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Karlsruhe: Stadtgeschichte

Blick in die Geschichte Nr. 64 vom 24. September 2004: Biographie Egon Eiermann

Richtig heimisch wurde er als Berliner hier nie, und es war ihm auch nicht vergönnt, in der Stadt, in der er 23 Jahre lang tätig war, außer dem eher abgele­ge­nen Versuchs­kraft­werk der Univer­si­tät und den unzugäng­li­chen Bauten der MiRO-Raffinerie ein reprä­sen­ta­ti­ves öffent­li­ches Gebäude zu errichten. Trotzdem kommt Egon Eiermann der unbestreit­ba­re Verdienst zu, Karlsruhe in das Zentrum des Bauge­sche­hens der deutschen Nachkriegs­zeit gerückt zu haben.

Als er 1947 mit 43 Jahren als Professor an die Techni­sche Hochschule berufen wurde, war er allenfalls Insidern ein Begriff. Im "Dritten Reich" waren seine Berliner Einfa­mi­li­en­häu­ser und Indus­trie­bau­ten aufge­fal­len, weil sie sich vom Stil der natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Macht­ha­ber abhoben. Eiermann führte mit diesen Erstlings­wer­ken – meist hart am Rand des amtlich Geduldeten – auf eigen­wil­lige Weise Vorstel­lun­gen des modernen Bauens der 20er Jahre weiter.

Als Lehrer schlug Eiermann in Karlsruhe von Anfang an hohe Wellen. Seine ganz und gar unaka­de­mi­sche, weltoffene Art, seine unver­blümte Rede und seine zeich­ne­ri­schen Fähig­kei­ten machten die Vorle­sun­gen und Entwurfs­be­spre­chun­gen zu Ereig­nis­sen. Charis­ma­tisch zog er Studie­rende an, denen er aber auch Leistung abver­langte. Die Karlsruher TH wurde durch seine Persön­lich­keit wieder zu dem, was sie vor dem Ersten Weltkrieg gewesen war, eine, wenn nicht gar die führende Ausbil­dungs­stätte für Archi­tek­ten in Deutsch­land.

Als kreativer Architekt und Möbel­de­si­gner war Eiermann nicht weniger erfolg­reich. Von Karlsruhe aus schuf er mit seinem Büro, in dem ihm über lange Jahre mit Robert Hilgers ein fähiger Organi­sa­tor zur Seite stand, eine ganze Reihe von Bauten, die allesamt zu Inkunabeln der 50er und 60er Jahre werden sollten. Mit dem Deutschen Pavillon auf der Weltaus­stel­lung in Brüssel 1958, der Berliner Kaiser-Wilhelm-Gedächt­nis­kir­che, dem Versand­haus Necker­mann in Frankfurt, der Deutschen Botschaft in Washington, dem Abgeord­ne­ten-Hochhaus des Bundes­ta­ges in Bonn oder den Olivetti-Türmen in Frankfurt gelangen ihm Meister­werke, die für die deutsche Archi­tek­tur den Wieder­an­schluss an die nach 1933 verloren gegangene inter­na­tio­nale Entwick­lung brachten. Sie zeichnen sich alle durch eine von Konstruk­tion und Material bestimmte, bis ins Detail sorgfältig durch­dach­te Bauweise aus, von der aber auch – im Unter­schied zu vielen gleich­zei­ti­gen Archi­tek­tu­ren – eine ungemein künst­le­ri­sche Wirkung ausgeht.

Mit striktem Beharren auf Qualität hat Egon Eiermann seine Ziele verfolgt und dabei eigene finan­zi­elle Interessen und seine Gesundheit vernach­läs­sigt. Sein früher Tod riss ihn 1970 mitten aus dem Schaffen.

Zu seinem 100. Geburtstag ist Egon Eiermann, dem man aus diesem Anlass sogar mit einer Sonder­brief­marke gedenkt, wieder im Gespräch: Nicht nur bei denen, die ihn noch erlebt haben, sondern auch bei einer jüngeren Generation, für die seine Archi­tek­tur durchaus aktuelle Bezüge bietet. Erstmals versucht (bis 9. Januar 2005, www.egon-eiermann.de) eine große Ausstel­lung in der Städti­schen Galerie, die vom Südwest­deut­schen Archiv für Archi­tek­tur und Ingenieur­bau an der Univer­si­tät Karlsruhe in Zusam­men­ar­beit mit der Städti­schen Galerie vorbe­rei­tet wurde, das eindrucks­vol­le Lebenswerk vorzu­stel­len.

Dr. Gerhard Kabierske, Südwest­deut­sches Archiv für Archi­tek­tur und Ingenieur­bau an der Univer­si­tät Karlsruhe

 

Egon Eiermann 1904-1970 Foto: saai, W. Roth

Egon Eiermann 1904-1970 Foto: saai, W. Roth