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Karlsruhe: Stadtgeschichte

Blick in die Geschichte Nr. 62 vom 19. März 2004: Der Stadtplaner Carl Peter Pflästerer

Über drei Jahrzehnte Karls­ru­her Planungs­ge­schichte

von Harald Ringler

Die Stadt­pla­nung in Karlsruhe weist wie in vielen anderen Städten in Deutsch­land eine Konti­nui­tät von der Zeit der Weimarer Republik, über die des 3.Reiches bis hin zu den Anfängen der zweiten Republik auf. Wie so oft ist die Fortfüh­rung von Planungs­kon­zep­ten über politisch unter­schied­li­che Zeitab­schnitte hinweg mit Einzel­per­so­nen verbunden. Karl Pflästerer bestimmte seit Mitte der 20er Jahre bis nach dem 2. Weltkrieg die Stadt­pla­nung in Karlsruhe, beginnend von den gestal­te­ri­schen Beiträgen im Entwurf zum Generalbe­bau­ungs­plan 1926 über die unzäh­li­gen Baufluch­ten­pläne, Entwürfe zum Ausbau der Stadt Karlsruhe bis zur Wieder­auf­bau­pla­nung Ende der 40er Jahre. Geboren am 22. März 1888 in Weinheim, besuchte er einige Semester die Bauge­werk­schule und die Dekora­ti­ons­ma­ler- und Archi­tek­tur­klasse der Großher­zog­li­chen Kunst­ge­wer­be­schule in Karlsruhe, ohne aber eine Abschluss­prü­fung abzulegen. Eine 1918/19 ausge­rich­tete Ausstel­lung seiner Archi­tek­tur­ent­würfe, Zeich­nun­gen und Aquarelle weist auf seine künst­le­ri­schen Ambitionen hin. Schon während des Studiums arbeitete er ab 1908 im Baugewerbe und später, bis zum Ausbruch des 1. Weltkriegs und nach Kriegsende in Archi­tek­tur­bü­ros. Nach dem Einsatz als Soldat in der Türkei und in Frankreich diente er als Architekt bei einer Fluzeug­meis­te­rei.

Im Jahre 1919 tritt er in die Dienste der Stadt Karlsruhe, zuerst beim städti­schen Hochbauamt. Bis 1954 dauert seine Berufs­lauf­bahn bei der Stadt­ver­wal­tung Karlsruhe. Ab 1924 nahm das Tiefbauamt seine Dienste für die Erarbei­tung des Generalbe­bau­ungs­plans in Anspruch, was dort zum syste­ma­ti­schen Aufbau des "Stadt­er­wei­te­rungs­bü­ros" unter seiner Leitung führte. 1933 verdrängte ihn der Bauin­ge­nieur Dr. Johannes Dommer, bis dahin leitender Beamte für das städtische Wohnungs­we­sen. Dommers berufliche Karriere, er war bereits 1931 in die NSDAP einge­tre­ten, hing mit der Macht­über­nahme durch die Natio­nal­so­zia­lis­ten zusammen. Die Leitung der Abteilung "Stadt­er­wei­te­rung" ging auf ihn über. Später war damit bis 1945 die Leitung des dann neu gegrün­de­ten Stadt­pla­nungs- und Siedlungs­am­tes verbunden. 1939 scheint ihm durch die Einrich­tung einer Sonder­ab­tei­lung eine teilweise Wieder­gut­ma­chung zuteil geworden zu sein. Sein Verhalten während des 3. Reichs war bis zu seinem Partei­ein­tritt im Jahre 1937 von Abstand gegenüber den neuen Macht­ha­bern geprägt. Als Beispiel hierfür kann der 1935 begonnene vierge­schos­sige Anbau seines eigenen, heute nicht mehr existie­ren­den Wohnhauses im Stile des "Neuen Bauens" angesehen werden. Sein Versuch, die Bauge­neh­mi­gung unter Umgehung des Bauaus­schus­ses verlängern zu lassen - der Rohbau stand bereits -, brachte ihm ein Dienst­straf­ver­fah­ren ein. Er wusste wohl, dass ihm die Verlän­ge­rung der 1931 erhaltenen Geneh­mi­gung "...schon im Hinblick auf den von ihm gewählten ungewöhn­li­chen, der natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Bauauf­fas­sung wider­spre­chen­den Baustils ..." versagt worden wäre. Er dürfte in vielen seiner Bestre­bun­gen mit einer gewissen Dickköp­fig­keit und Direktheit ausge­stat­tet gewesen sein. Die Gründe für seinen Partei­ein­tritt können vielleicht mit seiner nicht leichten beruf­li­chen Existenz in der Stadt­ver­wal­tung in Zusam­men­hang gebracht werden. Des öfteren beklagte er sich über die Zurück­set­zung bei Beför­de­run­gen. Nach der 1946 erfolgten Entlassung auf Anordnung der Militär­re­gie­rung wurde ihm 1947 die Leitung des Stadt­pla­nungs­am­tes übertragen, die er bis zu seiner Pensio­nie­rung im Jahre 1954 innehatte. Pflästerer starb 1962 im 74. Lebensjahr.

Arbeiten am Generalbe­bau­ungs­plan 1926

Zwischen 1924 und 1926 erarbei­tete das Tiefbauamt der Stadt Karlsruhe unter der Leitung von Emil Bronner einen Generalbe­bau­ungs­plan, dessen Planungs­raum auch die Nachbar­ge­mein­den einschloss. Ein großer Anteil am Ergebnis ist Karl Pflästerer zuzuschrei­ben, da er durch seine stadt­räum­li­che Ausformung des Plans über die Konzep­tion eines reinen Flächen­nut­zungs­plans hinauskam. Der Plan blieb Entwurf, eine Beschluss­fas­sung kam nicht zustande.


Denn die Planung beruhte auf einer völlig neuen, gegenüber der Reichsbahn nicht durch­setz­ba­ren Konzeption der Verkehrs­an­la­gen, um die Stadt nach Südwesten entwickeln zu können. Die Block­rand­be­bau­ung bleibt die vorherr­schen­de Bebau­ungs­form der inneren Stadtteile, aber auch wie im Falle des Dammer­stock-Geländes der Randbe­rei­che. Der "Para­dig­men­wech­sel" im Dammer­stock von der Block­rand­be­bau­ung zum strengen Zeilenbau geht wahrschein­lich auf Hermann Schneider, dem damaligen Baubür­ger­meis­ter zurück.


Einzelne im Plan angedachte Projekte wurden realisiert, so zum Beispiel die Waldring­straße, der spätere Parkring und heutige Adenau­er­ring zwischen 1927 und 1931. Damit verbunden war die Konzeption für den "Sportpark Hardtwald". Im Sommer 1929 öffnete das Rhein­strand­bad, der bedeu­tendste Teil des Gesamt­pro­jek­tes "Rheinpark Rappen­wört". Die ersten Sanie­rungs­vor­schläge für die Altstadt sind ebenfalls schon enthalten mit Flucht­li­ni­en­be­gra­di­gun­gen, einem Straßen­durch­bruch und einer Grünfläche. Die General­pla­nung für Karlsruhe beruhte bis 1961, dem Jahr der Beschluss­fas­sung eines Verkehrs­li­ni­en­plans und der Vorstel­lung eines "vorläu­fi­gen Flächen­nut­zungs­plans", in vielen Teilen auf dem 1926 fertig­ge­stell­ten und öffent­lich disku­tier­ten Plan.


Das Planwerk wird oft als "Schneider-Plan" bezeichnet, da die Erarbei­tung unter dem damaligen Baubür­ger­meis­ter Hermann Schneider erfolgte. Dieser prägte die Karls­ru­her Stadt­ent­wick­lung nachhaltig und dürfte für die städti­schen Planer ein wichtiger Initiator für neue Projekte gewesen sein. Zwei Baupro­jekte von überre­gio­na­ler Bedeutung - beide 1929 vollendet - bilden einen Höhepunkt seiner Tätigkeit: der Rheinpark Rappen­wörth und die Dammer­stock-Siedlung. Nach nur neun Monaten Bauzeit konnte das Rhein­strand­bad Rappen­wörth eröffnet werden. Die Gestaltung der 130 ha großen Altrhein­in­sel mit einem "Volks­frei­bad", sonstigen Erholungs­ein­rich­tun­gen und einer Vogel­schutz­warte war Teil seiner Grünflä­chen­po­li­tik. Die Planung der Gesamt­an­lage lag in den Händen von Karl Pflästerer, die der Hochbauten bei Robert Amann. Diese Bauten zeigen als Beispiele des "Neuen Bauens" den Ehrgeiz der städti­schen Planer, es den großen Vorbildern in Frankfurt und Berlin gleich zu tun. Die Zusam­men­ar­beit mit dem damaligen Oberbür­ger­meis­ter Dr. Julius Finter, wie Schneider von 1919 bis 1933 im Amt, scheint konstruk­tiv gewesen zu sein. Ohne die gemein­sa­me Linie in der Stadt­po­li­tik wären die damals reali­sier­ten Projekte nicht zustande gekommen.

Weitere Projekte


Bei der Durchsicht der von Pflästerer erarbei­te­ten Unterlagen - sein Nachlass liegt im Stadt­ar­chiv Karlsruhe - wird sein Ideen­reich­tum und die zeich­ne­ri­sche Begabung deutlich. So formte er - um zwei Beispiele zu nennen - das Konzept für den Sportpark Hardtwald aus und legte 1933 eine Alter­na­tive für einen Flughafen bei Neureut vor. Die Vorbe­rei­tung des Dammer­stock-Wettbe­werbs dürfte in seinen Händen gelegen haben. Ob das Bebau­ungs­kon­zept des Stadt­er­wei­te­rungs­bü­ros im Tiefbauamt vom Juni 1928 sein Entwurf war, ist nicht feststell­bar. Städti­schen Beamten und Angestell­ten war die Teilnahme am Wettbewerb außer Konkurrenz gestattet. So konnte er einen eigenen Entwurf einreichen, der außer Konkurrenz angekauft wurde. Das Preis­ge­richt bewertete die Klarheit des Bebau­ungs­plans und die vorge­schla­gene Ost-West-Straße positiv, äußerte sich aber zur Randbe­bau­ung an der Ettlinger Allee wegen der unnützen Monumen­ta­li­tät und zu den Wohnungs­grund­ris­sen kritisch.


Während des 3.Reichs lieferte Pflästerer im Rahmen der Bemühungen, Karlsruhes Stellung als Gauhaupt­stadt gegenüber der beabsich­tig­ten Verlegung nach Straßburg zu vertei­di­gen, Entwürfe für städtische Monumen­talach­sen im Sinne des damaligen natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Städtebaus. Die Betei­li­gun­gen an den Wettbe­wer­ben Bebauung Gottesau­er Exerzier­platz 1930, Reichs­eh­ren­mal Bad Berka 1932 und für das Haus der Arbeit in Lahr 1935 zeigen sein fachli­ches Engagement über die Rathaus-Arbeit hinaus.
Pfästerers Wirken nach dem 2. Weltkrieg war als Leiter des Stadt­pla­nungs­am­tes haupt­säch­lich auf den Wieder­auf­bau Karlsruhes ausge­rich­tet. Für die westliche Kaiser­stra­ße entstand nach einem Wettbewerb ein Bebau­ungs­plan, der die Rückver­set­zung der südlichen Bauflucht festlegte. Ebenso begann die Sanierung Mühlburgs mit der Neuge­stal­tung der Rhein­straße und der Bebauung des Mühlburger Feldes. Auch begannen die Arbeiten für die Sanierung der Südstadt mit dem Grünzug in seiner Amtszeit. Nach seiner Pensio­nie­rung blieb Pflästerer Mitglied des Stadt­pla­nungs­bei­rats, der unter anderem mit der Planung für die Waldstadt und mit der Bebauung des Flugplat­zes befasst war. So war der Stadt­pla­ner Carl Pflästerer über 35 Jahre an der räumlichen Entwick­lung der Stadt mit nachhal­ti­ger Wirkung beteiligt.


Dr. Harald Ringler, Stadt­pla­nungs­amt, Karlsruhe

 

Entwurf für ein Gauhaus an der im "Dritten Reich" geplanten Nord-Süd-Achse, heute Ettlinger Straße. Ansicht von Westen. Foto: Stadtarchiv

Entwurf für ein Gauhaus an der im "Dritten Reich" geplanten Nord-Süd-Achse, heute Ettlinger Straße. Ansicht von Westen. Foto: Stadtarchiv