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Karlsruhe: Stadtgeschichte

Blick in die Geschichte Nr. 96 vom 21. September 2012: Das frühe Karlsruhe und die Ruhe

Zur Herkunft des Stadt­na­mens

von Gottfried Leiber

Mit der Ruhe hat es in Karlsruhe eine ganz besondere Bewandtnis, denn der Name der Stadt benennt die Ruhe geradewegs als die Absicht, die der Fürst, Markgraf Carl Wilhelm, mit der Grund­stein­le­gung am Schlos­sturm am 17. Juni 1715 verbunden wissen wollte. Karlsruhe sollte nach der Vorstel­lung des Fürsten ein Ruhesitz, allen­falls eine Sommer­re­si­denz sein. An eine neue Stadt indessen hat der Markgraf dabei anfangs nicht gedacht.

Im Gegenteil, er wollte, wie er im ersten Privi­le­gien­brief vom 24. September 1715 verkünden ließ, "ein neues Lusthaus anlegen lassen" und habe ihm "den Nahmen Carols-Ruhe gegeben". Zum Ausgleich für seine kräfte­zeh­ren­den Regie­rungs­ge­schäfte habe er sich vorge­nom­men, hier "etwas einsame Ruhe zu genießen". Die Schloss­an­lage sollte daher lediglich ergänzt werden durch "verschie­dene nutz- und ehrbare Gewerbe, Manufac­tu­ren und Handtie­run­gen", mithin durch eine Bebauung entlang der Zirkelwege nördlich der Landstra­ße nach Mühlburg, der heutigen Kaiser­straße. Auf ihrer Südseite, außerhalb des Hofbezirks, entstanden ab 1719 zunächst lediglich die luthe­ri­sche Konkor­dien­kir­che und das Gotteshaus der Refor­mier­ten.

Der Platz für Markt und Rathaus

Doch schon 1718, nur drei Jahre nach der Grund­stein­le­gung zum Turm, deutete vieles darauf hin, dass Karlsruhe eine Stadt werden könnte. Da verlegte Carl Wilhelm seine Residenz von Durlach nach Karlsruhe, und noch im gleichen Jahr genehmigte er das Stadt­wap­pen. Mit der Billigung des Stadt­pri­vi­legs zögerte er jedoch auffallend lange. Erst 1722 wird er Karlsruhe zur Stadt und Residenz­stadt erheben. Mag sein, dass er zu dieser Zeit bereits die räumliche und insti­tu­tio­nel­le Loslösung der Bürger von der Herrschaft, sprich die Bildung eines konkur­rie­ren­den bürger­li­chen Zentrums der Stadt, mit allen zugehö­ri­gen Einrich­tun­gen und damit das Ende der Ruhe befürchtet hat.

Infolge seines Zugeständ­nis­ses entpuppten sich in der Tat zwei zentrale Projekte als Streit­punkte: der Standort für den Markt und der für das Rathaus. Zur Wahl standen ein Grundstück am Zirkel und eines am Marktplatz bei der Konkor­dien­kir­che. Die Geschäfts­leute dachten verständ­li­cher­weise in erster Linie an die Steigerung des Umsatzes und waren deshalb daran inter­es­siert, ihre Waren an der Kaiser­straße, am Haupt­ver­kehrs­weg, statt wie bisher im abgele­ge­nen Zirkel anzuprei­sen. Sie setzten sich daher für einen Marktplatz in zentraler Lage bei der Konkor­dien­kir­che ein, und dort dabei sollte dann auch das neue Rathaus seinen Platz haben. Diesen Wunsch hatte kurz zuvor eine vom Markgrafen selbst veran­lasste Befragung der Händler ergeben. Schweren Herzens folgte schließ­lich Carl Wilhelm 1727 dem Votum seiner Bürger. Das Rathaus entstand schon im folgenden Jahr, der Anfang zu einer "voll­kom­me­nen" Stadt war Wirklich­keit geworden.

Der enttäuschte Blick zurück

Wie der Fürst die weitere Entwick­lung seines beschau­li­chen Karlsruhe erlebt hat, das hat er in Schrift­stücken in einem "definitiv versie­gel­ten Couvert" festge­hal­ten, das nach seinem Ableben gefunden wurde. Darunter befinden sich von ihm selbst verfasste und geschrie­bene Texte für zwei Tafeln, die nach seinem Willen am Schloss angebracht werden sollten. Einen Text hat er in Latein in zwei Versionen formuliert, den anderen in deutscher Sprache.

Die Abbildung zeigt das Dokument mit dem deutschen Text. Er lautet in heute gängiges Deutsch übertragen: "Anno … war ich ein Wald, der wilden Thiere Aufenthalt. Ein Liebhaber der Ruhe wohlte hier in der Stille die Zeit vertreiben. In Betrach­tung der Kreatur die Eitelkeit verachtend in einem kleinen Haus den Schöpfer recht verehren. Allein das Volk kam auch herbei, baute, was du hier siehst. Also keine Ruh, so lang die Sonne glänzt, als allein in Gott zu finden, welche du, wann du nur willst, auch mitten in der Welt genießen kannst. Anno 1728".

Als Leibarzt Dr. Eichrodt die Manuskripte dem Geheimrat von Glaubitz zur Begut­ach­tung übergab, "ob veritatem historiam die Kürze ist angenehm", äußerte der Gefragte keinerlei Änderungs­wün­sche, sondern unter­zeich­ne­te ergeben voll Bewun­de­rung: "O felix populus cujus Principes philo­so­phan­tur" - "glücklich das Volk, dessen Regierende philo­so­phie­ren."

In dem Brief­um­schlag lag außerdem ein Text aus der Feder des Hofpre­di­gers Kirchenrat Hölzlein: "Mercke Welt, ein wilder Waldt wird zur angenehmen Stadt. Ein Durch­lauch­tigs­tes Fürsten Haupt der theuerste Carl, suchet Ruhe unter denen einsamen Bäumen dahier, im Jahr 1715 fängt Er an unter Ihrem Schatten zu sitzen. Aber bald verfolget Ihn die Welt in den Waldt. Untert­ha­nen stöhren seine Ruhe. In einer wunders wändigen Geschwinde erwachsen die anmuthigs­ten Gärten, die bequemsten Häußer. So ist es zwar recht. Die Armen laufen nach Hilfe, die Bedraeng­ten nach Gerech­tig­keit. und wie kann die Tugend verborgen bleiben? Untert­ha­nen begleiten Ihren Fürsten wie das Sternen Heer die Sonne. Kinder seynd nirgends lieber, als bey dem Vater. Doch Mercke Welt, dieß ist die Art deiner Vergnüg­lich­keit, schlechte Ruh, rechte Unruh. Drum erquicket sich, du beglücktes Carols Ruh, dein sorgfäl­ti­ger Stifter an stiller Gemüths Ruh. Die Gott täglich mehren wolle. Gehe hin, und thue desglei­chen."

Im Rückblick auf den Wandel, den Karlsruhe erfahren hatte, betonte der Markgraf erneut als seine unumstöß­li­che Ausgangs­idee die Ruhe in angenehmer Umgebung, um die es offenbar inzwischen schon weitgehend geschehen war. Denn nach der Verlegung der Behörden von Durlach nach Karlsruhe war die Zahl der Bewohner erheblich gestiegen, der Wohnungs­bau florierte. Zusätz­li­che Betrieb­sam­keit brachten der Wochen- und der Jahrmarkt mit sich wie auch das Rathaus mit Korn- und Kaufhaus und den Fleisch­bän­ken. Man denke auch an den regen Verkehr in den schmalen Straßen, an die holpernden Pferde­fuhr­werke und Handkarren, - von den frei umher­lau­fen­den Haustieren, von Hunden und gar Schweinen ganz zu schweigen.

Ein weiser Rat am Ende

Zehn Jahre später, 1738, als Markgraf Carl Wilhelm seine Augen für immer geschlos­sen hatte, kam im Rahmen der Trauer­fei­er­lich­kei­ten erneut das Thema "Ruhe" auf. Zu dieser Zeit muss es auch schon Bewohner gegeben haben, denen es in Karlsruhe nicht ruhig genug gewesen war. Denn diesen undank­ba­ren Leuten redete jetzt Kirchen­rat Philipp Jacob Bürcklin gehörig ins Gewissen. Der Markgraf habe bewusst der von Ihm "prächtig erbauten Residenz- und Wald-Stadt die Obschrifft von der Ruhe gegeben", um in "der unruhigen Welt" ein Zeichen zu setzen. "Welche diese fürstliche wohl-ausge­dachte Benennung zu verdrehen und Carls-Ruhe für Carls-Unruhe anzugeben sich unter­ste­hen, die haben nicht erkannt, wie dass nur gemeine und nieder­träch­tige in einer müßigen Stille, hohe aber und erleuch­tete Gemüther vielmehr mitten in der Menge unruhig schei­nen­der Verrich­tun­gen dero Ruhe zu suchen gewohnt und denen Löwen gleichen, die ihre Ruhe nicht anders als mit offenen Augen zu genießen verlangen."

Wie die Bewohner die pastorale Belehrung aufge­nom­men haben, ist nicht überlie­fert. Bei den einen, die der Kirchen­mann für ihre Kritik als "gemein und nieder­träch­tig" gescholten hatte, mögen seine Argumente kaum dazu geführt haben, ihre "müßige Stille" aufzugeben. Für die anderen jedoch sollten die Worte des Geist­li­chen Ansporn sein, sich im Berufs- und Alltags­le­ben gelassen zurecht­zu­fin­den.

Ab wann im Übrigen die angebliche Unruhe in Karlsruhe erstmals ins Gespräch kam, ist nicht bekannt. Nahelie­gend erscheint lediglich der Schluss, dass sie offenbar spätestens dann zu einem öffentlich geäußerten Thema wurde, als aus der Hofsied­lung eine Stadt geworden war. Mögli­cher­weise störte diese Entwick­lung in erster Linie diejenigen Bewohner, die seit vielen Jahren geradezu idyllisch im Zirkel, sozusagen im Schatten des Fürsten gewohnt haben. Jetzt nahm die Bürgerzahl zu und damit auch Handel und Verkehr, denn mit der Bebauung auf der Südseite entlang der heutigen Kaiser­straße war ein großer erster Schritt für die Erwei­te­rung der Stadt getan. Schon bald würde Karlsruhe mit allen üblichen Einrich­tun­gen und damit weiteren Quellen der Unruhe ausge­stat­tet sein. Um mit dieser "unruhig schei­nen­den" Situation umgehen zu können, bedurfte es in der Tat "hoher und erleuch­te­ter Gemüther". Ihnen galt das Lob des Kirchen­rats, den Bürgern, die über den Dingen stehend nicht aus der Ruhe zu bringen waren. Am Löwen sollten sie sich ein Beispiel nehmen.

Dr. Gottfried Leiber

Ltd. Baudi­rek­tor der Stadt Karlsruhe a.D.

 

Nach dem Tod des Markgrafen Karl Wilhelm aufgefundenes Manuskript. <br />Foto: Generallandesarchiv Karlsruhe

Nach dem Tod des Markgrafen Karl Wilhelm aufgefundenes Manuskript.
Foto: Generallandesarchiv Karlsruhe