Sprung zur Navigation. Sprung zum Inhalt.

Karlsruhe: Stadtgeschichte

Blick in die Geschichte Nr. 62 vom 19. März 2004: Das Badische Ständehaus in Karlsruhe

Das Badische Ständehaus in Karlsruhe und die Straße der Demokra­tie

von Ernst Otto Bräunche

"Neues Ständehaus an Straße der Demokra­tie?" fragte am 20. November 2003 die Karlsruher Lokal­zei­tung "Badische Neueste Nachrich­ten". Der Artikel galt dem Symposium "Erin­ne­rungs­kul­tur und Erinne­rungs­orte im deutschen Südwesten", das aus Anlass von 10 Jahre Erinne­rungs­stät­te Ständehaus am Vortag statt­ge­fun­den hatte. Stell­ver­tre­tend für eine Vielzahl von Städten im deutschen Südwesten, die einen besonderen Bezug zur deutschen Demokra­tie­ge­schich­te haben und damit Orte einer Straße der Demokratie sein könnten, wurden die Städte Landau, Karlsruhe, Offenburg und Rastatt vorge­stellt und zwar unter der Frage­stel­lung, wie man mit den demokra­ti­schen Tradi­tio­nen umgeht.

Die Stadt Landau steht für eine Jakobin­er­tra­di­tion, die ihre Anfänge noch vor der bekann­te­ren Mainzer Jakobin­er­re­pu­blik hat. Seit 1680 war Landau eine franzö­si­sche Festung und damit ein Teil des franzö­si­schen König­rei­ches. Bereits in den Anfangs­mo­na­ten der Franzö­si­schen Revolution spielte die Stadt eine entschei­dende Rolle, denn es kam bereits im Juli 1789 zu Unruhen in der Bevöl­ke­rung und Anfang August zu einer Meuterei in der Garnison, die in eine Frater­ni­sie­rung mit der Bevöl­ke­rung überging. Im Februar 1790 gab es Wahlen zu einer neuen Munizi­pa­li­tät, im Mai wurde eine Natio­nal­gar­de gegründet und im Juni ein Jakobi­ner­klub. Der Klub hatte aufgrund seiner geogra­phi­schen Lage eine Trans­fer­funk­tion für die aus Paris kommende Propaganda. Landau besaß in den folgenden Jahren eine Mittler­funk­tion, denn hier wurden Prokla­ma­tio­nen der Franzö­si­schen Republik ins Deutsche übersetzt und dann weiter verbreitet. Der Landauer Bürger­meis­ter wirkte auch in Mainz praktisch als Geburts­hel­fer, da ihn General Custine mitnahm, um den Mainzern Wesen und Funktion eines Jakobi­ner­klubs zu erklären.


Als sichtbares Zeichen dieser revolu­tio­nären Landauer Zeit gibt es nur noch die abgeschla­ge­nen Köpfe der Heiligen im Turmhaus der Landauer Stifts­kir­che.


Bekannter als Orte der Demokra­tie­ge­schichte und mit heute noch deutlicher im Stadtbild wahrnehm­ba­ren Erinne­rungs­or­ten dieser demokra­ti­scher Tradi­tio­nen sind die Städte Karlsruhe, Offenburg und Rastatt.


Die Stadt Offenburg steht für die Formu­lie­rung unver­äu­ßer­li­cher Menschen­rechte und die Forderung nach einem sozialen Staat. Am 12. September 1847 erhoben die "entschie­de­nen Verfas­sungs­freun­de" in dem nach der Stadt benannten Programm die freiheit­li­chen Forde­run­gen der Zeit. Ihr Tagungsort war die Gaststätte Salmen, die später von 1875 bis zur sogenann­ten Reichs­kris­tall­nacht 1938 der Offen­bur­ger jüdischen Gemeinde als Synagoge diente. Der Salmen steht also in ganz besonderem Maße für die Anfänge und das Ende der Demokratie in Deutsch­land. Die Stadt Offenburg hat dem Rechnung getragen. Sie war ein ganz wesent­li­cher Motor der landes­wei­ten Erinnerung an die Revolution 1848/49 in den Jahren 1998/99 und hat den Salmen im Jahr 2002 zu einer Kultur­stätte mit einem großen Veran­stal­tungs­saal und einer Ausstel­lung zur Geschichte des Gebäudes umgebaut. Veran­stal­tun­gen wie das im letzten Jahr als jährliche Veran­stal­tung ins Leben gerufene Freiheits­fest am 12. September halten in Offenburg die Erinnerung an die demokra­ti­sche Tradition mit einer breiten Betei­li­gung der Bevöl­ke­rung wach.


Die Stadt Rastatt steht für das Ende der einzigen, aber kurzle­bi­gen deutschen Republik des 19. Jahrhun­derts. Am 23. Juli 1849 kapitu­lier­ten die Revolu­tio­näre und die badischen Truppen in der Festung Rastatt vor der Übermacht der Bunde­s­trup­pen unter preußi­scher Führung. Die Sieger hielten im Ahnensaal des Barock­schlos­ses Gericht und verhängten dort 21 Todes­ur­teile, von denen schließ­lich 19 vollstreckt wurden. Auf Initiative des Bundes­prä­si­den­ten Gustav Heinemann hin wurde in eben diesem Schloss am 26. Juni 1974, nur wenige Tage vor Ende seiner Amtszeit, die Erinne­rungs­stätte für die Freiheits­be­we­gun­gen in der deutschen Geschichte eröffnet.


Auch die Stadt selbst blieb nicht untätig. Sie ließ anlässlich von 150 Jahren Revolution 1848/49 die Geschich­te der Stadt in der Revolution aufar­bei­ten und beschloss, den 23. Juli, den Tag der Kapitu­la­tion vor 150 Jahren, als "Tag der Freiheit" jährlich zu begehen. Seit 2002 weist ein Autobahn­schild darauf hin, dass Rastatt ein zentraler Ort der badischen Revolution ist. Im Sommer 2003 gab der Gemein­de­rat der Stadt Rastatt darüber hinaus "grünes Licht" für das Projekt "Straße der Demokra­tie".


Die Stadt Karlsruhe schließ­lich steht für die demokra­ti­schen Bestre­bun­gen in Deutsch­land seit dem frühen 19. Jahrhun­dert. Hier wurde am 18. August 1818 die badische Verfas­sung erlassen, die mit einigem Recht als die freiheit­lichste des deutschen Frühkon­sti­tu­tio­na­lis­mus bezeichnet wird. Sie war Voraus­set­zung für eine Entwick­lung, die Baden zu dem Land werden ließ, in dem im 19. Jahrhun­dert liberales und demokra­ti­sches Gedan­ken­gut am schnells­ten und nachhal­tigs­ten Fuß fasste.


Kristal­li­sa­ti­ons­punkt dieser Entwick­lung wurde das Badische Ständehaus, das 1822 einge­weihte erste deutsche Parla­ments­ge­bäude. Die Diskus­sio­nen u. a. um die Schaffung einer volks­tüm­li­chen Justiz, über die Abschaf­fung der Fron und des Zehnt und die Anerken­nung der Presse­frei­heit machten das Karlsruher Ständehaus zur "Vorschule des Parla­ments", "die Tribüne der Zweiten Kammer stand oft stell­ver­tre­tend für das fehlende deutsche Parlament".


Ihren vorläu­fi­gen Höhepunkt erreichte diese Entwick­lung hin zu einer demokra­ti­schen Staatsform in der Revolution 1848/49 und der Ausrufung der einzigen Republik im Bereich des Deutschen Bundes im Jahr 1849.


Von der Ort, an dem diese Tradition heute noch greifbar ist, ist nur noch das Grundstück ein Origi­nal­schau­platz. Das Gebäude, das immer Symbol für demokra­ti­sche Forde­run­gen und Errun­gen­schaf­ten war, fiel denen zum Opfer, die 1933 die Demokratie in Deutsch­land abschaff­ten. In dem von den Natio­nal­so­zia­lis­ten begonnenen Zweiten Weltkrieg wurde das Ständehaus schwer beschädigt, nach dem Krieg nicht wieder aufgebaut und 1961/62 abgerissen. Heute steht auf einem Teil des Grund­stücks das Neue Ständehaus mit der Stadt­bi­blio­thek und der Erinne­rungs­stätte Ständehaus mit einem gemein­sa­men Veran­stal­tungs­saal. Diese Konzeption hat sich bewährt. Seit 1993 zahlreiche Schul­klas­sen, andere Gruppen und Einzel­per­so­nen die Erinne­rungs­stätte besucht. In dem 200 Personen Platz bietenden Stände­haus­saal fanden eine Reihe von Veran­stal­tun­gen statt, die sich mit geschicht­li­chen Themen befassten, so z. B. Symposien wie "Kriegs­ende in badischen Stätten" oder "Die Revolution von 1848/49 in badischen Städten. Vergessene Vergan­gen­heit oder gegen­wär­tige Geschich­te?". Ausstel­lun­gen waren sowohl im Stände­haus­saal als auch der Rotunde im Erdge­schoss zu sehen, wie z. B. "Wande­rungs­be­we­gun­gen im Umfeld der Revolu­tion 1848/49".
Der Stände­haus­saal wurde und wird auch von anderen städti­schen Dienstel­len oder externen Mietern gern genutzt. So fand hier am 5. Juli 1999 z. B. die gemein­sa­me Kabinetts­sit­zung der Regie­run­gen von Bayern und Baden-Württem­berg statt. Regelmäßig können die Bürger und Bürge­rin­nen von Karlsruhe hier ihre Briefwahl durch­füh­ren.


Die Erinne­rungs­stätte Ständehaus ist nicht zuletzt durch diese vielfäl­ti­gen Veran­stal­tun­gen im Stände­haus­saal ein lebendiger Ort der Ausein­ader­set­zung mit der Geschichte, des politi­schen Diskurses sowie der Diskussion und Präsen­ta­tion aktueller Themen geworden. Das Haus insgesamt steht für eine angemes­sene Erinnerung an einem der bedeu­ten­den Orte deutscher Demokra­tie­ge­schichte: Die Stadt­bi­blio­thek als Wissens­spei­cher für alle ermöglicht Bildung und gewähr­leis­tet den freien Zugang zu Infor­ma­tio­nen, erfüllt damit also ganz wesent­li­che Anfor­de­run­gen an die Demokratie, die Erinne­rungs­stätte hält die Erinnerung an die demokra­ti­sche Tradition wach und ermöglicht die Ausein­an­der­set­zung mit der Geschichte.


Neben den vier auf dem Karlsruher Symposium vorge­stell­ten Demokra­tie­or­ten gibt es zahlreiche weitere in Südwest­deutsch­land.

  • Mainz als bekann­teste Republik deutscher Jakobiner 1792 bis 1798.
    Frankfurt als Sitz der Pauls­kir­che, in der das erste freige­wählte gesamt­deut­sche Parlament am 18. Mai 1848 zusam­men­trat.
  • Goddelau bei Darmstadt, das mit seinem Büchner­mu­se­um einen der bekann­tes­ten Verfechter der Freiheits­be­we­gung hervorhebt.
  • Heppenheim, wo 1847 die Versamm­lung der Liberalen im "Halben Mond" tagte.
    Heidelberg, wo am 5. März 1848 eine Bürger­ver­samm­lung beschloss ein Vorpar­la­ment einzu­be­ru­fen.
  • Mannheim, als Stadt der Barri­ka­den­kämpfe, wo am 27. Februar 1848 eine Demons­tra­tion von Bürgern für eine deutsche Verfassung stattfand und in der zahlrei­che wichtige Demokraten beheimatet waren.
  • Hambach bei Neustadt in der Pfalz, wo 1832 das Hambacher Fest zur ersten Massen­pro­test­ver­samm­lung der Neuzeit wurde.
  • Bruchsal, dessen Zuchthaus für die Nieder­wer­fung der Revolution und die Erinnerung an die Opfer steht.
  • Freiburg, wo es am Oster­sonn­tag 1848 zu einer blutigen Ausein­an­der­set­zung zwischen Revolu­tio­nären und Bunde­s­trup­pen kam.
    Lörrach, wo Gustav Struve vom Balkon des Rathauses am 21. September 1848 die Republik ausrief.

Darüber hinaus könnten auch Basel Land (Liestal) und Straßburg als wichtige Zufluchtsorte für die deutschen Freiheits­kämp­fer einbezogen werden. Von Straßburg brach die Legion Herwegh zu ihrem Zug auf, dort dichtete C. J. Rouget de Lisle die Marseil­laise.


Neben diesen Orten, deren Bedeutung für die Demokra­tie­ge­schichte hier nur angerissen ist, gibt es viele weitere Orte. 1997 hat die Arbeits­ge­mein­schaft Archive im Städtetag Baden-Württem­berg unter Feder­füh­rung des Stadt­ar­chivs Karlsruhe einen Führer zu den Stätten der Demokra­tie­be­we­gung "Revo­lu­tion im Südwesten" vorgelegt, in dem alle genannten Städte und viele weitere aufge­führt sind.


Dass es in Südwest­deutsch­land genügend Orte gibt, die für eine Straße der Demokratie in Frage kommen, steht also fest. Eine solche Straße der Demokratie gibt es aber noch nicht. Angeregt wurde sie vor einiger Zeit von Prof. Wolfgang Michalka, dem Leiter der Erinne­rungs­stätte in Rastatt und von den Städten Karlsruhe, Offenburg und Rastatt positiv aufge­nom­men. Der Initiator wies zurecht darauf hin, dass eine Straße der Demokratie auf dem vorhan­de­nen Geschichts­be­wusst­sein aufbauen kann, das sich nicht zuletzt in den Jahren 1997 bis 1999 bei den vielfäl­ti­gen Feier­lich­kei­ten zum 150-jährigen Jubiläum der Revolution von 1848/49 zeigte. "Durch das Jubiläum entdeckte eine ganze Region ihre freiheit­li­chen, demokra­ti­schen und europäi­schen Tradi­tio­nen. Dieses neue Geschichts­be­wusst­sein erzeugte ein tiefgrei­fen­des Gemein­schafts­ge­fühl, das es wach zu halten und zu pflegen gilt, um es auf Dauer im demokra­ti­schen Selbst­ver­ständ­nis der Bevöl­ke­rung zu verankern und zur Identi­fi­zie­rung mit den demokra­ti­schen Wurzeln beizu­tra­gen."


Als Gustav Heinemann vor rund 30 Jahren die "Erin­ne­rungs­stätte für die Freiheits­be­we­gun­gen in der deutschen Geschich­te" in Rastatt initiierte, tat er dies in der Überzeu­gung, dass ein freiheit­lich-demokra­ti­sches Deutsch­land auch seine freiheit­lich demokra­ti­schen Tradi­tio­nen pflegen müsse. Dies gilt heute wie damals, eine Straße der Demokratie wäre ein wesent­li­cher Beitrag. In den meisten Orten sind schon Vorar­bei­ten durch die Erfor­schung der demokra­ti­schen Tradi­tio­nen geleistet, etliche wie Hambach, Karlsruhe, Rastatt oder Offenburg haben Häuser, in denen diese wachge­hal­ten werden. Wenn es gelingen würde, diese zu einer Straße der Demokratie zusam­men­zu­füh­ren, so würde dies zur Identi­täts­s­tif­tung in den Regionen beitragen und darüber hinaus auch eine starke Außen­wir­kung nicht nur in Deutsch­land entfalten. Viele Achtund­vier­zi­ger sind nach der Nieder­schla­gung der Revolution ausge­wan­dert, ihre Nachfahren in den USA und anderen Ländern inter­es­sie­ren sich nicht nur für deren Geschichte, häufig kommen sie nach Deutsch­land, um sich vor Ort kundig zu machen.


Darüber hinaus würden auch die beste­hen­den Einrich­tun­gen wie die Erinne­rungs­stätte Ständehaus von einer solchen Straße der Demokratie im Zentrum Europas profi­tie­ren. Wenn Karlsruhe z. B. eine Station eines Ausflugs oder einer Reise von Heidelberg nach Hambach oder von Freiburg nach Frankfurt wird, so würde dies die Rolle der Stadt als ein Zentrum deutscher Demokra­tie­ge­schichte nachhaltig stärken. Der Karlsruher Oberbür­ger­meis­ter Heinz Fenrich begrüßte deshalb bei seiner Eröff­nungs­rede des eingangs erwähnten Sympo­si­ums auch die Rastatter Initiative als eine gute Möglich­keit, die demokra­ti­schen Tradi­tio­nen im Südwesten und in Karlsruhe noch stärker ins Bewusst­sein zu rücken und sah darin zudem einen wichtigen Beitrag zur Karlsruher Bewerbung um die Europäi­sche Kultur­haupt­stadt 2010.


Dr. Ernst Otto Bräunche, Leiter des Insituts für Stadt­ge­schichte, Karlsruhe

 

Blick auf den "Salmen" in Offenburg. Foto: Stadtarchiv Offenburg

Blick auf den "Salmen" in Offenburg. Foto: Stadtarchiv Offenburg