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Karlsruhe: Stadtgeschichte

Blick in die Geschichte Nr. 98 vom 15. März 2013

Carlsruher Blick­punkte

Kelten- und Römer­grä­ber in der Rheinaue

von Jörg Bofinger

Dieser Blickpunkt auf Karlsruher Gemarkung war nur kurzfris­tig 2007 wirklich sichtbar. Inzwischen können Spazier­gän­ger westlich des Neureuter Baggersees und des Gewer­be­ge­biets im Kleinen Bruch nichts mehr davon wahrnehmen.

Zwischen 2007 und 2010 wurde das groß angelegte Projekt der Ethylen-Pipeline Süd (EPS) realisiert. Die archäo­lo­gi­sche Denkmal­pflege in Baden-Württem­berg überwachte die gesamte Strecke von 190 km quer durch Nordbaden und Nordwürt­tem­berg. Dabei konnten insgesamt weit über 100 neue Fundstel­len entdeckt und dokumen­tiert werden. Eine der ersten Grabungen fand im Herbst 2007 ganz im Westen der geplanten Strecken­füh­rung unweit der Rhein­que­rung der EPS bei Karlsruhe-Neureut statt. Diese Fundstelle war durch Beflie­gun­gen der Luftbild­ar­chäo­lo­gie bereits seit Anfang der 1990er Jahre bekannt. Die Luftbilder zeigten innerhalb eines landwirt­schaft­lich genutzten Areals zahlrei­che kreisrunde Verfär­bun­gen mit Durch­mes­sern zwischen 10 bis 40 m, die sich eindeutig als Grabhügel identi­fi­zie­ren ließen, ohne dass jedoch zunächst eine genauere zeitliche Einordnung möglich gewesen wäre.

Obwohl die Trassen­füh­rung der Pipeline parallel zu einem beste­hen­den Feldweg verlief, ließ sich ein Eingriff in die archäo­lo­gi­schen Befunde des Gräber­felds nicht gänzlich vermeiden. Die für den Pipeli­ne­bau notwen­di­gen Boden­be­we­gun­gen und die folgende archäo­lo­gi­sche Unter­su­chung erlaubten nun zum ersten Mal Einblicke in die Befund­si­tua­tion und -erhaltung des Gräber­fel­des. Dabei wurde deutlich, dass die archäo­lo­gi­sche Substanz massiv von der langjäh­ri­gen landwirt­schaft­li­chen Nutzung bedroht ist. Pflug­spu­ren durch­zie­hen an vielen Stellen kammartig die Befunde und haben bereits einzelne Bestat­tun­gen stark in Mitlei­den­schaft gezogen: so fanden sich Beigaben stellen­weise bereits stark verlagert in den Pflug­spu­ren außerhalb des ursprüng­li­chen Grabes.

Im Umfeld eines Kreis­gra­bens mit rund 7,5 m Durch­mes­ser, der von einem Kranz aus einzelnen, locker gesetzten Holzp­fos­ten umgeben war, konnten mehrere frühei­sen­zeit­li­che Bestat­tun­gen freigelegt werden. Im Zentrum des ehemaligen kleinen Grabhügels wurde keine Bestattung angetrof­fen; ein - vermutlich moderner - Eingriff scheint hier das Zentrum des Befundes bereits vollstän­dig zerstört zu haben. Im Randbe­reich fanden sich indes mehrere frühei­sen­zeit­li­che Körper­grä­ber, die teils ein reich­hal­ti­ges Beiga­be­nen­sem­ble aus Ringschmuck und Gewand­span­gen bargen und zeitlich in das 6. und 5. Jahrhun­dert v. Chr. einge­ord­net werden können. Ein an der Außenseite des Kreis­gra­bens liegendes Grab erwies sich aufgrund der Beigaben zweier kleiner Gewand­schlie­ßen und einer Nadel im Brust­be­reich sowie eines Schmu­cken­sem­bles aus einem unver­zier­ten geschlos­se­nen Halsring sowie paarigen Arm- und Beinringen aus Bronze als frühkel­ti­sche Bestattung des 6. Jahrhun­derts v. Chr. eines wohl weiblichen Indivi­du­ums.

In den Luftbil­dern nicht erkennbar, sondern erst im Laufe der Ausgra­bun­gen nachzu­wei­sen, war eine zweite Belegungs­phase des Gräber­fel­des. Knapp 10 m von der Kreis­gra­ben­an­lage entfernt zeigten sich unerwar­te­te Spuren von Bestat­tungs­tä­tig­keit aus der Römischen Kaiserzeit. So deuten mindestens drei quadra­ti­sche bis recht­e­ckige Grabgärten mit Kanten­län­gen von 4 bis 5,5 m mit Brand­be­stat­tun­gen auf eine Belegung des Friedhofs während des 2. bis 3. Jahrhun­derts n. Chr. Innerhalb zweier dieser Graban­la­gen fand sich jeweils ein beiga­ben­lo­ses, bzw. mit einer Lanzen­spit­ze ausge­stat­te­tes Brandgrab. Am inter­essan­tes­ten stellte sich der dritte Grabgarten dar. In seinem Zentrum wurde eine recht­e­ckige Verfärbung festge­stellt, die nach Auffinden zahlrei­cher Nägel unter­schied­li­cher Größen und möglicher Beschlag­teile als Rest einer hölzernen Truhe angespro­chen werden kann. Innerhalb dieses Bereiches lagen ein größeres mit Leichen­brand gefülltes Tongefäß, eine Flasche mit Becher, eine gläserne sechs­e­ckige Flasche und eine Münze.

Um weitere Schädi­gun­gen der archäo­lo­gi­schen Fundstel­len zu verhindern, einigten sich Stadt­ver­wal­tung und Denkmal­pflege darauf, diese aus der inten­si­ven landwirt­schaft­li­chen Nutzung heraus­zu­neh­men und in Grünland umzuwan­deln. Die Fundstücke - abgebildet ist Bronze­schmuck aus der Frauen­be­stat­tung des 6. Jahrhun­derts v. Chr. - befinden sich derzeit noch am Landesamt für Denkmal­pflege in Esslingen am Neckar für die wissen­schaft­li­che Bearbei­tung.

 

Foto: LAD / Y. Muhleis

Foto: LAD / Y. Muhleis


 
 

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