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Karlsruhe: Stadtgeschichte

Blick in die Geschichte Nr. 62 vom 19. März 2004

Zeitzeugen berichten

Paul Wehrle

Musiker­zie­her und Chorleiter

Blick: 1945 - Sie waren nach dem Krieg 22 Jahre alt - wie entwi­ckelte sich damals das Musikleben in Karlsruhe?

Wehrle: Der kulturelle Hunger in dieser Trümmer­land­schaft war ungemein groß und Kirchen wie noch existie­ren­de Konzert­säle waren überfüllt. Als der von mir im Sommer übernom­mene Kammerchor im Winter sein erstes Konzert zu "Altdeut­schen Weisen" gab, das Dr. Roegele kommen­tierte, der spätere Heraus­ge­ber des "Rhei­ni­schen Merkur", trugen im kalten Saal alle Mantel und Hut. Das Gebäude der Musik­hoch­schule, an der ich schon früh Unterricht erhielt, war zerbombt - heute steht dort das Haus des SWR. In den beiden Besat­zungs­zo­nen setzte man in Freiburg wie in Stuttgart im Musik­stu­dium erste Akzente. In Karlsruhe unter­stützte OB Töpper mit dem "Badischen Konser­va­to­ri­um" die hiesige Musiker­zie­hung.

Blick: In welcher Weise konnte die Schul­mu­sik gefördert werden?

Wehrle: Das hing vom Schulraum ab und der Rückkehr von entna­zi­fi­zier­ten Lehrern in den Dienst. In den damaligen Volks­schu­len hatten die meisten Pädagogen die alte Ausbil­dungs­ord­nung absolviert, das heißt sie konnten ein Instrument spielen und waren oft viele Jahre als Chorlei­ter und Organisten in die Gesell­schaft einge­bun­den.


An einzelnen Gymnasien gründete man bald Chöre, so am Bismarck-, am Goethe- und am Helmholtz-Gymnasium. 1970 wurde an Letzterem eine Klasse mit dem Hauptfach Musik gegründet, und ich konnte sie in diesem Zug neun Jahre später zum ersten Abitur führen, eine wertvolle Erwei­te­rung unserer Bildungs­an­ge­bote bis heute. Später erhielt auch das Bismarck Gyninasium einen solchen Zug. Diese Entwick­lung war nicht unumstrit­ten, weil manche der Musik nicht den gleichen intel­lek­tu­el­len Impuls beimaßen wie in anderen Fächern, obwohl erfolg­rei­che "Musik­schü­ler" auch dort gute Leistun­gen erbringen. Welche Erfolge ehemalige Helmholtz-Schüler erreicht haben, zeigen allein Laufbahnen wie zum Beispiel die des Pianisten Christian Zacharias und des Trompe­ters Reinhold Friedrich. Der Helmholtz-Kammerchor errang auf nationaler und inter­na­tio­na­ler Ebene große Erfolge und hohe Anerken­nung.

Die Elite junger Instru­men­ta­lis­ten konnte ich in Baden Württem­berg als Landes­vor­sit­zen­der des Verbands Deutscher Schul­mu­si­ker zusammen mit der Landes­re­gie­rung in zahlrei­chen Wettbe­wer­ben, neuen Ensembles wie eben auch den Ausbau des Netzes von gynma­sia­len Musikzügen fördern.

Blick: Hat bei aller Bedeutung der Beherr­schung eines Instru­ments für die Erziehung junger Menschen die Mitglied­schaft in einem Chor nicht noch weitere Aspekte?

Wehrle: Am Anfang der Kunstmusik steht die Vokalität. Yehudi Menuhin wies immer wieder auf das Singen als Grundlage jedes Musizie­rens, auch des instru­men­ta­len hin. Chöre schaffen gemein­schafts­bil­dende und mitmensch­lie­he Effekte; Sprache und Musik stehen in engster Verbindung. Es gibt keine evange­li­schen oder katho­li­schen Sympho­nie­or­che­s­ter, aber eine großartige Kirchen­mu­sik dieser Konfes­sio­nen. Historisch nachweis­bar reicht der Bogen des Chorwesens vom Luthe­ri­schen Choral im mehrstim­mi­gen Satz, den Passionen Bachs bis zu den Liedern der Franzö­si­schen Revolution, dem Sänger­ta­fel­we­sen im 19. Jahrhun­dert mit seinem nationalen und demokra­ti­schen Schwer­punkt. Im 20. Jahrhun­dert erfuhren wir freilich das Dienst­bar­ma­chen des Chorge­sangs für Ideologien zum Beispiel im Natio­nal­so­zia­lis­mus und Kommu­nis­mus, aber wir erlebten auch den belebenden Einfluss in der freiheit­li­chen Revolution in den baltischen Staaten.

Blick: Welche Initia­ti­ven gingen für die Belebung des Chorwesens von Karlsruhe aus?

Wehrle: In der Nachbar­schaft von Stuttgart, der heimlichen "Chor­haupt­stadt" Deutsch­lands, ist die Chormusik in Karlsruhe immer in Gefahr gewesen, unter­schätzt zu werden. Stuttgart hatte mit der bedeu­ten­den Schüler­schaft der Chorle­gende Grischkat (Rilling, Bernius, Gönnen­wein usw.) und mit zwei bedeu­ten­den Chorver­la­gen eine fast einzig­ar­tige Konzen­tra­tion erreicht. Man denke zum Beispiel nur an die Bachaka­de­mie. Aber im Vergleich zu anderen deutschen Städten lassen sich die Karlsruher Verhält­nis­se mühelos verglei­chen. Die hiesige Chorszene war einer­seits durch den früh aktiven Kammerchor mit seinen Konzerten und häufigen Funkauf­nah­men bei SDR und SWF geprägt; anderer­seits wurde die solide kirchen­mu­si­ka­li­sche Tradition in der Evange­li­schen Stadt­kir­che fortge­führt und mit zwei großen Talenten (Klaus Martin Ziegler und Hans Joachim Haarbeck) sowie einem zweitem Schwer­punkt an der Chris­tus­kir­che geschaffen. Und nicht minder kann sich Karlsruhe mit der katho­li­schen Kirchen­mu­sik in St. Stephan (Andreas Schröder) gegenüber Stuttgart sehen lassen. Die Übergabe des General­se­kre­ta­ri­ats der "Euro­päi­schen Föderation Junger Chöre" in meine Hände zu Beginn der 60er Jahre gab dem Stellen­wert des Karlsruher Chorwesens einen neuen Aspekt: Nun war Karlsruhe die wichtigste Steue­rungs­stelle für die Vernetzung der inter­na­tio­na­len Chormusik.


22 Jahre später konnte ich als General­se­kre­tär die Voraus­set­zun­gen zur Gründung einer "Inter­na­tio­nal Federa­tion for Choral Music" schaffen, deren erster Präsident ich 1982 wurde. Und schließ­lich gelang es mir, für den Deutschen Musikrat einen nationalen Chorwett­be­werb aufzubauen. Zu guter Letzt konnte ich auch noch Sologesang in das Programm von "Jugend musiziert" einschleu­sen.

Blick: Bei allen Erfolgen - wo sind heute Mängel spürbar?

Wehrte: Zum Beispiel im Fachleh­rer­man­gel an Grund und Haupt­schu­len, der bis zu 80 Prozent beträgt, weil bei der Fächerwahl an Pädago­gi­schen Hochschu­len die Musiker­zie­hung selten gewählt wird. An den Musik­hoch­schu­len haben die Ausbil­dungs­prä­fe­ren­zen für Musik­leh­rer an Gymnasien meines Erachtens keine große Bedeutung. Lange Zeit spielte auch die Verfemung des deutschen Liedes durch Exponenten der Frank­fur­ter Schule (Adorno) eine Rolle, die nur die extreme Instru­men­ta­li­sie­rung des Chorsin­gens im "Dritten Reich" sahen.

Schließ­lich besteht eine krasse Ausein­an­der­ent­wick­lung der Schulmusik zwischen den Bundes­län­dern und erst recht zu den Ländern der ehemaligen DDR, wo an den Musik­gym­na­si­en nach sowjetisch ungari­schem Vorbild heute noch sogar Chorlei­tung im Abitur geprüft wird. Die Entschei­dung darüber, ob Baden Württem­berg also ein "Musik­land" bleibt und in der Musiker­zie­hung einen der ersten Plätze einnimmt, fällt nicht in den Opern­häu­sern, sondern in den Schulen.

Die Fragen stellte Leonhard Müller, Forum für Stadt­ge­schichte und Kultur

 

Paul Wehrle. Foto: Privat

Paul Wehrle. Foto: Privat