Sprung zur Navigation. Sprung zum Inhalt.

Karlsruhe: Stadtgeschichte

Blick in die Geschichte Nr. 95 vom 15. Juni 2012

Carlsruher Blick­punkte

Das jüdische Altersheim und Hospital

von Peter Pretsch

Als 1967 das Gebäude Kronen­straße 62 abgerissen wurde, weil es im Zuge der Altstadt­sa­nie­rung dem Straßen­durch­bruch der Fritz-Erler-Straße weichen musste, war wohl schon in Verges­sen­heit geraten, welche Geschichte sich mit diesem Haus verband. Schon seit Mitte der 1950er Jahre hatte nämlich hier das Polizei­re­vier der Altstadt sein Domizil, das aus seinem ehema­li­gen Dienstsitz im "Karls­ru­her Kreml", einem Jugend­stil­ge­bäude mit Zwiebel­turm in unmit­tel­ba­rer Nachbar­schaft, hierhin gezogen war.

An die ursprüng­li­che Funktion des Gebäudes erinnerte noch bis zum Abriss eine an der Hauswand angebrach­te Gedenk­ta­fel für den jüdischen Arzt Isaak Hochstäd­ter, die sich heute in den Sammlungs­be­stän­den des Stadt­mu­se­ums befindet. Im Herbst 2012 wird diese aufwendig gestaltete Bildhau­er­ar­beit in der Stadt­teilaus­stel­lung zur Geschichte des Dörfle im Stadt­mu­seum präsen­tiert werden.

Hochstäd­ter war Chef der Inneren Medizin im alten Städti­schen Kranken­haus am Lidell­platz von 1830 bis 1858. Er hatte zum einen als Mitglied der Jüdischen Gemeinde Karlsruhe und später des Oberrats der Israe­li­ten Badens mit dafür sorgen können, dass das Israe­li­ti­sche Hospital 1834 gebaut und finanziert wurde. Zudem erklärte er sich bereit, in dem nahe gelegenen neuen Jüdischen Hospital die Behandlung der Kranken gegen ein geringes Entgelt zu übernehmen. Es war vor allem für die ärmere Schicht der jüdischen Bevöl­ke­rung - Dienst­bo­ten, Näherinnen, Putzma­che­rin­nen unter anderen - gedacht. Es ersetzte das alte jüdische Siechen- und Armenhaus, das im 18. Jahrhun­dert vor dem Rüppurrer Tor entstanden war.

Der israe­li­ti­sche Hospi­tal­bau des 19. Jahrhun­derts entstand als klassi­zis­ti­scher zweistö­cki­ger Bau noch in der Tradition Weinbren­ners und verfügte über zehn größere und kleinere Zimmer, die jährlich mit 30 bis 40 Kranken belegt waren. Außerdem hatte der Spital­ver­wal­ter hier seine Wohnung, der gleich­zei­tig als Kostgeber und Kranken­wär­ter fungierte. Noch 1926 wird das "israe­li­ti­sche Kranken­haus" als Teil des "öffent­li­chen Gesund­heits­we­sens" in Karlsruhe lobend erwähnt. Damals scheint man aber schon den Anspruch auf eine klinische Versorgung aufgegeben zu haben und das gemein­de­ei­gene Gebäude wurde an verschie­dene Personen vermietet. Hier lebte auch die Familie des Holocau­st­über­le­ben­den Paul Niedermann, der seine Erlebnisse in Publi­ka­tio­nen und Vorträgen in Koope­ra­tion mit dem Stadt­ar­chiv Karlsruhe in jüngerer Zeit einer breiten Öffent­lich­keit überlie­fert hat.

Mitte der 1930er Jahren wurde das ehemalige jüdische Kranken­haus als jüdisches Altersheim einge­rich­tet. Wie viele Personen hier noch in der Zeit der natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Juden­ver­fol­gung tatsäch­lich gewohnt haben, entzieht sich unserer Kenntnis. Im "Gedenk­buch für die Karlsruher Juden" sind 20 Personen aufgeführt, die wohl von dieser ihrer letzten bekannten Adresse zwischen 1940 und 1943 nach Gurs, Auschwitz und anderen Orten deportiert wurden. Darunter befand sich auch der ehemalige Fußball-Natio­nal­spie­ler Julius Hirsch. Von 1946 bis 1949 war das Gebäude kurzzeitig Sitz der Verwaltung der wieder im Entstehen begrif­fe­nen Jüdischen Gemeinde und des Oberrats der Israeliten Badens, bis der ehemalige Sitz dieser Insti­tu­tio­nen in der Kriegs­stra­ße 154 nach den Kriegs­be­schä­di­gun­gen wieder renoviert war und bezogen werden konnte.

Mit der Altstadt­sa­nie­rung entstand in unmit­tel­ba­rer Nähe des ehemaligen jüdischen Hospitals die Heinrich-Hübsch-Schule an der neuen Fritz-Erler-Straße. Der Blick der zahlrei­chen hier verkeh­ren­den Autofah­rer nimmt womöglich den kleinen Platz mit Rundbänken und Bäumen vor dem Schulein­gang wahr, aber wohl kaum einer verbindet damit die Erinnerung an eine ursprüng­lich segens­rei­che Einrich­tung, deren letzte Bewohner Opfer der menschen­ver­ach­ten­den Vernich­tungs­po­li­tik der Natio­nal­so­zia­lis­ten geworden sind.

Dr. Peter Pretsch

Der Autor ist Leiter des Karlsruher Stadt­mu­se­ums im Prinz­Max­Pa­lais.

 

Foto: StadtAK 8/PBS XV 26

Foto: StadtAK 8/PBS XV 26