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Karlsruhe: Stadtgeschichte

Blick in die Geschichte Nr. 93 vom 23. Dezember 2011: Stadtgründung und Ordensstiftung

Die Fideli­tas­rit­ter im histo­ri­schen Gedächtnis der Fächer­stadt

von Lars Adler

Das sinnträch­tige Wort FIDELITAS hat bis heute einen festen Platz im Erschei­nungs­bild Karlsruhes. Es gibt einen Mobilen Pflege­dienst, das Bürgeramt hat einen "Raum Fidelitas" für standes­amt­li­che Trauungen, es existiert ein Fanfa­ren­zug, ein Gesangs- und ein Volkss­port­ver­ein mit diesem Namen, und bis März 2002 gab es sogar einen eigenen Rundfunk­sen­der mit dem bezeich­nen­den Namen "Welle Fidelitas" in Karlsruhe. Doch fragt man nach der histo­ri­schen Grundlage, auf der diese sprich­wört­li­che TREUE zur eigenen Geschichte fußt, fällt die Antwort nicht selten eher wortkarg aus. Der "Fide­li­tas­or­den" oder auch "Hausorden der Treue" ist meistens noch bekannt, doch welche Rolle er in der Stadt­ge­schichte Karlsruhes wirklich spielte, geriet wohl weitgehend in Verges­sen­heit. Dabei hat der vor nunmehr fast 300 Jahren von Markgraf Karl (III.) Wilhelm von Baden-Durlach gestiftete Fideli­tas­or­den, dessen Insignien an mit dem fürst­li­chen Haus Baden durch "bestän­dige Freund­schaft" verbundene Personen verliehen wurde, bis heute deutlich wahrnehm­bare Spuren im geschicht­li­chen Selbst­ver­ständ­nis der Fächer­stadt "Carls-Ruhe" hinter­las­sen.

Die Ordens­stif­tung und Karlsruhe - Ritter in der Geburts­stunde einer Stadt

Unver­kenn­bar sind bereits die Gründungs­ge­schich­ten des fürst­li­chen Ordens und der späteren Residenz­stadt auf Engste mitein­an­der verwoben. Als Markgraf Karl Wilhelm am Morgen des 17. Juni 1715 mit Gefolge in den Hardtwald fuhr, hatte er an diesem Tage gleich zwei Feier­lich­kei­ten zu begehen: die Stiftung eines Ordens für das fürstliche Haus Baden und die Grund­stein­le­gung zum Turm seines neuen Schlosses. Bezeich­nen­der­wei­se geschah die Ordens­stif­tung zuerst. Auf "einem Knie liegend" wurden neun Adlige vom Markgrafen zu Stiftungs­rit­tern des Fideli­tas­or­dens gekürt, denen allein bis ins Jahr 1803 noch 177 Ritter und im 19. Jahrhun­dert so berühmte histo­ri­sche Persön­lich­kei­ten wie Kaiser Napoleon (1806), Fürst Metternich (1815) oder auch Reichs­kanz­ler Otto von Bismarck (1869) folgen sollten. Die sich an den Stiftungs­akt des Ordens anschlie­ßende Grund­stein­le­gung fand dann auch unter tatkräf­ti­ger Unter­stüt­zung der soeben erst ernannten Ordens­rit­ter statt. So hielt der Hofmar­schall und Ordens­kanz­ler Leopold Melchior von Rotberg eine kurze Rede und Heinrich Franz Adolph Buchelle von Löwencron präsen­tierte als "Intendant des bâtiments" (Bauauf­se­her) die für das Fundament vorge­se­he­nen Einlagen (Medaille, Flasche Oberländer Wein und ein latei­ni­sches Gedicht). Auch die anderen Ordens­rit­ter assis­tier­ten bei der Grund­stein­le­gung und wurden somit im Nachhinein zu quasi "Grün­dungs­vä­tern" der Stadt Karlsruhe. Dies kann teilweise durchaus wörtlich verstanden werden, da einige adlige Ordens­rit­ter vor allem in den Anfangs­jah­ren der Stadt Karlsruhe als Bauherrn auftraten und sich Häuser am "Stra­ßen­zir­kel" errichten ließen.

Die Beziehung zwischen Orden und Stadt manifes­tierte sich aber zudem durch die spätere Ämter­be­set­zung innerhalb der lokalen Landes­ver­wal­tung. Schließ­lich waren in der gesamten ersten Hälfte des 18. Jahrhun­derts alle Obervögte von Karlsruhe und Durlach stets auch Ritter des Fideli­tas­or­dens. Nicht zuletzt aufgrund dieser Konstel­la­tion gab es immer wieder Berüh­rungs­punkte in den Interessen der adligen Ordens­ge­mein­schaft und der fürst­li­chen Residenz­stadt. Wie sich zeigen sollte, war es dabei in erster Linie der zu den Stiftungs­rit­tern zählende Johann Christian von Günzer († 18. April 1752), der in seiner Eigen­schaft als Karlsruher Obervogt immer wieder die Verbindung herstellte.

Das Stadt­wap­pen - Ordens­sym­bo­lik und kommunale Heraldik

Ausgangs­punkt für die Entstehung des Karls­ru­her Stadt­wap­pens war eine schrift­li­che Eingabe vom 21. Mai 1718 des erst wenige Tage zuvor bestallten Karls­ru­her Obervogtes und Ordens­rit­ters Johann Christian von Günzer. Er gab Markgraf Karl Wilhelm zu bedenken, ob nicht "dero Residenz­stadt Carlsruh auch mit einem Wappen zu begna­di­gen" wäre. Als Ordens­rit­ter schlug von Günzer unter Hinweis auf "dero gnädigst ausget­heil­ten Orden" folgende Wappen­ge­stal­tung vor: "das Feld gelb (Gold), der Balcken aber kermoi­sin­roth und das Wort Fidelitas schwartz." Dies entsprach im Wesent­li­chen dem markgräf­lich badischen Stamm­wap­pen, wurde aber durch den Schräg­links­bal­ken abgewan­delt und mit den Charak­te­ris­tika des Ordensklein­o­des ("ker­moi­sin­ro­the" Farbe des Kreuzes, goldene Umfassung und in schwarzen Majuskeln ausge­führte Inschrift FIDELITAS auf dem weiß email­lier­ten Medaillon des Klein­o­des) kombiniert. Unter Berück­sich­ti­gung dieses Entwurfes genehmigte Markgraf Karl Wilhelm in der am Montag, dem 23. Mai 1718, statt­ge­fun­de­nen Kabinetts­sit­zung die Einführung des Stadt­wap­pens. Jedoch wünschte der Markgraf eine Modifi­zie­rung des Wappens dahin­ge­hend, dass er eigen­hän­dig auf der Eingabe von Günzers notierte: "fiat [es geschehe] daß Feld Roth und der Balcken orangegelb mit den schwartzen Buchstaben." Aus bis heute ungeklär­ten Umständen wurde jedoch die markgräf­li­che Resolution vom Karlsruher Oberamt nicht den Vorgaben gemäß umgesetzt. Selbst die frühesten Wappen­über­lie­fe­run­gen auf städti­schen Siegeln der Jahre 1731 und 1733 zeigen anstatt des ursprüng­lich projek­tier­ten Schräg­links- den Schräg­rechts­bal­ken als Herolds­stück. Zudem fehlt zum Teil die Inschrift "Fide­li­tas" auf dem Schräg­bal­ken. Hinzu kommt, dass die mit Tinkturen überlie­fer­ten Karlsruher Wappen­dar­stel­lun­gen spätestens seit dem Beginn des 19. Jahrhun­derts fälsch­li­cher­weise in Gold einen roten Schräg­bal­ken dokumen­tie­ren. Erst eine Wappenan­frage vom Oktober 1894 veran­lasste den Karlsruher Stadtrat zu einer einge­hen­den Prüfung der Darstel­lung des Stadt­wap­pens. Unter Berufung auf das wieder entdeckte markgräf­li­che Reskript aus dem Jahre 1718 wurde mit Stadt­rats­be­schluss vom 21. März 1895 die Abänderung der in Gebrauch befind­li­chen Siegel angeordnet. Seither führt die Stadt Karlsruhe nach amtlicher Festlegung bis heute als Wappen: "In Rot ein beider­seits silbern (weiß) einge­fas­s­ter goldener (gelber) Schräg­bal­ken, auf dem das Wort FIDELITAS in schwarzen latei­ni­schen Großbuch­sta­ben steht". Damit wurde die ursprüng­li­che Wappen­vor­gabe des Stadt­grün­ders und Ordens­meis­ters Karl Wilhelm jedoch erneut nicht mit letzter Konsequenz umgesetzt. Davon unberührt bleibt, dass Karlsruhe die einzige Stadt der deutschen Frühneu­zeit war und bis heute geblieben ist, die mit der Gestaltung ihres Wappens die Erinnerung an eine fürst­li­che Ordens­ge­mein­schaft des Spätba­rocks bewahrt.

Die Straßen­na­men - ordens­rit­ter­li­ches Gedächtnis und städtische Infra­struk­tur

Die städtische Gesamt­an­lage der barocken Planstadt Karlsruhe wird maßgeblich durch das vom ehema­li­gen Residenz­schloss ausgehende fächer­för­mige Straßen­sys­tem bestimmt. Dieses Charak­te­ris­ti­kum prägt die gesamte inner­städ­ti­sche Infra­struk­tur. Damit unmit­tel­bar verbunden war aber auch eine Maßnahme, die in der Geschichte des frühneu­zeit­li­chen Ordens­we­sens einzig­ar­tig blieb: - die syste­ma­ti­sche Benennung der Straßen und Alleen nach den Namen von Ordens­rit­tern.

Erneut war der Karlsruher Obervogt Johann Christian von Günzer der Initiator. Nach Beratung mit seinem Ordens­bru­der Leopold Melchior von Rotberg, der nicht nur Ordens­kanz­ler des Fideli­tas­or­dens, sondern auch von Günzers Schwager war, wurde noch Mitte Mai 1718 ein richtung­wei­sen­der Vorschlag erarbeitet. Markgraf Karl Wilhelm wurde zu Bedenken gegeben, ob nicht die neu angelegten Karlsruher Gassen "zur Ehren des von Ihro Durch­laucht aufge­rich­te­ten Ordens, nach deren Nahmen derer vornehms­ten Rittern desselben benennet werden mögten." Die Entschei­dung darüber fiel auf dem Ordens­ka­pi­tel vom 17. Juni 1718. Nach Anhörung der versam­mel­ten Ordens­rit­ter wurde beschlos­sen, dass fortan die Karlsruher Radial­stra­ßen "nach denen Nahmen des Durch­leuch­tigs­ten Ordens­herrn und der ersteren Herrn Ordens-Cavalliers benennet werden." Anhand einer kolorier­ten (aber leider undatier­ten) Aquarell­zeich­nung aus den Ordens­ak­ten ist zu erkennen, dass man dafür die neun vom Residenz­schloss nach Süden ausge­hen­den Hauptra­di­al­stra­ßen ausgewählt hatte. Die vom Zentrum des Schlosses in die Stadt führende Straße erhielt nach dem Ordens­meis­ter den Namen "Carls­gass", die vier westlich davon gelegenen die Namen "Günze­ri­sche, Alt-Dresen-, Löven­crant­zi­sche" und "Rotber­gi­sche Gass", die vier östlich davon befind­li­chen die Namen "Erbprin­zi­sche, Löven­cro­ni­sche, Planti­sche" und "Jung Dresen-Gass". Mit Ausnahme der Erbprin­zi­schen Gasse handelte es sich dabei um die Namen der Stiftungs­rit­ter des Ordens aus dem Jahre 1715.

Diese syste­ma­ti­sche Benennung der Karlsruher Gassen nach den Namen von Fideli­tas­rit­tern wurde konse­quent fortge­führt und zudem von den neun großen Radial­stra­ßen auf die übrigen 23 strah­len­för­mig vom Schloss verlau­fen­den Waldalleen ausgedehnt. Bereits verschie­dene Stadt­an­sich­ten aus dem Jahre 1720 zeigen die nament­li­che Beschrif­tung der insgesamt 32 Zugangspas­sa­gen. Durch die direkte Bindung der Namens­ver­gabe der Straßen an den Status der Ordens­mit­glied­schaft der entspre­chen­den Person konnte das System jedoch nicht unver­än­der­lich fortge­führt werden, denn bei freiwil­li­gem Austritt oder unehren­haf­tem Ausschluss eines Ritters aus der Ordens­ge­mein­schaft verlor auch der betref­fende Straßen­name seine Gültigkeit. Dies führte in der Praxis bereits in den 1720iger Jahren zu mehreren Umbenen­nun­gen der Straßen. Für den obsolet gewordenen Ordens­rit­ter wurde einfach der Name des zeitlich in der Ordens­ma­tri­kel folgenden Kandidaten für die Straßen­be­nen­nung heran­ge­zo­gen und "mithin ein anderes Blech [Stra­ßen­schild] verfertigt und angeschla­gen."

Die notwendig werdenden Namens­än­de­run­gen der Straßen ließen aber auch die system­im­ma­nen­ten Schwie­rig­kei­ten des Verfahrens deutlich werden. Die fortwäh­ren­den Umbenen­nun­gen führten zu Irrita­tio­nen unter den Karlsruher Bürgern, und die eher "aristo­kra­ti­sche" Namens­ge­bung trug nicht eben zu deren Popula­ri­tät bei. Aus diesen Gründen entschied man sich um das Jahr 1732 für ein gleichsam "demo­kra­ti­sche­res" Verfahren. Die betref­fen­den Gassen wurden künftig nach den darin stehenden Wirts- und Gasthäu­sern benannt. Fortan gab es eine Ritter-, Lamm-, Bären-, Kreuz-, Adler-, Kronen- und eine Waldhorn­gas­se bzw. -straße. Mit Ausnahme der Bärengasse (jetzt Karl-Friedrich-Str.) sind dies die bis heute gültigen Straßen­na­men in der Karlsruher Innenstadt. Nur die restlichen zwei der insgesamt neun Radial­stra­ßen bekamen ihren neuen Namen nicht nach anlie­gen­den Wirts­häu­sern. Zum einen betrifft dies die so genannte "Wald­stra­ße", die aufgrund der Nähe zum angren­zen­den Wald ihren Namen erhielt. Zum anderen handelt es sich um die "Herren­stra­ße". Sie erinnert bis zum heutigen Tag an die Ordens­rit­ter (adlige Herren) und verweist auf die zu Zeiten der Gründung Karlsruhes gebräuch­li­che Straßen­be­nen­nung nach den Namen der Mitglieder eines Ordens, dessen 200-jährige Geschichte schließ­lich erst mit dem Untergang der Monarchie und dem Thron­ver­zicht des badischen Großher­zogs Friedrich II. am 22. November 1918 ihr Ende fand.

Dr. Lars Adler, Archivrat, Hessisches Staats­ar­chiv Darmstadt

Ausführ­lich zum Thema: Lars Adler: Die Ordens­stif­tun­gen der Markgrafen von Baden 1584-1803, Offenbach 2008.

 

Der Stadtgründer und Ordensstifter Markgraf Karl Wilhelm (1679 - 1738). Foto: StadtAK 8/PBS oI 90

Der Stadtgründer und Ordensstifter Markgraf Karl Wilhelm (1679 - 1738). Foto: StadtAK 8/PBS oI 90



Entwurf für die Benennung der Karlsruher Radialstraßen von Markgraf Karl Wilhelm 1718. Foto: StadtAK 8/PBS XVI 12

Entwurf für die Benennung der Karlsruher Radialstraßen von Markgraf Karl Wilhelm 1718. Foto: StadtAK 8/PBS XVI 12



Umzeichnung des Ordenssiegels aus den Ordensstatuten von 1716 (Originalgröße 45 mm). Foto: Generallandesarchiv Karlsruhe

Umzeichnung des Ordenssiegels aus den Ordensstatuten von 1716 (Originalgröße 45 mm). Foto: Generallandesarchiv Karlsruhe



Der so genannte Administrationsgulden von 1740 (Originalgröße 32 mm) zeigt auf der Vorderseite (oben) auf bekröntem Wappenmantel das badische Wappen und auf der Rückseite (unten) das Ordenskreuz des Fidelitasordens. Foto: Badisches Landesmuseum Karlsruhe

Der so genannte Administrationsgulden von 1740 (Originalgröße 32 mm) zeigt auf der Vorderseite (oben) auf bekröntem Wappenmantel das badische Wappen und auf der Rückseite (unten) das Ordenskreuz des Fidelitasordens. Foto: Badisches Landesmuseum Karlsruhe


Rückseite des so genannten Administrationsgulden von 1740.