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Karlsruhe: Stadtgeschichte

Blick in die Geschichte Nr. 94 vom 16. März 2012

Bücher­blick

Rüppurr und seine Industrie

Der Stadtteil Rüppurr gilt mit seiner Ruhe und der Nähe zum Oberwald als eines der bevor­zug­ten Wohnge­bie­te Karlsruhes. Nach seiner Industrie zu fragen überrascht zunächst, führt einen jedoch in inter­essante Abschnit­te der Stadt­ge­schichte, in die die rührige Geschichts­werk­statt Rüppurr seit einigen Jahren einlädt.

Schon Mitte des 18. Jahrhun­derts hatte der Staat eine frühin­dus­tri­elle Entwick­lung gefördert - Farben-, Leder-, Wolle- und Tuchher­stel­lung - die mangels finan­zi­el­ler Unter­stüt­zung schrumpte, bis im 19. Jahrhun­dert neue Initia­ti­ven erfolgten. Ein Indus­trie­ge­biet hat es aber nie gegeben. Einzelne Unter­neh­mun­gen lagen wie die Chemische Fabrik fern vom Dorf auf dem Gelände des heutigen Märchen­rings.

Diese Fabrik gewann ab den 1830er Jahre mit ihrer Produktion von "Pariser Stahl­blau­far­ben" eine geradezu monopo­lar­tige Stellung, fand nicht nur in Deutsch­land, sondern auch in Übersee Absatz und wurde mit zahlrei­chen Medaillen ausge­zeich­net. Forschungs­ar­beit führte zu Erfolgen in der Kunst­dün­ger­her­stel­lung, freilich begrenzt durch schlechte Straßen beim Abtrans­port. Nach einem Besit­zer­wech­sel wurde das Unter­neh­men Teil der "Kathrei­ner Malzkaf­fee­fa­bri­ken", und neben die bisherige Farb- und Lacke­pro­duk­tion trat nun die Verar­bei­tung der Braugerste. Ungelernte Arbeits­kräf­te fanden im armen Rüppurr eine erhoffte Beschäf­ti­gung, 10 Stunden pro Tag. Nach 1900 wurde eine Verlegung der Fabrik aus der Randlage an den Rheinhafen drängend. Daran war auch die Stadt Karlsruhe inter­es­siert, die ihr Wasserwerk im Oberwald ausbauen wollte und die chemi­schen Abwässer fürchtete, deren Spuren man noch 1976 im Grund­was­ser feststel­len musste.

Knapper als zur Chemischen Fabrik sind die Quellen für das Unter­neh­men von Friedrich Däuble, der Gurken­kon­ser­ven, Essig, Senf und Sauer­kraut produ­zierte, dessen Ruf aber nicht minder populär war. Nicht nur die mühevolle Herrich­tung wird hier geschil­dert, auch das geschickte Marketing wird angeführt, wurden doch die origi­nel­len Senftöpf­chen Däubles geschätz­tes Sammelgut.

Beiträge zur Zigar­ren­fa­brik Dörrmann und der Zigaret­ten­fa­brik "Marellis" runden das Bild von Klein­be­trie­ben mit weiten Absatz­ge­bie­ten. Die Gebäude der Hemden­fa­brik Stecker & Wilde sind heute noch als Büroge­bäude verschie­de­ner Firmen erhalten.

Über die lokale Bedeutung hinaus spiegelt das reich bebilderte, mit zahlrei­chen weiter­füh­ren­den Anmer­kun­gen versehene Heft den Gründungselan von einfalls­rei­chen und wagemu­ti­gen Unter­neh­mern, die Rüppurrern in ihrer Epoche für Arbeit und Brot sorgten. In seiner Anschau­lich­keit bietet der Band eine anregende und infor­ma­tive Lektüre.

Dr. Leonhard Müller, Historiker, Karlsruhe


Rechts­his­to­ri­sche Rundgänge durch Karlsruhe

Mit der Ansiedlung des Bundes­ge­richts­hofs und des Bundes­ver­fas­sungs­ge­richts 1950/1951 erhielt Karlsruhe den Beinamen "Residenz des Rechts", mit dem die Stadt zugleich an ihre frühere Funktion als Residenz- und Landes­haupt­stadt erinnert. Diese Titulie­rung alleine auf die obersten juris­ti­schen Behörden der Bundes­re­pu­blik zu beschrän­ken, greift aber - und das belegt Detlev Fischer mit diesem Band eindrucks­voll - deutlich zu kurz. Die Stadt verfügt in Rechts­set­zung und Recht­spre­chung über eine deutlich weiter zurück­rei­chende beacht­li­che Tradition. Zu denken ist hierbei an die Privi­le­gien für die Bürger aus der Stadt­grün­dungs­zeit, an die Aufhebung der Leibei­gen­schaft und der Folter durch Großherzog Karl Friedrich, an die liberalste Verfassung ihrer Zeit von 1818, an die Debatten im Badischen Landtag vor allem in der Vorre­vo­lu­ti­ons- und der Revolu­ti­ons­zeit 1848/49, an die erstmals in Deutsch­land einge­rich­te­te Verwal­tungs­ge­richts­bar­keit 1863/64, an die demokra­ti­sche Verfas­sungs­ge­bung 1919 wie an den Niedergang des Rechts­staa­tes in der NS-Zeit.All dies wie auch die Nachkriegs­ent­wick­lung war notabene mit Örtlich­kei­ten in der Stadt und handelnden Personen verbunden.

An über 60 Stationen in der Stadt hat Fischer die Rechts­ge­schichte in Karlsruhe festge­macht und diese in fünf Stadt­rund­gän­gen gegliedert. Sie führen vorbei an zentralen Amtsge­bäu­den wie dem Oberlandes-, dem Landes-, dem Verwal­tungs- aber auch dem NS- Erbge­sund­heits­ge­richt und den Gebäuden der heutigen Residenz des Rechts. Einge­bun­den sind aber auch die Wohn- oder Kanzlei­ge­bäude heraus­ra­gen­der Juristen. Hier findet man Hinweise auf bekannte Namen wie Ludwig Eichrodt, Johann Georg Schlosser, Eduard Dietz und Ludwig Marum aber auch weniger bekannte gleichwohl nicht unbedeu­tende wie Adrian Bingner, Heinrich Wetzlar oder Ernst Fuchs. Die Rundgänge führen ebenso vorbei an rechts­his­to­ri­schen Denkmalen wie dem Großher­zog Karl-Friedrich-Denkmal, der Verfas­sungs­säule, dem Schef­fel­denk­mal und dem nach wie vor umstrit­te­nen Platz der Grund­rechte.

Detlev Fischer bietet Einblicke in die Justi­z­ge­schich­te und verknüpft diese gekonnt mit der Stadt­ge­schichte. Gut lesbar und durch zahlreiche histo­ri­sche Bilder anschau­lich führt er den Leser (und auch die Begleiter seiner Führungen) durch die Stadt, wobei auch spannende rechts­ge­schicht­li­che Details nicht fehlen. Mit diesem Band macht Fischer zum einen die "Residenz des Rechts" im Stadtbild erlebbar und er verdeut­licht zum anderen ihr rechts­his­to­ri­sches Fundament.

Dr. Manfred Koch, Heraus­ge­ber/Re­dak­tion Blick in die Geschich­te

 

Bespro­chene Bücher


Günther Philipp (Hg.): Rüppurr und seine Industrie <br />(Rüppurrer Hefte, Band 7), Info Verlag Karlsruhe, Karlsruhe 2011, 80 S., 66 Abb., 8,50 €.

Günther Philipp (Hg.): Rüppurr und seine Industrie
(Rüppurrer Hefte, Band 7), Info Verlag Karlsruhe, Karlsruhe 2011, 80 S., 66 Abb., 8,50 €.



Detlev Fischer: Rechtshistorische Rundgänge durch Karlsruhe. Residenz des Rechts<br /> (= Schriftenreihe des Rechtshistorischen Museums, Heft 10, Gesellschaft für Kulturhistorische Dokumentation), <br />Karlsruhe 2005, 150 S., 141 Abb., € 12,50.

Detlev Fischer: Rechtshistorische Rundgänge durch Karlsruhe. Residenz des Rechts
(= Schriftenreihe des Rechtshistorischen Museums, Heft 10, Gesellschaft für Kulturhistorische Dokumentation),
Karlsruhe 2005, 150 S., 141 Abb., € 12,50.