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Karlsruhe: Stadtgeschichte

Blick in die Geschichte Nr. 98 vom 15. März 2013: Aus Nacktkultur wurde FKK

Freikör­per­kul­tur in Karlsruhe

von Gernot Horn

Als Teil der anfangs des vorigen Jahrhun­derts entstan­de­nen facet­ten­rei­chen Strömung der Lebens­re­form entwi­ckelte sich das Bemühen, durch Überwin­dung von herge­brach­ten Moral­vor­stel­lun­gen und Beklei­dungs­nor­men zu einer ungezwun­ge­nen Nacktheit beider Geschlech­ter zu gelangen. Die damaligen Pioniere bezeich­ne­ten ihre Zielset­zung als Nackt­kul­tur. Öffent­li­che Nacktheit war in jenen Jahren eine Provo­ka­tion, was beispiels­weise 1904 durch die Proteste beim Bau des Brunnens auf dem Stephan­platz mit der Abbildung eines unbeklei­de­ten Mädchens auch in Karlsruhe sichtbar wurde. Es gab damals jedoch auch anders denkende Menschen. Der Verein für natur­ge­mäße Lebens- und Heilweise (Natur­heil­ver­ein) hatte um 1900 ein Sonnenbad hinter dem Areal des heutigen Haupt­bahn­hofs eröffnet, in dem, allerdings getrennt nach Geschlech­tern, man sich nahezu unbeklei­det bewegen konnte. In der Literatur ist eine in Vers-Form gehaltene Ansprache von Fritz Diem zum Sonnenfest 1905 des Vereins überlie­fert, in der er "para­die­si­sche Menschen­gleich­heit" propa­gierte.

Nachdem sich bereits vor dem Ersten Weltkrieg Verei­ni­gun­gen für das gemeinsame Nacktbaden gegründet hatten, begann mit der Weimarer Republik für die Protago­nis­ten der Nackt­kul­tur eine neue Zeit. Es entstanden vielerorts Nackt­kul­tur­ver­eine, die sich oftmals eigene Gelände zur sport­li­chen und kultu­rel­len Freizeit­ge­stal­tung ihrer Mitglieder schufen. Aller­dings hatte ein Großteil dieser Vereine aus ideolo­gi­schen und auch gesell­schafts­po­li­ti­schen Gründen höchst unter­schied­li­che Zielvor­stel­lun­gen. Die junge Bewegung der Nackt­kul­tur war zersplit­tert, was auch die Bildung mehrerer Dachver­bände mit jeweils abwei­chen­der Ausrich­tung zur Folge hatte. Die Nackt­kul­tur, allerdings aus einem gänzlich anderen Blick­win­kel, entdeckten auch clevere Geschäfts­leute. Sie veran­stal­te­ten in einschlä­gi­gen Lokalen "Schön­heits­tän­ze", bei denen vor allen Dingen der nackte Körper von Frauen zur Schau gestellt wurde. Um sich von solchen mehr als fragwür­di­gen geschäft­li­chen Inter­es­sen abzugren­zen, bezeich­ne­ten ab etwa 1925 die damals existie­ren­den Vereine und Verbände fortan ihr Handeln und ihre Ziele als "Frei­kör­per­kul­tur" (FKK). Und diese Bezeich­nung ist dann in die Geschichte einge­gan­gen.

Lichtbund Karlsruhe hatte mehrere Vorläufer

Die organi­sa­to­ri­sche Zersplit­te­rung der FKK-Organi­sa­tio­nen fand auch in Karlsruhe mit mehreren Vereinen ihren Nieder­schlag. Der größte Karlsruher Verein war der Reichsbund für FKK, der sein Gelände im Weingar­te­ner Moor hatte und der dem lebens­re­for­me­risch ausge­rich­te­ten Dachver­band gleichen Namens angehörte. Der Vereins­vor­sit­zende Adolf Schaffert hatte im Weingar­te­ner Moor zwei Parzellen am Torfwasser von der Gemeinde Weingarten angemietet und für diesen Bereich auch die Fischerei-Rechte erworben. Die von ihm angemie­tete Fläche stellte er seinem Verein als Gelände zur Verfügung. Dieses idyllisch gelegene Gelände wurde bald zum beliebten Anzie­hungs­punkt für zahlrei­che Karlsruher FKK-Anhänger. Der Sudeten­deut­sche Robert Laurer gründete 1927 den undog­ma­ti­schen Dachver­band "Liga für freie Lebens­ge­stal­tung" mit der allei­ni­gen Zielset­zung, das Nacktbaden ohne lebens­re­for­me­ri­sche Elemente zu fördern. Reichsweit bildeten sich bald überall Ortsgrup­pen der "Liga", darunter 1928 auch in Karlsruhe. Diese Ortsgruppe verfügte über ein eigenes Gelände. Wo sich dieses genau befand, konnte leider nicht ermittelt werden. In einer von Laurer heraus­ge­ge­ben Zeitschrift erschien Anfang 1930 ein bebil­der­ter Bericht über einen Ballon-Aufstieg im Sommer 1929 auf dem Gelände der Karlsruher "Liga".

Mit der Gemein­schaft Freie Menschen im Verband der Volks­ge­sund­heit existierte ein weiterer Verein in Karlsruhe. Der Verband Volks­ge­sund­heit gehörte dem sozia­lis­tisch ausge­rich­te­ten Arbeiter Turn- und Sportbund an. Dieser Verein verfügte offenbar über kein eigenes Gelände. Nachweis­bar sind lediglich Gymnas­ti­ka­bende und einschlä­gige Vorträge.

Zäsur 1933

Das Jahr 1933 brachte für die FKK-Bewegung einschnei­den­de Verän­de­run­gen. Mit dem Runderlass des Preußi­schen Innen­mi­nis­te­ri­ums vom 3. März 1933 wurde die "soge­nannte Nackt­kul­tur­be­we­gung als große Gefahr für die deutsche Kultur und Sittlich­keit" reichs­weit verboten. Die FKK-Verbände waren zunächst der irrigen Meinung, der Erlass richte sich gegen die von ihnen angefein­de­ten "Nackt­kul­tur-Lokale". Doch der Erlass bezog sich ebenso auf die organi­sierte FKK-Bewegung. Mit der Macht­über­nahme der Nazis wurde die Liga für freie Lebens­ge­stal­tung und deren Ortsgrup­pen aufgelöst. Der Verband Volks­ge­sund­heit wurde, wie alle Organi­sa­tio­nen des Arbei­ter­sports, verboten. Den Natio­nal­so­zia­lis­ten innerhalb der FKK-Organi­sa­tio­nen gelang es derweil den Erlass zu unter­lau­fen, indem sie rasch die verblie­be­nen Vereine im "Kampfring für völkische Freikör­per­kul­tur", der sich wenig später in "Bund für Leibes­zucht" umbenannte, zusam­men­fass­ten und damit gleich­schal­te­ten. Auch der einzig verblie­bene Karlsruher Verein schloss sich dieser von den Nazis geduldeten Dachor­ga­ni­sa­tion an und nannte sich fortan Bund für Leibes­zucht. Ob ehemalige Mitglieder der aufge­lös­ten Karlsruher Vereine dem Bund für Leibes­zucht beitraten, ist infolge fehlender Mitglie­der­nach­weise nicht mehr festzu­stel­len.

Trotz der Mitglied­schaft in einer gleich­ge­schal­te­ten Dachor­ga­ni­sa­tion hatte der Karlsruher Bund mit erheb­li­chen Widrig­kei­ten zu kämpfen. Bereits im Frühjahr 1933 erhob das Forstamt Durlach gegen die FKK-Ausübung in einer Waldfläche ohne forst­be­hörd­li­che Einwil­li­gung "aller­höchste Bedenken". Der ebenfalls gleich­ge­schal­tete Reichs­ver­band Deutscher Sport­fi­scher machte Ansprüche auf das von Adolf Schaffert gepachtete Gelände in Weingarten geltend. Auch von kirch­li­cher Seite wurden Bedenken gegen das "unmo­ra­li­sche Treiben der Nackten" vorge­bracht. Irgendwann war dies "Vereins­füh­rer" Adolf Schaffert zu viel. In einem gehar­nisch­ten Brief an seinen Partei­ge­nos­sen Reichert, Bürger­meis­ter von Weingar­ten und Kreis­schu­lungs­lei­ter, machte er seinem Unmut Luft. Er verwies auf die Jagd- und Fische­rei­frev­ler, denen sein Verein mit Erfolg wiederholt das Handwerk gelegt habe, und argumen­tierte auch gegen die kirch­li­chen Moral­vor­stel­lun­gen. Trotzdem gab es weiterhin mit der Gemeinde Weingarten Ärger. So wurde beispiels­weise von dieser mit der Rücken­de­ckung des Landrates verlangt, die Vereins­mit­glie­der dürften sich auf dem Pacht­ge­lände nur noch in Badebe­klei­dung bewegen. Auch dieses Ansinnen wies der Vereins­vor­sit­zende energisch zurück.

Nach allerlei Schikanen kündigte die Gemeinde den Vertrag mit Adolf Schaffert am 8. August 1939 schließ­lich mit der Begründung, das Weingar­te­ner Moor sei nunmehr Landschafts­schutz-Gebiet und die Vereins-Nutzung könne deshalb nicht weiter geduldet werden. Zwar zahlte der Verein listi­ger­weise für 1940 vorsorg­lich noch die Gelände-Pacht, doch ab 1941 endete unwider­ruf­lich das FKK-Geschehen im Weingar­te­ner Moor.

Schwie­ri­ger Neuanfang nach 1945

Hermann Allmen­din­ger, bereits im Weingar­te­ner Moor ein aktives Mitglied, erweckte nach 1945 die FKK in Karlsruhe zu neuem Leben. Ihm gelang es, 1947 ein Gelände mit Baggersee auf Ettlinger Gemarkung beim dortigen Umform­werk (gegenüber dem Restaurant "Seehof") zu pachten. Allmen­din­ger sammelte die "ehema­li­gen Weingar­te­ner" und gründete mit ihnen am 14. Dezember 1947 die "Liga für freie Lebens­ge­stal­tung Karlsruhe". Allerdings gab es in dem neuen Verein von Anbeginn heftige Ausein­an­der­set­zun­gen. Der noch junge Verein spaltete sich bei der Mitglie­der­ver­samm­lung am 5. März 1948. Unter der Führung von Helmut Groh gründete die Mehrheit der Mitglieder den neuen Verein "Liga für Lebens­re­form Karlsruhe". Eine Minderheit verblieb beim alten Verein unter Hermann Allmen­din­ger, der sich in "Bund für freie Lebens­ge­stal­tung (BffL) Karlsruhe" umbenannte. Dem neuen Verein war indes keine lange Lebens­dau­er beschieden. Er löste sich bald wieder auf. Der Vorsit­zende des abgespal­te­nen Vereins, Helmut Groh, Verleger der FKK-Zeitschrift "Unser Dasein", wurde einige Zeit später in einem bundesweit Aufsehen erregen­den Straf­pro­zess wegen Sittlich­keits­de­lik­ten zu einer hohen Zucht­haus­strafe verurteilt.

Derweil nahm der BffL Karlsruhe eine positive Entwick­lung. Trotz strenger Auflagen und gewisser aus der Lebens­re­form stammender Relikte wie Alkohol- und Nikotin­ver­bot auf dem Gelände und bei Veran­stal­tun­gen, steigerte sich die Mitglie­der­zahl stetig. Der ursprüng­lich von Hermann Allmen­din­ger abgeschlos­sene Pacht­ver­trag ging auf den Verein über. Die Anlage wurde zielstre­big als Sport- und Freizeit­ge­lände ausgebaut. Ein 1952 erwor­be­ner ausran­gier­ter Eisen­bahn­wa­gen wurde mit ungeheu­rer Mühe auf Holzrollen auf das Gelände verbracht, und diente fortan als Sauna. Durch eine zweite Kiesgrube wurden die Bademög­lich­kei­ten beträcht­lich erweitert. Parallel errichtete eine ameri­ka­ni­sche Pionier­ein­heit Erdwälle und schützte so das Gelände vor den Blicken Neugie­ri­ger.

Ein Erfolg für den BffL war die 1955 zuerkann­te Gemein­nüt­zig­keit. 1956 wurde der BffL allerdings jäh aus einer hoffnungs­vol­len Entwick­lung gerissen. Ohne Wissen des Vereins und entgegen ursprüng­li­cher Absprachen hatte der Verpächter sein gesamtes Anwesen an die Stadt Ettlingen verkauft. Die Stadt Ettlingen zeigte an dem "Karls­ru­her Verein der Nackten" keinerlei Interesse, hatte wohl auch mit dem Areal andere Pläne und kündigte den Pacht­ver­trag frist­ge­recht zum November 1960. Hermann Allmen­din­ger, der Pionier des FKK-Gedankens in Karlsruhe, starb 1958. Ein Jahr später nannte sich der BffL in Lichtbund Karlsruhe (LBK) um. In dieser schwie­ri­gen, ja existen­zi­el­len Phase leitete der Geschäfts­mann Werner Schifferer, der am 11. Oktober 1957 zum Vorsit­zen­den gewählt worden war, umsichtig und zielstre­big den Verein.

Endlich auf Karlsruher Gemarkung

Durch die Gelände-Kündigung der Stadt Ettlingen musste sich der LBK intensiv um ein neues Domizil bemühen. Dank der Initiative des damaligen Stadtrats Hermann Walter und mit Unter­stüt­zung von Oberbür­ger­meis­ter Günther Klotz und seinem Sport­de­zer­nen­ten Dr. Emil Guten­kunst verpach­tete die Stadt Karlsruhe am 17. Oktober 1961 dem LBK langfris­tig eine karge Wiese im Gewann Schuß­brett (heute Großer und Kleiner Saum 1) bei Hagsfeld in Angrenzung zum Ortsteil Büchig der Stadt Stutensee. Endlich mit einem Gelände auf Karlsruher Gemarkung, das im Laufe der Jahre zu einer muster­gül­ti­gen Vereins­an­la­ge ausgebaut wurde, begann für den LBK eine Erfolgs­ge­schichte, die bis zur Gegenwart andauert.

Gernot Horn, Geschäfts­füh­rer des Badischen Turner­bun­des (1970 - 2000), vielfacher Deutscher Ringten­nis­meis­ter, Karlsruhe

 

Badefreuden im Kiesgruben-See 1951.

Badefreuden im Kiesgruben-See 1951.



Kinderfest 1953. Im Hintergrund der Sauna-Eisenbahnwagen.

Kinderfest 1953. Im Hintergrund der Sauna-Eisenbahnwagen.



Blick auf das seit 1961 gepachtete Gelände bei Hagsfeld.<br />Fotos: Stadtarchiv

Blick auf das seit 1961 gepachtete Gelände bei Hagsfeld.
Fotos: Stadtarchiv