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Karlsruhe: Stadtgeschichte

Blick in die Geschichte Nr. 93 vom 23. Dezember 2011

Bücher­blick

Kleine Karlsruher Bibliothek

Dass das Karlsruher kulturelle und gesell­schaft­li­che Leben in der Zeit des Kaiser­reichs eine Blütezeit erlebte, lässt sich in den Karlsruher Stadt­ge­schich­ten in groben Umrissen, dem jeweiligen begrenzten Umfang entspre­chend, erkennen. Dies schlug sich aber auch in autobio­gra­phi­schen Texten unter­schied­lichs­ter Art nieder, so in Tagebü­chern, Erinne­run­gen, Beobach­tun­gen und Berichten oder auch in Romanen, die auf zeitge­nös­si­sche Ereignisse und Personen Bezug nahmen. All diese Textdo­ku­mente sind allerdings kaum noch greifbar und das eine oder andere ruht mögli­cher­weise noch unver­öf­fent­licht in einem Nachlass im Archiv.

Sehr zu begrüßen ist daher die Reali­sie­rung der Idee, auf dem Weg zum Stadt­ge­burts­tag 2015 eine Auswahl dieser Texte zu publi­zie­ren und sie womöglich 2015 auch als Kassette komplett anzubieten. Die Heraus­ge­ber begnügen sich aber erfreu­li­cher­weise nicht mit einem reinen Nachdruck, sie statten vielmehr jeden der anspre­chend gestal­te­ten und preis­wer­ten Bände mit einem Nachwort aus. Darin werden von unter­schied­li­chen Verfassern in gebotener Kürze aber dennoch verläss­lich der Lebensweg und das Wirken des jeweiligen Autors / der jeweiligen Autorin erläutert.

Der erste Band ist eine autobio­gra­fisch geprägte und wie ein zeitge­nös­si­scher Kritiker schrieb, gallige Abrech­nung des Autors mit dem Karlsruher Kultur­le­ben nach der Jahrhun­dert­wende. Albert Geiger, der ab 1901 in der Residenz lebte, war selbst als Mitgründer und Vorsit­zen­der der "Freien Verei­ni­gung Karls­ru­her Künstler und Kultur­freunde. Heimat­li­che Kunst­pfle­ge" Teil des Kultur­be­triebs der Stadt, allerdings ein wenig erfolg­rei­cher und enttäusch­ter. In seinem Roman, 1924 posthum nach seinem Tod 1915 in Karlsruhe erschienen, nennt er die Stadt Dings­da­hau­sen. Hier entwirft er das Bild eines Bürgertums und auch einer Künst­ler­schaft, das angesichts der auch in Karlsruhe voran­schrei­ten­den Indus­tria­li­sie­rung nicht die Kraft zur Verän­de­rung und Moder­ni­sie­rung aufbrachte, sondern im "Schielen nach 'Oben'", also zum Fürsten­haus und dem Adel verharrte.

Einen ganz anderen Blick wirft Otto Müssle (1898-1959) in seinem 1930 erstmals veröf­fent­lich­ten Büchlein auf die Stadt. In seinen "Plau­de­rei­en" geht es dem Kultur­jour­na­lis­ten und Leiter der "Lite­ra­ri­schen Abteilung des Verkehrs­ver­eins" in Karlsruhe um die Beschwö­rung des "alten" Karlsruhe, das er in den stillen Winkeln der Stadt in den 1920er Jahren sucht und zum Teil auch findet. Man kann dies lesen als Ausdruck einer verbrei­te­ten zumindest virtuellen Großstadt­flucht oder aber, wie es im Klappen­text heißt, als "mahnende Erinne­rungs­bil­der", die zum Bewahren und Aufbe­rei­ten von Tradi­tio­nen für eine "menschen­wür­dige Zukunft" auffordern.

Ein weit gewich­ti­ge­res Dokument zum politi­schen und kultu­rel­len Leben in Karlsruhe zwischen 1892 und 1920 ist der Erinne­rungs­band des Chefre­dak­teurs der in Karlsruhe erschei­nen­den natio­nal­li­be­ra­len Zeitung "Badische Presse", Albert Herzog (1867-1955). Hier sind sie alle versammelt: die Künstler in Schauspiel und Oper, die Dichter, Maler und Bildhauer, die Gelehrten, die Landes­po­li­ti­ker und auch der Karls­ru­her Oberbür­ger­meis­ter Schnetzler. Ein zehnsei­ti­ges Perso­nen­re­gis­ter erschließt die Fülle der Namen. Herzog versteht es, seine Begeg­nun­gen, Gespräche und Koope­ra­tio­nen mit ihnen nicht nur als Chronist zu schildern, sondern für viele durch anekdo­ti­sche Details und Würdigung ihrer Leistungen ein eigen­stän­di­ges Portrait zu bieten. Auch auf die die "frohen Feste" seiner Zeit wie das legendäre Künst­ler­fest 1901 in der Festhalle unter dem Motto "Drei Tage im Morgen­land". Den Abschluss des Bandes bilden Herzogs Erinne­run­gen an seine Rolle in dem Karlsruher Sensa­ti­ons­pro­zess gegen den des Mordes angeklag­ten Karl Hau. Herzog wurde für seine anhal­ten­de Kritik an dem in lebens­läng­li­ches Zuchthaus umgewan­del­ten Todes­ur­teil selbst zu einem Jahr Gefängnis verurteilt, aufgrund von Protesten des Journa­lis­ten- und Schrift­stel­ler­ver­ban­des jedoch nach vier Monaten Haft freige­las­sen.

Band 4 der Reihe führt wiederum in das Milieu der Künstler. Die Hauptfigur des Romans "Die Rebächle", die Mama Grossi, ist, wie im Nachwort belegt wird, eine Hommage an die Karlsruher Theater­schau­spie­le­rin Amalie Haizinger. Schon die Rezension im Erschei­nungs­jahr 1909 stellte fest: " Der präch­tigste Charakter ist die Großmutter selbst, ein Stück Alt Karlsruhe, die Verei­ni­gung von Künst­ler­blut und Bieder­mei­er­be­hag­lich­keit, köstlich ist der leise Duft von Bohème, der sie umfließt … Das Ganze ist durchweht vom Laven­del­duft der Großvä­ter­zeit, das Karlsruhe der "Langen Straße" und der Damen-Kaffees, des Ripsofas und der Geheim­rats­steif­heit lebt in seiner Behag­lich­keit und leise klein­städ­tisch angehauch­ten Künst­ler­poe­sie wieder auf." Die Autorin dieser Famili­en­ge­schichte, die haupt­säch­lich von Frauen handelt, ist Hermine Villinger (1849-1917). Sie lebte unver­hei­ra­tet in Karlsruhe und war als Schrift­stel­le­rin sehr erfolg­reich und anerkannt. Die Leitfigur vieler ihrer Erzäh­lun­gen, die selbstän­dige Frau, die ihr Leben selbst in die Hand nimmt, trägt daher laut Nachwort auch autobio­gra­fi­sche Züge.

Die Mentorin von Hermine Villinger war Anna Ettlinger (1841-1934). Sie, die ebenfalls alleine lebte und für eine bürgerlich-gemäßigte Form der Fraueneman­zi­pa­tion eintrat, war die Tochter eines hoch angese­he­nen jüdischen Anwalts in Karlsruhe. Nach dem Lehre­rin­nenex­amen lebte sie als Privat­ge­lehrte von Vorträgen und Aufsätzen über Literatur und Musik. Ihre 1920 abgeschlos­se­nen Lebens­er­in­ne­run­gen geben einen Einblick in das kulturelle Leben Karlsruhes in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhun­derts, war doch zum einen das Elternhaus auch ein kultu­rel­ler Treffpunkt und nahm sie zum anderen an der Entwick­lung des Hofthea­ters regen Anteil. So verkehrten hier etwa Clara Schumann, Johannes Brahms, Hermann Levi und Julius Allgeyer. (Anders als bei Herzog ist dem Band leider kein Perso­nen­re­gis­ter beigefügt). Zugleich vermitteln diese Lebens­er­in­ne­run­gen Kenntnisse zur jüdischen Lebens­wirk­lich­keit in Karlsruhe mit ihren europa­wei­ten Vernet­zun­gen, wie im Nachwort festge­hal­ten wird.

So unter­schied­lich die fünf Bände der Reihe das gesell­schaft­li­che und kulturelle Leben Karlsruhes in den Blick nehmen, so eint sie doch der gleiche Blick­win­kel. Es ist der des gehobenen bis Groß-Bürgertums, der das eigene Sein und Leben reflek­tiert oder Revue passieren lässt. Ökono­mi­sche und soziale Fragen bzw. Folgen der Indus­tria­li­sie­rung erhalten kaum Aufmerk­sam­keit.

Dr. Manfred Koch, Heraus­ge­ber/Re­dak­tion Blick in die Geschich­te

 

Bespro­chene Bücher

Kleine Karlsruher Bibliothek, hrsg. von Hansgeorg Schmidt-Bergmann & Thomas Lindemann, Infoverlag Karlsruhe

Band 1: Albert Geiger: Die versunkene Stadt, 2006, 266 S., € 14,80

Band 1: Albert Geiger: Die versunkene Stadt, 2006, 266 S., € 14,80



Band 2: Otto Müssle: Von stillen Winkeln einer Stadt, 2007, 92 S., € 10,-

Band 2: Otto Müssle: Von stillen Winkeln einer Stadt, 2007, 92 S., € 10,-



Band 3: Albert Herzog: Ihr glücklichen Augen. Ein Karlsruher Journalist erzählt aus seinem Leben, 2008, 336 S., € 16,80

Band 3: Albert Herzog: Ihr glücklichen Augen. Ein Karlsruher Journalist erzählt aus seinem Leben, 2008, 336 S., € 16,80



Band 4: Hermine Villinger: Die Rebächle, 2009, 192 S., € 13,80

Band 4: Hermine Villinger: Die Rebächle, 2009, 192 S., € 13,80



Band 5: Anna Ettlinger: Lebenserinnerungen, 2011, 392 S., € 16,80

Band 5: Anna Ettlinger: Lebenserinnerungen, 2011, 392 S., € 16,80