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Karlsruhe: Stadtgeschichte

Blick in die Geschichte Nr. 98 vom 15. März 2013: Jüdische Künstler prägten das Badische Landestheater

Von der "Schöp­fung" bis zum "Weißen Rössl"

von Josef Werner

Wenige an der Zahl, war ihr künst­le­ri­sches Wirken doch unüberseh- und unüber­hör­bar. Vor allem im musika­li­schen Bereich wäre das - damals so benannte - Badische Landes­thea­ter ohne die jüdischen Dirigenten und Korre­pe­ti­to­ren nicht denkbar gewesen. Mit General­mu­sik­di­rek­tor Joseph Krips, dem Kapell­meis­ter Rudolf Schwarz sowie den Korre­pe­ti­to­ren Curt Stern und Max Ferdinand Kaufmann waren im Musik­thea­ter in allen Schlüs­sel­po­si­tio­nen Künstler mit jüdischen Wurzeln tätig. Joseph Krips allerdings war nach dem Übertritt schon seines Vaters zum Katho­li­zis­mus tatsäch­lich nur nach der unsäg­li­chen Rasse­n­ideo­lo­gie der Nazis als Jude zu betrachten. Dass in der Operette die anmutige Lilly Jank und im Schau­spiel Hermann Brand ebenfalls Juden waren, wussten wohl nur die wenigsten. Noch hatte niemand daran Anstoß genommen. Wenn man wissen möchte, welches Gewicht der künst­le­ri­sche Beitrag der jüdischen Ensem­ble­mit­glie­der für das Karlsruher Theater hatte, sollte man dessen Spielplan 1931/32 zur Hand nehmen. Dieser, der letzte vor den Jahren der NS-Diktatur, gibt zusammen mit den so genannten "Thea­ter­zet­teln", einer Auflistung der jewei­li­gen perso­nel­len Besetzung, verbind­li­che Auskunft.

Urauf­füh­rung der Oper "Die Maske"

Aus diesen Dokumenten geht hervor, dass General­mu­sik­di­rek­tor Krips alle ihm wichtigen Opern selbst dirigierte, vor allem die Wagner-Opern. In der genannten Spielzeit brachte Krips den gesamten "Ring der Nibelun­gen" auf die Bühne des ehema­li­gen Großher­zog­li­chen Hof-theaters am Schloss­platz, dazu Wagners "Tann­häu­ser", "Lohen­grin", "Tristan und Isolde" sowie "Rienzi". Nur den "Flie­gen­den Holländer" überließ er seinem Kapell­meis­ter Rudolf Schwarz. Aber Krips dirigierte selbst auch Beethovens "Fidelio", Mozarts "Don Giovanni", Mussorgs­kys "Boris Godunow" sowie die Opern "Salome", "Der Rosen­ka­va­lier" und schließ­lich "Die Frau ohne Schatten" von Richard Strauß. Vermutlich war Krips mit Strauß gut bekannt, wenn nicht befreundet. Anders wäre es schwer zu erklären, dass Krips dem Kompo­nis­ten die Leitung eines der acht Sinfo­nie­kon­zerte überließ, in dem ausschließ­lich Werke von Strauß selbst gespielt wurden, u. a. der "Till Eulen­spie­gel". Aber auch ein anderer Strauß, der Walzer­kö­nig aus Wien, hatte es dem gebürtigen Wiener Joseph Krips angetan. Zum einen dirigierte er dessen Operette "Die Prinzessin auf dem Eis" selbst. Zum andren brachte er eine so genannte "Morgen­fei­er" auf den Spielplan mit dem Titel "Johann Strauß". Diese war so erfolg­reich, dass sie, jeweils sonntags, mehrfach wiederholt werden musste. Aufsehen erregte die Karlsruher Oper und damit Krips im November 1932 mit der Urauf­füh­rung der Oper "Die Maske" von Rudolf Lothar und Alexander Góth.

Als Höhepunkt des musika­li­schen Wirkens in Krips' letztem unbehin­der­ten "Karls­ru­her" Jahr darf wohl die Aufführung von Haydns Oratorium "Die Schöpfung" zum 200. Geburtstag des großen Kompo­nis­ten bezeichnet werden. Mit einem mächtigen, vom Karlsruher Bachverein verstärk­ten Chor fand die Aufführung am 2. April 1932 in der Karlsruher Festhalle, dem Standort der heutigen Schwarz­wald­halle, statt. Das Karlsruher Tagblatt sprach von einer "innigen und einfühl­sa­men Verbun­den­heit" des General­mu­sik­di­rek­tors mit Haydns Musik. Und die "Badische Presse" regte eine Wieder­ho­lung bei freiem Eintritt an, damit "auch die Jugend und jene Volks­kreise, die sich durch die Not der Zeit keinen Konzert­be­such leisten können, Haydns großar­ti­ges Werk erleben dürfen."

Bei allem eigenen Ehrgeiz überließ Krips seinem Kapell­meis­ter Rudolf Schwarz jede Möglich­keit der Entfaltung und organi­sierte so im Verbund mit diesem einen einzig­ar­ti­gen Opern­spiel­plan. Neben Wagners "Flie­gen­dem Holländer" dirigierte Schwarz in der Saison 1931/32 Verdis "Othello", "Rigo­let­to" und "Der Trouba­dour", Mozarts "Entfüh­rung aus dem Serail", Puccinis "Tosca", d'Alberts "Tiefland", Webers "Frei­schütz", Lortzings "Udine" und "Wild­schütz" sowie Humper­dincks "Hänsel und Gretel". Nicht weniger als zwölf Operetten standen zwischen September 1931 und Juni 1932 auf dem Spielplan des Karlsruher Theaters, die Mehrzahl dirigiert von Rudolf Schwarz. Dazu gehörte auch "Im weißen Rössl" von Benatzky, die einzige Operette, die im "großen Haus" am Schloss­platz gespielt wurde, alle anderen wurden im Städti­schen Konzert­haus aufgeführt. Mit 30 Wieder­ho­lun­gen erreichte diese Operette die Höchst­quo­te der gesamten Spielzeit.

Unter den beiden Korre­pe­ti­to­ren arbeitete Max Ferdinand Kaufmann mehr im Hinter­grund. Curt Stern jedoch wurde bei mehreren Operetten die musika­li­sche Leitung übertragen, u.a. bei Suppés "Boccac­cio". Wohl auch dieser Heraus­for­de­rung wegen, von Stern offenbar gut gemeistert, wurde der Korre­pe­ti­tor intern auch "Operetten-Kapell­meis­ter" genannt.

Schau­spie­le­rin, Sängerin und Tänzerin in einem, entsprach die als Soubrette engagierte Lilly Jank schon seit Jahren den an sie gestellten Erwar­tun­gen. In Wagners "Lohen­grin" spielte die damals 24-jährige in der Spielzeit 1931/32 einen Edelknaben, in Webers "Frei­schütz" eine Braut­jung­fer, und in der voraus­ge­gan­ge­nen Saison war ihr die Rolle der Seeräuber-Jenny in Brecht/Weills Dreigro­schen­oper anvertraut.

Janks Lieblings­me­tier war indessen die Operette. Im "Vetter von Dingsda" sang sie das Hannchen, in den "Drei Muske­tie­ren" das Klärchen und in "Olly Dolly" hatte sie die Titelrolle inne. Nach der Premiere von "Das Dreimä­derl­haus" (nach Schubert) im Juni 1932 schrieb das Karlsruher Tagblatt: "Lilly Jank gab weit mehr, als ihre Rolle eigentlich verlangt." Keine Frage, dass der große Erfolg des "Weißen Rössl" von Lilly Jank mitbewirkt wurde - als Partnerin von Hermann Brands Kellner Sigismund.

Staats­schau­spie­ler Hermann Brand

Hermann Brand war zu diesem Zeitpunkt schon seit zehn Jahren Mitglied des Ensembles, 1929 hatte er den Titel "Staats­schau­spie­ler" erhalten. Es war die Anerken­nung einer ungemein vielsei­ti­gen schau­spie­le­ri­schen Leistung sowohl bei schwie­ri­gen Charak­ter­rol­len wie dem Cassius in Shake­s­pea­res "Julius" oder dem Peachum in der "Drei­gro­schen­oper"

In der Saison 1931/32 hatte Brand Auftritte unter anderem in Goethes "Faust", in Schillers "Wallen­stein", in Shake­s­pea­res "Der Wider­spens­ti­gen Zähmung" und Hauptmanns "Vor Sonnen­un­ter­gang". Einer Rolle im "Schneider Wibbel" gab er ebenso sein ganz persön­li­ches Gepräge wie dem armen Abitu­ri­en­ten in dem Stück "Die Reife­prü­fung". Hierzu schrieb die "Badische Presse" im September 1932: "Mit Hermann Brand fand sich ein Darsteller, der alle Nuancen dieses verkrampf­ten Charakters eines unglück­li­chen Schülers heraus­ar­bei­tete." Zum ausge­spro­che­nen Liebling des Karlsruher Theater­pu­bli­kums wurde Hermann Brand aber vor allem dank seines anste­cken­den Frohsinns und seines Humors. Ernst­haf­ter Schau­spie­ler auf der einen Seite, war er zugleich ein großer Komödiant. In Lustspiel­rol­len und in Operetten überraschte er die Zuschauer häufig mit witzigen Einsprengseln in Karlsruher Dialekt. Was Hermann Brand für das Karlsruher Theater bedeutete, ließe sich auch numerisch darstellen In der Spielzeit 1931/32 stand er in 43 Rollen 106 Mal auf der Bühne, einge­rech­net acht Auftritte im Fastnachts­ka­ba­rett "Die bunte Bühne".

Beliebte jüdische Souffleuse

Wie seine jüdischen Kollegen wurde im Jahr 1933 auch Torsten Hecht Opfer der natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Rasse­n­ideo­lo­gie. Der Sohn eines jüdischen Vaters und einer christ­li­chen Mutter - Mischling oder Halbjude, wie man später sagte - war im Jahr 1927 als "Ausstat­tungs­lei­ter" in das Badische Landes­thea­ter verpflich­tet worden. Schon zwei Jahre später erhielt Hecht was ungewöhn­lich ist, einen Dreijah­res­ver­trag, Bestä­ti­gung einer besonders erfolg­rei­chen Arbeit. Ob bei Wagners "Ring der Nibelun­gen" oder den zahlrei­chen Operetten, ob im "Großen Haus" am Schloss­platz oder im Konzert­haus am Festplatz: Stets wurden nach den Premieren von der Presse auch Hechts einfalls­rei­che Bühnen­bil­der gerühmt.

In der Öffent­lich­keit kaum bekannt war Emma Grandeit. Sie war seit dem Jahr 1926 am badischen Landes­thea­ter als "zweite Schauspiel-Souffleu­se" beschäf­tigt. Die unter den Schau­spie­lern sehr beliebte jüdische Mitar­bei­te­rin war aus Detmold nach Karlsruhe gekommen. Sie und Lilly Jank galten in Karlsruhe als Freun­din­nen.

Der Autor ist Journalist und lebt in Ettlingen.

 

Joseph Krips

Joseph Krips



Hermann Brand

Hermann Brand



Lilly Jank <br />Fotos: Stadtarchiv Karlsruhe

Lilly Jank
Fotos: Stadtarchiv Karlsruhe


 

In der folgenden Ausgabe des "Blick in die Geschich­te" behandelt der Autor das "Verstum­men" der jüdischen Künstler am Badischen Landes­thea­ter.