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Karlsruhe: Stadtgeschichte

Blick in die Geschichte Nr. 97 vom 14. Dezember 2012

Carlsruher Blick­punkte

Sandstein­tor im Albgrün

von Manfred Fellhauer

So mancher Fußgänger oder Radfahrer wird auf dem Weg entlang der Alb auf der Westseite der Günther-Klotz-Anlage schon staunend vor dem wuchtigen Sandstein­por­tal Halt gemacht haben. Es bildet einen Eingang zur Klein­gar­ten­an­lage der Garten­freunde im Albgrün. Eine Erklärung, woher es stammt und wie es an diese Stelle kam, findet man jedoch nicht. Dabei erschließt sich auch dem Laien, dass es sich um ein bemer­kens­wer­tes archi­tek­tur­ge­schicht­li­ches Zeugnis handeln muss.

Die unregel­mä­ßi­gen Quader des Portals sind aus rotem Mainsand­stein gehauen. Den Rundbogen bildet gotisie­ren­des, sich überschnei­den­des Stabwerk, das in Muschel­ele­men­ten endet, denen am Sockel Wappen­kar­tu­schen folgen. Umrahmt wird das Portal von floralem plasti­schen Dekor und bekrönt von Beschlag­werk. Dies sind für den Kunst- und Bauhis­to­ri­ker typische Elemente des deutschen 16. Jahrhun­derts und deren Rezeption im späten 19. Jahrhun­dert. Es sind zugleich Gestal­tungs­ele­mente, die zum Teil im Jugendstil seit der Wende zum 20. Jahrhun­dert wieder­be­geg­nen.

Nachfragen beim Klein­gar­ten­ver­ein und dem Südwest­deut­schen Archiv für Archi­tek­tur und Ingenieur­bau ergaben, dass dieses Portal einst Teil der Gastwirt­schaft "Zum Kühlen Krug" war. Der 1898 eröffnete "Kühle Krug" erfreute sich schnell und über Jahrzehn­te großer Beliebt­heit als Ausflugs­ziel und Ort gesell­schaft­li­cher Veran­stal­tun­gen für die großstäd­ti­sche Bevöl­ke­rung. Im Bannwald malerisch an der Alb gelegen, bot er mit dem großen Biergarten und einem Musik­pa­vil­lon unter alten Bäumen, einem Saal und einer nachträg­lich errich­te­ten Konzert­halle für bis zu 2.000 Besucher Räumlich­kei­ten für Veran­stal­tun­gen jeder Art. Als Beson­der­heit hatte der Bauherr einen Gastraum mit eigenem Eingang für den Tages­ver­kehr der in den nahe gelegenen Fabriken beschäf­tig­ten Arbeiter planen lassen. Zu diesen Fabriken zählte die des Bauherrn selbst, die Firma Sinner AG, Gesell­schaft für Brauerei, Spiritus- und Press­he­fe­fa­bri­ka­tion in Grünwinkel.

Mit der Planung des Anwesens beauf­tragte der Bauherr den seinerzeit sehr renom­mier­ten Karls­ru­her Archi­tek­tur­pro­fes­sor Carl Schäfer, der u.a. für den Neubau der Univer­si­täts­bi­blio­thek in Freiburg, die altka­tho­li­sche Kirche in Karlsruhe, die Renovie­rung des Fried­richs­baus im Heidel­ber­ger Schloss und viele Privat­bau­ten verant­wort­lich zeichnete. Schäfer entwarf einen L-förmig angeord­ne­ten dreitei­li­gen Gebäu­de­kom­plex (zwei­ge­schos­si­ger Zentralbau, einge­schos­si­ger Saalbau und Stallun­gen). Mit der Unregel­mä­ßig­keit des Grund­ris­ses korre­spon­dierte der Formen­reich­tum der Fassa­den­ge­stal­tung: Erker, Dachgauben, ein großer Holzbalkon, Fachwerk des Dachge­schos­ses und Schwe­be­gie­bel mit vielfäl­tig geschweif­ten Streben und Bändern, mit ornamen­ta­ler und figür­li­cher Malerei geschmückte Wandflä­chen sowie aus Bundsand­stein gefertigte Torbögen und Fenste­rum­rah­mun­gen. Bauhis­to­ri­ker beschei­nig­ten dem Bau eine starke Beein­flus­sung durch die Tiroler-Haus-Archi­tek­tur und eine origi­nel­le Kombi­na­tion von romani­schen und gotischen Bauele­men­ten mit Detail­for­men der deutschen Renaissancear­chi­tek­tur. Das Gebäude sei "behag­lich breit hinge­la­gert und trägt in seiner Archi­tek­tur den Stempel ländlicher Heiter­keit", so urteilten 1912 die Blätter für Archi­tek­tur und Kunst­hand­werk. Dort ist auch das Portal abgebildet (s. Abb.), durch das zigtau­sende von Arbeitern im Laufe der Jahrzehnte den für sie vorge­se­he­nen Gastraum im "Kühlen Krug" betreten haben.

Es ist nicht selbst­ver­ständ­lich, dass dieses Relikt eines aus heutiger Sicht denkmal­wür­di­gen Gebäudes erhalten blieb. Als Anfang der 1970er Jahre der Bau der Südtan­gen­te das westliche Ende der Kriegs­straße und damit das Gelände des "Kühlen Krug" erreichte, war dessen Abriss rasch beschlos­sen, auch wenn darüber Bedauern geäußert wurde. 1972 wurde ein Neubau des Lokals wenig entfernt am anderen Ufer der Alb eröffnet und 1973 der Altbau abgetragen. Zu dieser Zeit hatten bereits die Planungen für die Günther-Klotz-Anlage begonnen, das Archi­tek­tur­büro Heinz Jakubeit hatte zusammen mit dem an der Univer­si­tät Karlsruhe lehrenden Garten­ar­chi­tek­ten Gunnar Martinsson nach einem Wettbewerb den Auftrag dazu erhalten. Obwohl es damals noch kein Denkmal­schutz­ge­setz gab, setzte sich Jakubeit nach Auskunft eines damaligen Mitar­bei­ters für die Rettung wenigstens von gut erhaltenen Teilen vergan­ge­ner Baukultur ein. Das galt auch für die Holzbrücke zum Gasthaus "Schäu­mende Alb", die an den See in der Klotz-Anlage versetzt wurde, und die Stahl­brücke über die Alb zur 1968 geschlos­se­nen Firma Junker & Ruh, die im Verlauf des Junker & Ruh-Wegs wieder die Alb überspannt. Das Sandstein­por­tal wurde nach dem Abriss auf einem städti­schen Bauhof zwischen­ge­la­gert und 1976 an seinem heutigen Platz wieder aufge­rich­tet, auch wenn es dort ohne jede Erläu­te­rung etwas verloren am Wegesrand steht.

Manfred Fellhauer, Dipl.-Finanzwirt (FH)

 

StadtAK 8/PBS XIVe 346

StadtAK 8/PBS XIVe 346


Foto: Stadtarchiv

Foto: Stadtarchiv