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Karlsruhe: Stadtgeschichte

Blick in die Geschichte Nr. 99 vom 21. Juni 2013

Carlsruher Blick­punkte

Ein Putzrelief von 1956

von Manfred Kästner

Das Putzrelief mit seinem umfang­rei­chen Bildpro­gramm befindet sich an der Südseite des Bau I der Pädago­gi­schen Hochschule in der Bismarck­straße 10. Der Betrachter, der durch den Hauptein­gang das Gebäude betritt und geradeaus durch das Treppen­haus geht, steht unver­mit­telt vor einem Panorama besonderer Art: Figuren sind in den Putz eingeritzt und von Furchen beschrie­ben, die dem darge­stell­ten Geschehen Räumlich­keit vermittelt. Links Helios im sicheren Stand im Streit­wa­gen die Rosse zügelnd rast in göttlicher und gestählter Kraft auf in den Himmel, in den Kosmos, um der Welt das Licht und die Wärme zu bringen. Drei tanzende Frauen­ge­stal­ten, gemeint sind Horen, verab­schie­den den Sonnengott in ihrer Freude, daß er der Welt das Licht des Spiels und der Erkennt­nis bringt.

Im Schei­tel­punkt der Darstel­lung über dem südlichen Ausgang die strahlende Sonne, der am Himmel sichtbare Helios, und von ihr, so die Erzählung des Bildes, ein Adler, einer schrei­ten­den Figur folgend, die groß und mit dem Pathos eines Heroen von den himmli­schen Gefilden herab­steigt. In der Linken streckt er eine Fackel mit dem erlösenden Feuer den unten auf der Erde wartenden Menschen entgegen, hagere Gestalten, ganz im Wider­spruch zu den freude­vol­len Horen auf der anderen Seite; sie begrüßen den Helden in der Freude auf das Ende ihres Leides. Prometheus ist der Bringer der Erlösung - er hat am Streit­wa­gen des Helios seine Fackel entzündet, um den Menschen das Feuer wieder zu schenken, das Zeus ihnen genommen hatte. Und der Zeus-Adler wird ihn strafen und beständig sich an der Leber des Titanen­soh­nes laben.

Soweit der Mythos, wie er in diesem Putzrelief seine Form gefunden hat. Das Ende Zweiten Weltkriegs bedeutete den Untergang des Natio­nal­so­zia­lis­mus, der ja auch mit seinen unsäg­li­chen Heils­ver­spre­chun­gen die Massen des Volkes, auch die Karlsruher Bürger, darunter auch die Lehrer und die Dozenten der Lehrer­bil­dungs­an­stal­ten begeistert hatte und an den Verbrechen teilhaben ließen, in welcher Form auch immer. Nach dem Ende des Krieges, der Verbrechen des Natio­nal­so­zia­lis­mus mit millio­nen­fa­chem Mord, mit der Zerstörung von Karlsruhe, auch ihrer Lehrer­bil­dungs­an­stalt in der Bismarck­straße, leuchtet es unmit­tel­bar ein, daß die künst­le­ri­sche Aufbe­rei­tung der prome­thei­schen Heilslehre als adäquates Bildpro­gamm für eine Erneue­rung der pädago­gi­schen Grundlehre gewählt wurde.Und es verwundert auch nicht, daß ein in monumen­ta­ler Bildpro­pa­ganda geschulter Künstler den Auftrag bekam, die Putzfläche im neuge­stal­te­ten Treppen­haus des wieder­auf­ge­bau­ten Gebäudes zu gestalten - Emil Sutor, geboren 1888 in Offenburg und 1974 in Karlsruhe verstorben; er wurde als Bildhauer im Dritten Reich bekannt, zu seinen Käufern gehörte u.a. Reichs­füh­rer SS Heinrich Himmler. Seinen Stil kann man als angepaßt klassi­zis­tisch bezeichnen, angepaßt deshalb, weil er eine eher weiche Form des NS-Klassi­zis­mus vertrat. Nach dem Krieg paßte sich Sutor den neuen Strömungen der abstra­hier­ten Gegen­stands- und Figuren­for­men an und arbeitete vor allem im Bereich der Kirchen­aus­stat­tung. Von der Baden-Württem­ber­gi­schen Landes­re­gie­rung wurde er 1954 zum Professor ernannt.

Das Putzrelief ist ein beredes Beispiel für die neue Bildäs­the­tik eines moder­ni­sier­ten Figuren­stils nicht nur bei Sutor. Dem Thema gemäß hielt er sich an gewisse antike Grund­for­men, die er in der Reaktion auf kubis­ti­sche Struk­tur­mus­ter im Hinblick auf Moder­ni­tät defor­mierte, aber gleich­zei­tig dem agita­to­ri­schen Pathos verhaftet blieb. Daraus erklären sich die formalen Uneben­hei­ten, Verdre­hun­gen und Wider­sprü­che in der Wirkung. Auf der anderen Seite bezeugt die Bewäl­ti­gung dieser relativ großen Wandfläche ein gewisses akade­mi­sches Format. Das künst­le­ri­sche Problem liegt in dem artiku­lier­ten Anspruch der Heilung des mensch­li­chen Leidens durch die bruchlose Rezeption des antiken Mythos, der schon integrier­ter Bestand­teil der natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Propaganda war. Es ist nichts zu spüren vom Scheitern dieses Konzepts, ein Thema, das nur in Ausnahmen von den Zeitge­nos­sen bearbei­tet wurde; es sei vor allem an das Guernika-Bild von Picasso erinnert oder auch an Dix oder Beckmann.

Sutor wurde ein bekannter Plastiker und Bildhauer. Sein berühm­tes­tes Werk ist wohl der Bambi von 1958, dessen Repliken in tausenden Exemplaren bis 1999 in die Welten des populären Filmruhmes gestreut wurden.

Der Autor veröf­fent­lichte eine ausführ­li­che Darstel­lung des Putzre­li­efs: "Helios und prometheus - Überbrin­ger einer neuen pädago­gi­schen Heils­leh­re? Das Putzrelief von Emil Sutor in Bau I der Pädago­gi­schen Hochschule Karlsruhe" in: karlsruher pädago­gi­sche beiträge 80/2012, S. 9-52.

Der Autor ist emeri­tier­ter Professor für Kunst­ge­schichte der Pädago­gi­schen Hochschule Karlsruhe.

 

Foto: ONUK Fotografie, Bernhard Schmitt


Foto: ONUK Fotografie, Bernhard Schmitt


Fotos: ONUK Fotografie, Bernhard Schmitt

Fotos: ONUK Fotografie, Bernhard Schmitt


 
 

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