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Karlsruhe: Stadtgeschichte

Blick in die Geschichte Nr. 99 vom 21. Juni 2013: Der Karlsruher Münzskandal von 1975

Die Karlsruher Münze im Jahr des "Skandals" 1975. Foto: StadtAK 8/PBS oXIVa 2365

Die Karlsruher Münze im Jahr des "Skandals" 1975. Foto: StadtAK 8/PBS oXIVa 2365



Präsentationskassette der in Karlsruhe geprägten Münzen von 1981.<br />Foto: Staatliche Münze Baden-Württemberg, Bildarchiv

Präsentationskassette der in Karlsruhe geprägten Münzen von 1981.
Foto: Staatliche Münze Baden-Württemberg, Bildarchiv


 

Falschgeld aus der Stepha­ni­en­straße

von Adelheid Wibel

In der "Karls­ru­her Münze", dem Weinbren­ner-Bau in der Stepha­ni­en­straße, werden seit 1827 Münzen geprägt. Alle hier seit der Reichs­grün­dung 1871 geprägten Münzen tragen den Buchstaben "G". Nach der Währungs­re­form 1948 trugen alle deutschen Münzen die Umschrift "Bank deutscher Länder". Mit der Gründung der Bundes­re­pu­blik 1949 bekamen die Münzen seit 1950 den bis heute beibe­hal­te­nen Schriftzug "Bundes­re­pu­blik Deutsch­land". Die Karlsruher Münze prägte Anfang der 1950er Jahre 30.000 50-Pfennig-Münzen noch mit dem falschen, alten Schriftzug. Auf Grund der schlech­ten finan­zi­el­len Situation Deutsch­lands nach dem Zweiten Weltkrieg verwalzte man die Münzen allerdings nicht neu, sondern brachte sie gewis­ser­ma­ßen falsch in Umlauf. In Sammler­krei­sen galten sie deshalb als besonders wertvoll und erzielten beim Verkauf ein Vielfaches ihres eigent­li­chen Wertes. Zum Zeitpunkt des "Karls­ru­her Münzskan­dals" 1975 waren die falsch geprägten 50-Pfennig-Münzen etwa 2000 DM wert.

Um Betrug in den Münzprä­ge­stät­ten zu vermeiden, galten eigentlich sehr genaue Vorschrif­ten. Das Bundes­fi­nanz­mi­nis­te­rium hatte errechnet, wie viel Material jede Präge­stätte für sich benötigte. Auf Grund der fehlenden Technik wurden die Rohlinge nicht gezählt, sondern nach deren Gewicht kontrol­liert. Diese Kontroll­tech­nik ließ jedoch einen Rohling mehr oder weniger pro 300-Stück Lieferung zu. Mit anderen Worten, bei einer kompletten Lieferung war es möglich, etwa zwanzig bis fünfzig Rohlinge abzuzwei­gen, ohne dass dies auffallen musste.

Ursprung und Verlauf des Betrugs

Willy Ott stieg 1964 zum neuen Leiter der Karlsruher Münze auf. Um ein gutes Verhältnis zur Deutschen Bundes­bank bemüht, fragte er Ende der 1960er Jahre einen Angestell­ten der Bundesbank, ob beim Münzmuseum Interesse an Spiegel­glanz-Münzen der vergan­ge­nen Jahre bestünde. Dieser bejahte nicht ahnend, dass Ott das Nachprägen der Münzen ohne die notwendige Auftrags­er­tei­lung durch das Bundes­fi­nanz­mi­nis­te­ri­ums plante. Ott selbst gab den Auftrag an den Münzfach­ar­bei­ter Klaus F. für die Nachprä­gung aller Münzen der Jahrgänge 1949 bis 1968, die je in Karlsruhe produziert worden waren. Zusammen mit seinem Stell­ver­tre­ter Stefan Heiling holte er die alten Präge­stem­pel aus dem Tresor, für den nur sie den Schlüssel besaßen. Außerdem prägten Heiling und Ott eine Zwei-Mark-Münze nach, die offiziell in der Karls­ru­her Münze nie geprägt worden war. Bei den Zwei-Pfennig-Münzen mit Datum von 1967 verwen­de­ten sie Rohlinge mit einem Eisenkern, die erst ab 1968 offiziell eingesetzt wurden. Diese Zwei-Pfennig-Münzen mit dem Prägedatum 1967 sind deswegen eine Rarität. Da das Münzmuseum die Nachprä­gun­gen nie abgerufen hat, verschlos­sen sie diese in einem Tresor. Anfang der 1970er Jahre begannen die drei Betei­lig­ten dann, die "verges­se­nen" Münzen in Sammler­krei­sen zu verkaufen.

Heiling beauf­tragte zudem 1971 F., fehlende Münzen nachzu­prä­gen und alle Jahrgänge bis 1973 aufzu­sto­cken, die begehrten Sammler­mün­zen sollte er vermehrt nachprägen. Auch dieses Mal fehlte der offizielle Auftrag des Bundes­fi­nanz­mi­nis­te­ri­ums. Bei der Nachprä­gung unter­lie­fen F. aber Fehler, die den Dreien später zum Verhängnis wurden. Er verwendete für die Wertseite zwar die Origi­nal­stem­pel, für die Adlerseite aber Präge­stem­pel, die es erst seit 1971 gegeben hatte. Für den Rand verwendete er sogar Werkzeuge, die erst seit dem Jahre 1973 verwendet worden waren. F. prägte besagte Münzen während seiner Arbeits­zeit und brachte sie 1973 zu seinem Vorge­setz­ten Heiling, der sich bei einer Münzlei­ter­ta­gung verge­wis­serte, dass an besagten Münzen im Münzmuseum kein Interesse mehr bestünde. Ott, Heiling und F. hatten nun die Sicherheit, sich die in Verges­sen­heit geratenen Münzen aneignen zu können, und teilten diese unter sich auf. Im darauf folgenden Jahr verkauften sie einen Teil ihrer Münzen, wobei ihnen klar sein musste, dass sie illegale Nachprä­gun­gen mit einem hohen Sammler­wert "versil­ber­ten", die dem staat­li­chen Einzie­hungs­recht unterlagen.

Weitere illegale Nachprä­gun­gen entstanden 1974. Willy Ott traf in diesem Jahr bei der Münzlei­ter­ta­gung den Regie­rungs­di­rek­tor des Bundes­fi­nanz­mi­nis­te­ri­ums, der für die Vergabe der Präge­auf­träge zuständig war. Dieser erzählte Ott von seiner unvoll­stän­di­gen Sammlung deutscher Kursmünzen - darunter die besagten Zwei- und Fünfzig-Pfennig-Münzen - und fragte, ob davon noch Exemplare in Karlsruhe vorhanden seien. Ott verstand die Frage so, dass er zum Auffüllen der privaten Sammlung auch Münzen nachprägen dürfe, obwohl der Regie­rungs­di­rek­tor juristisch nicht befugt war, entspre­chende Aufträge zu erteilen. Er gab den vermeint­li­chen Auftrag an Heiling weiter. Dieser wollte das Verhältnis zu seinem Vorge­setz­ten nicht gefährden und beauf­tragte, obwohl er sich des Unrechts bewusst war, F. mit der Ausführung der Nachprä­gun­gen. Ott verkaufte die Münzen zu den darauf stehenden Werten an den Regie­rungs­di­rek­tor des Bundes­fi­nanz­mi­nis­te­ri­ums und einen weiteren Vorge­setz­ten. Die Käufer waren arglos.

Ursprüng­lich wollte Ott mit den Nachprä­gun­gen gute Bezie­hun­gen zu seinen Vorge­setz­ten herstellen, die ihm sehr wichtig war, da er fürchtete, dass die Karls­ru­her Münze der Stutt­gar­ter Münze unter­ge­ord­net oder sogar ganz geschlos­sen werden könnte, wodurch er unter Umständen seine Arbeit verloren hätte. Allerdings dürfte bei den Dreien als Motiv bald die unpro­ble­ma­ti­sche private Berei­che­rung vorherr­schend gewesen sein. Heiling finan­zierte mit dem erworbenen Geld die Hochzeit seiner Tochter und unter­stützte Angehörige finanziell, einen Teil sparte er. F. benötigte das Geld für den Bau seines Hauses.

Aus der Betrugs­ge­schichte wird der Münzskan­dal

Als dem Münzex­per­ten Philipp Kaplan nach seiner Einschät­zung viel zu häufig von Münzsamm­lern Prägungen der Nachkriegs­zeit zur Begut­ach­tung vorgelegt wurden, wuchs sein Misstrauen. Er schickte Anfang November 1974 deshalb einen Satz Kursmünzen des Jahrgangs 1967 zur Begut­ach­tung an einen Bekannten in der Bundes­bank Frankfurt. Kurz darauf bekam Kaplan die Antwort, dass die von ihm einge­schick­ten Münzen zwar "echt" seien. Es handele sich aber um Nachprä­gun­gen, was aufgrund der verwen­de­ten Werkzeug­kom­bi­na­tion eindeutig feststehe. Um die einge­lei­te­ten Ermitt­lun­gen nicht zu behindern, bat man ihn ausdrück­lich, bis zum Abschluss der Unter­su­chun­gen über den Vorfall zu schweigen.

Ende 1974 ermittelte die Aufsichts­be­hörde der Bundes­bank nur innerhalb der Karlsruher Münze und stellte Ott und Heiling, die alleine Zugang zum Tresor mit allen Präge­stem­peln hatten, zur Rede. Nach zwei Monaten, inzwischen konnten natürlich Beweis­stücke beseitigt werden, infor­mierte man endlich auch die Staats­an­walt­schaft, die sofort mit den Ermitt­lun­gen begann. Dabei kam zu Tage, dass innerhalb der vergan­ge­nen sechs Jahre mindestens 1.700 falsche Münzen im Wert von 500.000 DM durch die drei Mitar­bei­ter der Karlsruher Münze auf dem Sammler­markt in Umlauf gebracht worden waren. Die genau Zahl der Nachprä­gun­gen konnte nicht ermittelt werden.

Nach dem Bekannt­wer­den der illegalen Nachprä­gun­gen in der Karlsruher Münze gab es zunächst kaum öffent­li­che Reaktionen. Das lag vor allem daran, dass die "falschen" Münzen nur für Sammler von Interesse waren. Bei diesen rief der Fall allerdings sofort Empörung hervor. Als die Medien jedoch das Potenzial für eine Skanda­li­sie­rung des Betrugs­falls witterten, stiegen sie verstärkt in die Bericht­er­stat­tung ein. Deren Spektrum reichte von absoluter Empörung bis zu völliger Gleich­gül­tig­keit. Während des Prozesses stellte ein Teil der Medien die Angeklag­ten quasi an den Pranger und in der Öffent­lich­keit entstand - beein­flusst durch die hohe Medien­prä­senz - der Eindruck, der Fall sei schockie­rend. Der Gerichts­saal war daher auch immer gut gefüllt. Es bleibt jedoch festzu­hal­ten, dass ohne die mediale Aufmerk­sam­keit für den Betrugs­fall und dessen Aufbe­rei­tung als Skandal, durch den im Grunde nur Sammler geschädigt wurden, sich die Bevöl­ke­rung nur mäßig für den Fall inter­es­siert hätte.

Das Urteil und seine Konse­quen­zen

1976 standen die drei Angeklag­ten in erster Instanz wegen Falsch­mün­ze­rei vor dem Karlsruher Landge­richt. Die Anklage beantragte Freiheits­s­tra­fen von drei bis vier Jahren, die Vertei­di­ger plädierten auf Freispruch mit dem Argument, Geld, das in einer Staat­li­chen Münze geprägt wurde, könne kein Falschgeld sein. Das Gericht folgte dieser Argumen­ta­tion und verur­teilte die Angeklag­ten nur wegen Betrugs und Diebstahls zu Freiheits­s­tra­fen auf Bewährung. Gegen das Urteil legte die Staats­an­walt­schaft Revision ein. Der Bundes­ge­richts­hof überprüfte den Fall und kam zu dem Beschluss, dass ohne gültigen Präge­auf­trag herge­stell­tes Geld Falschgeld sei. In zweiter Instanz verur­teilte das Gericht F. wegen Diebstahls sowie Ott und Heiling wegen Geldfäl­sche­rei wiederum zu Freiheits­s­tra­fen auf Bewährung. F. wurde 1975 fristlos entlassen, Ott und Heiling wurden ihres Dienstes enthoben, erhielten aber weiterhin die Hälfte ihres Gehalts.

Durch den Beschluss des Bundes­ge­richts­hofs war nun eindeutig festgelegt, dass eine Münze nur als echt gilt, wenn sie in einer Staat­li­chen Münze mit offizi­el­lem Präge­auf­trag des Bundes­fi­nanz­mi­nis­te­ri­ums herge­stellt wird. Die illegal nachge­präg­ten Münzen wurden, soweit sie überhaupt auffindbar waren, eingezogen. Heute werden frisch geprägte Münzen aus Karlsruhe und anderen Präge­stät­ten von der Bundesbank abgeholt und in Umlauf gebracht. Zuvor wird deren genaue Stückzahl dank moderner Technik nicht gewogen, sondern genau abgezählt. In der Karlsruher Münze selbst sind die Kontrollen viel strenger geworden. Es ist im Vergleich zu damals verboten, Münzgeld in die Münze mitzu­neh­men, was mit Metall­de­tek­to­ren kontrol­liert wird. Als interne Währung wurde Plastik­geld eingeführt. Außerdem sind heute zwei Personen zum Aufschlie­ßen des Tresors notwendig. Privat­per­so­nen oder Firmen ist das Prägen­las­sen von Münzen oder Medaillen etwa für Jubiläen nur mit Geneh­mi­gung des Bundes und auch nur dann erlaubt, wenn man das Original von der Nachprä­gung unter­schei­den kann. Heute erinnern sich sogar Münzsamm­ler kaum noch an den Vorfall, von einem Skandal spricht man in diesem Fall so gut wie überhaupt nicht mehr.

Der Text basiert auf dem Beitrag einer Projekt­gruppe des Bismarck-Gymnasiums zum Schüler­wett­be­werb Geschichte des Bundes­prä­si­den­ten 2011. Der Autoren­gruppe gehörten an: Petra Cernoch, Dario Dornauer, Leopold Dodd, Maria Möslang, Judith Scherr, Adelheid Wibel. Die vollstän­dige Arbeit ist über das Sekre­ta­riat des Bismarck-Gymnasiums zum Preis von 5 € erhältlich.

Die Autorin ist Abitu­ri­en­tin des Bismar­ck­gym­na­si­ums.