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Karlsruhe: Stadtgeschichte

Blick in die Geschichte Nr. 95 vom 15. Juni 2012: Was soll aus dem Karlsruher Schloss werden?

Nach dem Ende der Monarchie 1918

von Leonhard Müller

2015 sollen die meisten Veran­stal­tun­gen zur Jubilä­ums­feier der Stadt­grün­dung vor 300 Jahren in einem großen Zirkel rund um das Schloss statt­fin­den - zu Recht. Das Schloss war seit Beginn als Sitz des absoluten, nach 1819 des konsti­tu­tio­nel­len Monarchen, für zwei Jahrhun­derte der politische und kulturelle Mittel­punkt der Geschichte Karlsruhes.

Die November-Revolution 1918 fegte die Fürsten­herr­schaft hinweg. Am 10. November trat in Baden eine vorläu­fi­ge Regierung an, am 11. November bildeten sich Arbeiter- und Solda­ten­räte, und es begann ein Ringen um neuen Formen der Staats­ge­walt. In Berlin, später in München kam es zu blutigen Ausein­an­der­set­zun­gen, der Sparta­kis­ten­auf­stand wurde durch das Militär nieder­ge­schla­gen. Im milden politi­schen Klima Badens fand außer der Episode einer kurzle­bi­gen Rätere­pu­blik in Mannheim solches nicht statt. Zwar gab es am 11. November 1918 eine Schießerei einer kleinen Gruppe am Karls­ru­her Schloss, doch Regierung und Militär stellten alsbald Ordnung her. Und auch die politi­schen Gegensätze waren in Baden nicht so extrem, denn schon in der vorläu­fi­gen Regierung arbeiteten Minister aus dem sozial­de­mo­kra­ti­schen wie aus dem bürger­li­chen Lager zusammen. So auch in jenen Räten, die sich neben den Arbeiter- und Solda­ten­rä­ten bildeten, z.B. im Beamtenrat, im Rat der geistigen Arbeiter, im Rat für Kunst und Kultur.

Während in Berlin die Gewalt die Strassen beherrschte, überlegte man in Karlsruhe, was aus dem Schloss nun werden solle. Der Großherzog hatte sich nach Zwischen­auf­ent­hal­ten für ein Palais in Freiburg entschie­den, seine Mutter Luise, die letzte Bewoh­ne­rin des Schlosses, für die Insel Mainau. In der "Pyramide", der Wochen­schrift des "Karls­ru­her Tageblatts", konnte man am 2. Februar 1919 lesen, welche Überle­gun­gen den Kunst- und Kulturrat bewegten.

Regie­rungs­sitz oder Volkshaus ?

Zunächst wird der Gedanke, das Schloss als Regie­rungs­sitz zu nutzen, von vornherein abgelehnt. Die neue Regierung könne nicht dem Volk "symbo­lisch in einer feier­li­chen Residenz" gegen­über­tre­ten. Gleich­zei­tig wendet man sich entschie­den dagegen, dass das Schloss mit "seinem hohen künst­le­ri­schen und kultu­rel­lem Wert profanen Bedürf­nis­sen dienstbar gemacht und zu nüchter­nen Bürozwe­cken oder gar zu Massen­woh­nun­gen verwendet wird."

Dagegen wird der Gedanke eines Volks­hau­ses erörtert, "in dem in den Stunden der Muße das Leben des Volkes sich abspielt und durch Einrich­tun­gen der Volks­bil­dung und -belehrung eine höhere Weihe erhält." Doch auch dieser Einfall wird verworfen. "Die Räume, mit herrli­chen Gobelins bespannt, mit kostbaren Teppichen belegt, diese Säle mit ihren Spiegeln und Kronleuch­tern ..., sie sind zum dauernden täglichen Aufenthalt vieler Menschen nicht geschaffen, und diese Menschen würden sich nicht einmal wohl und heimisch fühlen. Nur in feier­li­chen Stunden - nicht zum Selbst­zweck des Aufent­halts, sondern zum höheren Zweck der Berührung mit einer geistigen Macht, der Kunst - soll das Volk zu diesen Festräumen Zugang haben." Für ein solches Volkshaus böte sich viel besser das Erbgroß­her­zog­li­che Palais (heute Sitz des Bundes­ge­richts­hofs) an, "durch sein Lage, durch seine Raumein­tei­lung, seine Neben­ge­bäude und seinen Park in hohem Maße dafür geeignet... ohne dass Kunstwerke zerstört werden müssten. So scheint alles für die Verwendung des Schlosse zum Museum zu sprechen."

Ein Museum

Der Rat warnt nun, Exponate aus allen Sammlungen hier zusammen zu tragen. "Malerei und Graphik müssten im wesent­li­chen im alten Galerie­ge­bäude bleiben", denn wenn man den Räumen schräges Oberlicht zuführen wollte, müsste man Decken einschla­gen und mit zerstö­re­ri­schen Umbauten wäre "die Einheit und Schönheit des Schlosses dahin. Deshalb sei eine strenge Auswahl erfor­der­lich." Was Sammler und Gelehrte zu Studi­en­zwe­cken dienen mag, solle an anderen Stätten bleiben. "Nur das Beste aus aller Kunst, aber auch das wahrhaft Anschau­li­che... darf hier seinen Platz finden... Man müsste in einem Rundgang die Entwick­lungs­for­men der Prähis­to­rie und Antike, des Mittel­al­ters, des Barocks, der Neuzeit nach einander schauen können. ... Das also bereite Kunstwerk lasse man aber nun mit dem Menschen, der es genießen soll, in dauernder Nähe und Berührung sein; das heißt: man schaffe im selben Bau Räume für die geistige Erziehung des Menschen."

Diese Erziehung dürfe von anderer Kunst nicht getrennt sein, "sondern Dichtung, Musik und Gedanke muss gleicher­ma­ßen hier zum Volke sprechen; denn es geht um den ganzen Menschen, nicht um einzelne seiner Sinne und Gefühle, wenn er der Kunst teilhaftig werden soll."

Für eine solche "Volks­hoch­schu­le" böten sich einige große Säle an. Aber: "Wenn man dem Volke Kultur bringen will, darf man es nicht vor Probleme stellen, wie es an Univer­si­tä­ten üblich sein mag. Ein Plan muss die Einheit des Zeit- und Weltbildes wahren. Die Lehrenden müssen das, was sie lehren wollen, vorher austau­schen, damit es in Einklang stehe. ... Durch jene Einheit aber würde das Volk aus seiner gesamten Geistes­ge­schichte das gewinnen, was es bisher und gerade in Zeiten der Not, vergebens sucht: Belehrung über den Sinn des Daseins, Richtungen für sein Zukünf­ti­ges in Wirtschaft, Sitte, Recht Politik, wenn er erst sein geistiges Gesetz im Leben der Vergan­gen­heit erkannt hat."

Zur Belehrung müsse das Erlebnis treten. Im Thronsaal, in der Schloss­kir­che "könnte eine Gemeinde in anderer Weise als im Konzert­saal zum Erlebnis der Musik vereint sein; hier wäre auch die Kanzel, von der Dichtung und Philo­so­phie ... mit dem vollen Klang des Wortes zum Volke sprechen könnte. … Die Idee des Museums und des Volks­hau­ses wären damit zu einer höheren Einheit vermählt: wir würden das erste Volks­kunst­haus haben, eine alle Kunst und die Gesamtheit des Volks umschlie­ßen­de geistige Residenz."

Der Sprachstil dieser Beschlüsse mag uns heute fremd erscheinen, doch wer Publi­ka­tio­nen aus den Jahren nach 1945 liest oder gar an den Diskus­sio­nen teilnahm, versteht diese Fragen nach dem "Sinn des Daseins" auch nach dem Ersten Weltkrieg. Im Februar 1919 galt zunächst nur der Waffen­still­stand, das Heer flutete in die Heimat, ein Friedens­ver­trag stand noch bevor, aber Elsass-Lothringen war schon besetzt, Forde­run­gen nach Gebiets­ab­tre­tun­gen im Osten waren nicht neu, ja den Bestand des Reiches galt es zu erhalten. Darum entschied man sich so rasch für eine Wahl zur deutschen Natio­nal­ver­samm­lung, die in Weimar tagen sollte, dem Zentrum der deutschen Klassik. Nicht anders sah man in Karlsruhe im Strudel dieser Monate im kultu­rel­len Erbe einen Halt, in seiner Bildungs­kraft, im Verlangen nach einem kultu­rel­len Panorama voller Affini­tä­ten der einzelnen Kunst­gat­tun­gen und damit zu einem neuen Bewusst­sein in einer sich wandelnden demokra­ti­schen Gesell­schaft. Max Weber schrieb später: "Wir fangen noch einmal wie nach 1648 und 1807 von vorn an. Das ist der einfache Sachver­halt. Nur dass heute schneller gelebt, schneller gearbeitet und mit mehr Initiative gearbei­tet wird."

Hans Rott und das neue Badische Landes­mu­seum

Schon am 21. November 1919 beschloss das neue badische Minis­te­rium des Kultus und Unter­richts die Verei­ni­gung der Sammlungen für Altertum und Völker­kun­de mit den Sammlungen des Kunst­ge­wer­be­mu­se­ums. Für das Badische Landes­mu­seum hatte man als Direktor mit Hans Rott eine bewährte, einfalls­rei­che Persön­lich­keit gewonnen, wissen­schaft­lich produktiv, organi­sa­to­risch befähigt, mit klarem Konzept für die künftige Funktion dieses Museums. Anschau­lich schildert Rott bei der Museumser­öff­nung am 31. Ju1i 1921 die Modali­tä­ten. "Wohl standen nach geraumer Zeit schon an die hundert Säle und Zimmerchen im Schloss zur musealen Verfügung, doch nur knapp anderthalb Dutzend mit dem früheren Schmuck der Wände. ... In allen übrigen Zimmern waren Wandfül­lun­gen und -bespan­nun­gen, Vorhänge, Bildwerk samt Rahmen ... Spiegel, Lüster und Konsul­ti­sche verschwun­den und in anfänglich verzeih­li­chem Unverstand selbst sinnlos losge­ris­sen." Die Badezim­mer­chen, Teeküchen, Spiegel­ka­bi­nette sträubten sich gegen eine Museums­ord­nung, doch man hatte das Beste versucht, um "die äußere Anpassung an den Zweck, dem sie künftig dienen soll, späterer Zeit zu überlassen."

Und zum Umzug: "Bisweilen zog der von Menschhand archaisch fortbe­wegte Pritschen­kar­ren feierlich vom alten Sammlungs­ge­bäude herüber, vorsichtig die lärmende Kaiser­straße überque­rend. Edle Madonnen und Heili­gen­fi­gu­ren, bis zu einem halben Jahrtau­send alt, fuhren wie auf einem antiken Kultwagen über den winter­li­chen Schloss­platz hinweg und verschwan­den hinter einem stummen Schloss­por­tal, anfänglich noch unwissend, ob sie in den Mauern einer Rokoko­re­si­denz je heimische werden könnten." Dem Eintre­ten­den ruft Hans Rott zu, er genieße "um seiner selbst und seines ethischen Wertes, nicht um der Neuheit willen oder der Lust am Sinnen­wech­sel: denn es sind die alten, ewig dauernden Güter, die unser zerfah­re­nes, nach Neuwerten ruhelos suchendes Eintags­ge­schlecht überdauern werden."

Was könnte bei den Feiern zu Karlsruhes 300. Gründungs­tag besser dienen, als Einkehr in eine geistige Residenz.

Dr. Leonhard Müller

Der Autor ist Historiker und lebt in Karlsruhe.

 

Blick in den Saal des Landesmuseums mit der Türkenbeute um 1925. StadtAK 8/PBS oXIVa 1019.

Blick in den Saal des Landesmuseums mit der Türkenbeute um 1925. StadtAK 8/PBS oXIVa 1019.