stephan­platz inspiriert wurde oder sich von einem befreun­de­ten Archi­tek­ten oder Bildhauer beraten ließ. Die Feststel­lung in der Anzei­ge­ei­ner Firma im Hause aus den 1980er Jahren, zwei jüdische Archi­tek­ten hätten das Haus geplant, findet weder in den Bauakten noch im Werkver­zeich­nis von Curjel&Moser, an die man dabei zuerst denkt, eine Bestä­ti­gung. Ob mögli­cher­weise Hermann Binz die Plastiken schuf, wie ein Fachmann in den 1970er Jahren mutmaßte, bleibt offen.

Die Plastiken, die der Fassade mit ihren linearen Ornament­struk­tu­ren besondere Akzente geben, sind ein auf einer Weltkugel balan­cie­ren­der Merkur im oberen und ein sprung­be­rei­tes Äffchen am unteren Ende des Risalit­gie­bels. Der Gott des Handels ist als ganze Figur gearbeitet und unter­schei­det sich damit von den meisten figür­li­chen Darstel­lun­gen an Karlsruher Häusern. Er ist bis auf den Flügelhut und den geflü­gel­ten Heroldstab nackt. Der Blick geht zur erhobenen Linken, in der aber der übliche Geldbeutel fehlt. Ein Merkur am Hafen­ge­bäude trägt z. B. zwei prall gefüllte Geldsäcke. In dem jüngst veröf­fent­lich­ten Band "Jugend­stil in Karlsruhe" wird der Szene eine ironi­sie­rende Deutung gegeben. Der Gott des Handels galt der Gründer­zeit, deren Salons er als Nippes bevölkerte, als Symbol des Zeitgeis­tes. Die abschüs­sige Bahn und der fehlende Geldbeutel verweisen dagegen auf die Gefährdung der Handel­trei­ben­den wie auf die Fragwür­dig­keit der Gottheit. Denn diese bringt das Äffchen ins Spiel, das als diebisches Tier die räube­ri­schen Seiten des Gottes der Diebe verkörpert.

Was auch immer davon zutreffen mag, das Haus stand unter dem Schutz von Merkur. Die Bomben­an­griffe des Zweiten Weltkrie­ges überstand es unbescha­det. Beim Neubau des Hauses Nr. 26 und des Seiten- und Hinter­ge­bäu­des von Nr. 24 in den 1980er Jahren, bei dem verschie­dene Geschäfte und Lokale entstanden, blieb es weitgehend unange­tas­tet. 1998 wurde die Fassade mit den beiden Plastiken saniert.

Die Wahl eines Merkur als Fassa­den­schmuck mag auch ein Hinweis auf die Zweck­be­stim­mung des Hauses als Geschäfts­haus sein, die nach Hörner auch die späteren Besitzer, wie der Fabrik­di­rek­tor Erich Willstät­ter, die Fiducia AG oder der Netzfa­bri­kant Karl Weisse, pflegten. Es gab von Anfang an einen Laden, der 1947 durch die Schließung der links gelegenen Torein­fahrt erweitert wurde, und später in den Oberge­schos­sen auch Büros. Laden­mie­ter waren u. a. der Antiqui­tä­ten­händ­ler Arnold Fischl, das Automa­ten­ge­schäft Schlaile, die Tuchhand­lung Wilhelm Wolf und, ununter­bro­chen seit 1933, eines von damals 15 Reform­häu­sern in Karlsruhe.

Dr. Manfred Koch, Institut für Stadt­ge­schichte, Stadt­ar­chiv Karlsruhe
 

Foto: Stadtarchiv, U. Bolch

Foto: Stadtarchiv, U. Bolch